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Jura

Entrückende Schönheit, aber mit Tücken

An schönen Wintertagen ist der Chasseral eine Symphonie in Weiss und Blau. Allerdings ist es eine Welt mit Gefahren für Tourengänger.

  • 1/7 Weissblaue Weite - mit Vorsicht zu geniessen. Bild: Susanne Goldschmid
  • 2/7 Blick von der Nordseite auf den Chasseral: Der Wind verfrachtet Unmengen Treibschnee. Bild: Susanne Goldschmid
  • 3/7 Gämsen fristen im Winter ein hartes Leben. Tourengägnger dürfen die Tiere nicht aufschrecken, und müssen das Wildschutzgebiet auf der Nordseite des Chasseral respektieren. Bild: Susanne Goldschmid
  • 4/7 Bild: Susanne Goldschmid
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  • 7/7 Bild: Susanne Goldschmid
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Lotti Teuscher

Diese Stille! Dieses blaue Licht am Schattenhang; der Wald in Sepiafarben, wie auf einer uralten Postkarte. Zwischen kerzengeraden Tannen schimmert die Nordkrete des Chasseral. Welch ein Kontrast zum Schattenhang! Gleissend, leuchtend, blendend, strahlend – Worte reichen nicht, um zu beschreiben, was die Augen sehen.

Stopp. Am Steilhang rechter Hand, einer Geröllhalde unterhalb von Felsen, gehen immer wieder Schneebretter ab.

Letzten Montag war die Lawinengefahr im Jura oberhalb von 1200 Meter über Meer erheblich. Typische Anzeichen für die dritthöchste Stufe der Lawinenskala sind Wummgeräusche: Es knallt oder zischt, wenn Risse in der Schneedecke entstehen – Alarmzeichen, die Schneebrettern vorausgehen. Ist die Lawinengefahr erheblich, können Lawinen, auch ohne Einwirkung und vor allem an Steilhängen, leicht ausgelöst werden. Während dieser Stufe geschehen 61 Prozent aller tödlichen Lawinenunfälle.

Wo sich Füchse, Hasen 
und Marder treffen
Später wurde es wärmer auf dem Chasseral, die Schneedecke hat sich verfestigt, am letzten Mittwoch ist die Lawinengefahr im Jura auf die tiefste Stufe gesunken: gering. Was allerdings nicht bedeutet, dass jeder Hang sicher ist: Experten wie der Bergführer Daniel Silbernagel, Verantwortlicher für das offizielle SLF-Lawinenbulletin im Jura, können lediglich grossräumige Einschätzungen abgeben.

50 Höhenmeter tiefer, der Wald öffnet sich. Das Hochmoor Pré aux Auges – fast kreisrund, baumlos, begrenzt von Wald, Hängen und einer trutzigen Felswand, fünf Mal so hoch, wie eine mittelalterliche Burg ¬– ist unter einer weissen Decke verschwunden. Spuren queren den Schnee. Ein paar Skispuren, Hasen-, Fuchs-, Marderspuren. Wir stapfen eine weitere Spur; eine Schneeschuhspur in Richtung der Combe-à-Maillet.

Ein stilles Hochtal zwischen zwei Kreten, ein weisses V. Unsere Augen suchen die Flanken unterhalb des lockeren Waldes ab: Hier hält sich oft ein Rudel Gämsen auf. Die Gämsen sind heute anderswo, stattdessen verzaubern uns Bäume. Tannen, unter der Last des Schnees zusammengeklappt; schmal, eingepackt in Schnee, so dicht wie Gips. Bergahorn, die Krone filigran, selbst dünnste Ästchen sind rundherum mit Schnee geweisst.

Baumeister dieser Skulpturen war ein Orkan, der letzten Sonntag mit 150 Stundenkilometern über die Höhen getobt war.

Schneeschuhgänger, 
besser aufgepasst!
«Tödliche Lawinenenunfälle sind im Jura selten», sagt Daniel Silbernagel. Dennoch mahnt der Bergführer zur Vorsicht. Während Skitourengänger meist Lawinenpräventionskurse besucht haben und sich vor der Tour informieren, neigen Schneeschuhläufer laut Silbernagel zu Fahrlässigkeit: «Sie bewegen sich häufig auf offiziellen Schneeschuhtrails und haben weniger Erfahrung im Beurteilen des Geländes.»

Architekt der Lawinen im Jura ist der Wind. Heftige Stürme sind im kleinen Gebirge in den höheren Lagen keine Seltenheit, weil die höchsten Gipfel wie der Chasseral Solitäre sind: In ihrer Nähe gibt es – anders als auf gleicher Höhe in den Alpen – keine höheren Berge, die den Wind bremsen.

Der Orkan, der am letzten Sonntag tobte, hat Unmengen Schnee verlagert. Der Triebschnee hat sich hinter Kanten, in Couloirs und Mulden abgelagert. Überall, wo das Gelände mindestens 30 Grad steil ist, können sich danach Schneebretter lösen.

Was knirscht, knurrt
und quietscht da?
Das V-Tal der Combe-à-Maillet ist vom Sturm, der vor fünf Tagen den Schnee verblasen hat, weitgehend verschont geblieben: Bei Westwind ist das Tal durch höheres Gelände geschützt, die Bise hingegen trifft weniger auf Hindernisse. Während der letzet zwei, drei Tage war es hier extrem kalt. Schneeschuhe und Wanderstöcke entlocken dem Schnee Töne, die ein wenig unheimlich klingen würden, sagt Fotografin Susanne Goldschmid.

Es knirscht, knurrt, quietscht, sirrt. So klingt Schnee, wenn er sehr kalt und trocken ist. Stellenweise erinnert die Struktur des Schnees an Mehl: Die letzten Nächte waren sternenklar, Wärme ist ungehindert ins Weltall entwichen; in der Combe-à-Maillet hat sich ein Kältesee entwickelt.

An den Hängen des Petit Chasseral, der die Südseite der Combe-à-Maillet bildet, hat Architekt Wind ganze Arbeit geleistet. An den Couloirs am baumlosen Hang hat der Sturm mit Triebschnee markante Wächten geformt. Weiche runde Formen, ästhetisch, aber tückisch. Zwei Skitourengänger umfahren das Couloir mit respektvollem Abstand.

Die zweite Gefahr im Jura bilden Gleitschneelawinen in allen Expositionen. Während es in den höheren Lagen in den Alpen zumindest während der Nächte durchwegs kalt ist, taut im Jura der Schnee im Winter öfter auf. Es regnet, der Schnee wird schwer. Irgendwann kommt die Schneedecke an Steilhängen ins Gleiten.

«Häufig rutschen Nassschneelawinen Waldschneisen hinunter», warnt Lawinenexperte Silbernagel. Lawinen gehen somit auch in Wäldern ab, die als sicher erachtet werden. Beispiele dafür sind die hohen, steilen und bewaldeten Hänge der Schluchten Combe Biosse oder Combe Grède an der Nordseite des Chasseral.

Geometrie, geschaffen von Natur, Wind und Mensch
Am Ende des V-Tals erscheinen zwei silberweisse Dreiecke, die Spitze zum eisblauen Himmel gerichtet – ein Bild voller Geometrie und Poesie. Es sind die Dächer der Métairie Murten; während des Sommers werden hier Wanderer und Biker bewirtet, im Winter ist es ein einsamer Ort.

Die Krete über der Sennerei wirkt auf uns wie ein weisser Magnet, wir stapfen den Hang hoch. Die Krete sieht aus wie erstarrtes Meer. Wogen, Wellentäler, Wächten, kleine, grosse; Schnee, geformt vom Wind. Andächtig sehen wir uns um, die Augen erforschen diese Mondlandschaft. Sie lockt zum Weitergehen, doch stopp! Hinter der bescheidenen Skihütte auf der Krete ist ein Wildschutzgebiet.

Achtung 
Mittreissgefahr
Anders als in den Alpen, gibt es im kleinräumigen Jura keine mächtigen Lawinen; hier gehen eher kleinere Schneebretter ab. Oft werden Tourengänger nicht ganz verschüttet. Ihnen droht eine andere Gefahr: Wenn sie vom Schnee mitgerissen werden, können sie gegen Bäume und Felsen prallen oder über eine Felswand gerissen werden.

Während wir durch die Combe-à-Maillet zurückwandern, halten wir erneut Ausschau nach Wild. Nichts. Es scheint, als würden nicht nur die Murmeltiere im Hochtal einen Winterschlaf halten. Beinahe sind wir bei der Métairie des Plânes angelangt.

Der Überlebenskampf 
der Gämsen
Da entdecken wir unter einer Tanne etwas Dunkles, das sich bewegt. Eine Gämse! Ein zweiter Blick: Es sind 14. Die Gämsen stellen sich auf die Hinterbeine, recken den Hals, zupfen an Tannennadeln, kauen dünne Äste, das ist ihr karges Wintermahl. Die Gämsen müssen jetzt mit jedem Quäntchen Energie sparsam umgehen. Sie bewegen sich langsam, sie strahlen dabei eine Ruhe aus, die würdevoll wirkt.

Langsam ziehen wir uns zurück, um die Gämsen nicht in die Flucht zu jagen. Denn es ist Winter, wir sind Eindringlinge, die sich in dieser weissen Welt zurückhaltend bewegen sollten. Zum Schutz der Wildtiere und zu unserem eigenen Schutz.

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