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Mein Montag

Er schiebt auch mal eine ruhige Kugel

Am Bodensee aufgewachsen, lebt Kugelstoss-Legende Werner Günthör seit 1981 im Seeland. Heute bildet der 130 Kilo schwere Zwei-Meter-Mann mit Schuhgrösse 48 in Magglingen Sportlehrer aus.

Auch heute ganz oben: Der in Erlach wohnende Werner Günthör hoch über dem Seeland auf der Terrasse des Bundesamtes für Sport in Magglingen. Einst hat er dort trainiert, heute ist er in der Ausbildung tätig. Nico Kobel

Von Beat Kuhn

«Einen speziellen Tagesablauf am Montag habe ich nicht. Ich kann nicht sagen, am Montag ist dies, am Dienstag das und so weiter. Jeder Tag ist anders, je nachdem, welche Arbeiten gerade anfallen. Kein Tag ist wie der andere, es ändert ständig, und das ist es auch, was mir Freude macht. Das Einzige, was jeden Tag gleich ist, ist, dass ich am Morgen den Computer einschalte.

Aufgewachsen bin ich am Bodensee, in Uttwil bei Romanshorn. Ich habe eine Lehre als Sanitärinstallateur absolviert, danach aber nie auf dem Beruf gearbeitet. Schon mit 20 bin ich hierher in die Region gekommen. Damals, 1981, absolvierte ich zunächst in Wangen an der Aare die Rekrutenschule bei den Luftschutztruppen. Ab dem Herbst war ich dann in Magglingen, um Kugelstossen auf Leistungssportniveau zu trainieren. Damals sprach man noch von der Eidgenössischen Turn- und Sportschule – die heutige Eidgenössische Hochschule für Sport ist nur ein Teilbereich des Bundesamtes für Sport (Baspo), wie der Oberbegriff lautet. Von einer Rekrutenschule speziell für Spitzensportler, wie es sie heute in Magglingen gibt, war man damals noch weit entfernt. Einzig die Fussballer hatten in der Schweiz diesbezüglich gewisse Möglichkeiten. Dass ich hierher kam, hat nichts mit meiner Leistungsstufe zu tun, sondern damit, dass Jean-Pierre Egger, mein Trainer, hier arbeitete. Wäre er zum Beispiel in Neuenburg tätig gewesen, hätte ich wahrscheinlich dort trainiert. Die Infrastruktur in Magglingen ist allerdings schon ideal.

Ich habe auch dreieinhalb Jahre in Magglingen gewohnt, im Haus der Kunstturner. Gelebt habe ich damals von Almosen: Bei den Kunstturnern hatte ich gratis Kost und Logis, ansonsten bekam ich etwas Geld vom Stadtturnverein Bern, und meine Eltern haben mich unterstützt, so gut es ging. Aber mit dem Sport Geld verdienen konnte man damals nicht. Das war erst später möglich.

Meine Sportkarriere habe ich 1993 an den Nagel gehängt, aber Magglingen bin ich treu geblieben – bis heute: Ich bilde dort Sportlehrer aus. Aus diesem Grund bin ich auch privat in der Region geblieben. Meine Frau Nadja ist nachgekommen, und wir sind in La Neuveville in eine Wohnung gezogen. Mit Nadja bin ich schon ewig zusammen, sie ist Romanshornerin. Kennengelernt haben wir uns, als ich daran war, meine Zelte in der Ostschweiz abzubrechen. So hatten wir anfangs eine Wochenendbeziehung. In La Neuveville wohnten wir zehn Jahre, dann wurde das Mehrfamilienhaus verkauft und wir erhielten relativ kurzfristig die Kündigung. Wir schauten uns nach etwas Neuem um, und zufällig stand in Erlach ein Haus zum Verkauf, mit Blick auf den etwa 200 Meter entfernten See. Dort leben wir nun auch schon über 20 Jahre.

Erlach ist ein herziges Städtchen, und es gefällt uns gut hier in der Region. Das leicht hügelige Seeland erinnert mich an meine Thurgauer Heimat, und es hat ebenfalls einen See. Am meisten an den Bodensee erinnert mich lustigerweise aber nicht der Bielersee, sondern der Geruch von frischem Heu. Im Sommer hat es natürlich unglaublich viele Touristen am Erlacher Strand, da gehe ich dann nicht auch noch hin. Ich bin zwar gerne mit Leuten zusammen, aber nicht in Menschenmengen. Ich bin eher ein Landei – wobei Erlach abgesehen vom Strand im Sommer sehr, sehr ländlich ist. Aber der Tourismus stört mich ganz und gar nicht, im Gegenteil, es ist ja schön, wenn die Leute hierher kommen, wenn es einen Ort gibt, wo es schön ist, wo sie sich wohlfühlen, wo sie den See geniessen können. Erlach bietet für Erholungssuchende ja viel, auch mit der Schiffanlegestelle, als Ausgangspunkt für Wanderungen auf die St. Petersinsel oder den Zihlkanal.

Wir haben uns in Erlach auch engagiert: Meine Frau war im Gemeinderat, ich selbst war in der Schulkommission – wobei ich selbst nicht in der SVP bin wie sie. Ich habe auch schon in regionalen Organisationen mitgeholfen, etwa bei den Schweizer Schulsport-Meisterschaften in Lyss, aber ich bin nicht in einem Turnverein oder so. Im Winterhalbjahr spiele ich einfach jeden Dienstag mit Kollegen in Lyss Eishockey. Dabei habe ich mir auch schon das Jochbein gebrochen, die Schulter verletzt oder die Bänder gerissen. Aber wenn man Eishockey spielt, gibt es halt auch mal Blessuren. Die Rückenprobleme aus meiner aktiven Zeit als Kugelstosser habe ich einigermassen im Griff. Wenn ich meine Übungen regelmässig mache, geht es gut, wenn ich sie auf der Seite lasse, tut es wieder ein bisschen weh – der Rücken ist meine Achillesferse. Auch mein Knie spüre ich hie und da, wenn ich es belaste. Aber andere in meinem Alter haben auch irgendwo ein Boboli. Im Grossen und Ganzen geht es mir relativ gut.

Ich werde noch immer von Leuten angesprochen, am meisten an Sportanlässen. In der Regel freuen sie sich einfach, mich mal in echt zu sehen und wechseln zwei, drei Sätze mit mir, erzählen etwa, wie sie mir in einem Wettkampf die Daumen gedrückt hätten. Und kürzlich sagte einer, er habe parallel zur Leichtathletik-WM 1987 den Hauptmann abverdient und einen Zusammenschiss bekommen, nachdem er sich mit der Begründung abgemeldet habe, er müsse jetzt fernsehen, der Günthör sei am Kugelstossen. Anerkennung freut mich natürlich und macht mich auch ein bisschen stolz. Aber ich bin nicht darauf aus, berühmt und populär zu sein. Ich habe immer versucht, der zu bleiben, der ich war, auch nach Erfolgen – das ist auch nicht so wichtig, primär ist das etwas, was einen selber prägt.

Neben meiner Tätigkeit am Baspo halte ich auch Vorträge vor Leuten aus der Wirtschaft. Manches im Berufsleben ist ähnlich wie im Sport. Zum Beispiel muss man wissen, wie man sich motivieren kann. Oder dass man nicht immer unter Strom stehen soll, weil man sonst ausbrennt und im Burn-out endet. Wer für Leistung Spannung aufbauen will, muss auch entspannen können, indem er zwischendurch etwas ganz Anderes tut – oder gar nichts. ‹Auf seine Insel gehen› nenne ich das. Ich selbst kann auch mal die Seele baumeln lassen, in der Hängematte liegen und einfach ‹e chli sii›.»


INFOBOX:

«Kugel-Wernis» einzigartige Karriere
Am 1. Juni 1961 in Uttwil am Bodensee geboren, zog Werner Günthör im Alter von 20 Jahren nach Magglingen, weil sein legendärer Trainer Jean-Pierre Egger – der selbst ein erfolgreicher Kugelstosser und Diskuswerfer gewesen war – dort arbeitete. Günthör holte an drei Leichtathletik-Weltmeisterschaften hintereinander Gold: 1987 in Rom, 1991 in Tokio und 1993 – nachdem der Abstand zwischen den Weltmeisterschaften von vier auf zwei Jahre gesenkt worden war – in Stuttgart. Überdies gewann er an den Olympischen Spielen 1988 im südkoreanischen Seoul Bronze. Damit ist er bis heute der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet. Dreimal wurde «Kugel-Werni» zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt. Seine Bestweite mit der 7,25 Kilo schweren Kugel (Frauen: Vier Kilo) von 22,75 Meter, 1988 in Bern erzielt, belegt er in der ewigen Bestenliste den fünften Platz. Im Jahre 1993 ist der zwei Meter grosse und 130 Kilo schwere Günthör mit Schuhgrösse 48 vom Spitzensport zurückgetreten.

 

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