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Sommerserie

Ein Graben, in dem sich Kühe und Wanderer verlaufen

Der Frieswilgraben ist eine eher unbekannte Sehenswürdigkeit des Seelands. Wer am Frienisberg nicht in die Höhe, sondern in die schattige Tiefe will, ist dort am richtigen Ort. Doch die Natur ist nur scheinbar unberührt: Der Graben bietet einige Überraschungen.

  • 1/14 Einstieg in den Frieswilgraben beim Bösacherwald. Bild: Peter Samuel Jaggi
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  • 11/14 Einer der Armeebunker. Bild: Peter Samuel Jaggi
  • 12/14 Bild: Peter Samuel Jaggi
  • 13/14 Bild: Peter Samuel Jaggi
  • 14/14 Bild: Peter Samuel Jaggi
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  • Dossier

von Andrea Butorin

Wer Kontraste sucht, ist in der Region rund um den Frienisberg gut aufgehoben. Da wäre zum Beispiel das Wahrzeichen des einst vom Rhonegletscher modellierten Bergs: der Chutzeturm. Auf 820 Metern über Meer thront er über dem Seeland, Wind und Sonne ausgesetzt. Er ist ein Anziehungspunkt für viele Tagestouristen und besitzt sogar eine eigene Website.

Weit weniger Bekanntheit geniesst das Gegenstück zum hoch gelegenen Aussichtsturm. Denn am Südwesthang des Frienisbergs findet sich – rund 300 Meter tiefer gelegen – ein Ort, der an Schatten nicht geizt:der Frieswilgraben.  

«Was, wie heisst dieser Graben?», fragte der BT-Fotograf. Und auch Geologe Fritz Schlunegger vom Institut für Geologie der Universität Bern muss erst einmal die Landkarten studieren, ehe er genauere Auskünfte geben kann.

Aussergewöhnliche Tiefe
Wir nehmen die Sache deshalb selbst in die Hand und fahren nach Frieswil. Im Bösacherwald unterhalb des Dorfes führt ein Wanderweg hinab in den Graben, präzise gesagt ins Harheuelloch.

Bereits beim Einstieg zeigt sich, welch imposanten Ausmasse dieser Graben hat. «Die Einschnittstiefe des Frieswilgrabens beträgt fast 100 Meter, das ist aussergewöhnlich für das Mittelland», wird Fritz Schlunegger später sagen.

Der Frieswilgraben erinnert in seiner Form an den Vierwaldstädtersee. Er geht in mehrere Gräben über – da gibt es etwa den Schafrain oder die Winterhale – und reicht von Frieswil bis an den Wohlensee. Ein anderer Ausläufer endet via Sandbüel und Weidhusgrabe kurz vor Innerberg.

Unten angekommen, zeigt sich:Es wären auch andere Wege in den Graben möglich gewesen. Der breite Kiesweg, als Wanderweg markiert, wäre sogar mit dem Auto befahrbar, was allerdings einzig der Forstwirtschaft erlaubt ist – und der Schweizer Armee. Doch dazu später mehr.

«Welcome to Kerbholz»
Eine alte, mit Moos bewachsene und halb offene Holzhütte bildet so etwas wie das Zentrum des Grabens. Geografische Lage: 518 Meter über Meer.

Unweit dieses alten Försterhauses in Richtung Frieswil steht eine weitere Hütte, die Aufmerksamkeit erregt. «Welcome to Kerbholz», steht da. In der Waldschule Kerbholz 28 werden Kinder betreut, die vom normalen Schulunterricht suspendiert wurden.

Die Kinder reisen jeden Tag aus Bern an und verbringen den ganzen Tag im Wald – eine selbstgezimmerte Aussenküche und viele Spielecken zeugen davon. Die Verantwortlichen leben die Pädagogik von Rudolf Steiner und Maria Montessori. Doch jetzt sind Sommerferien, und Kerbholz ist verlassen.

Mitten im kalten Krieg
Ebenso verlassen sind die Bauten, die auf dem Wanderweg in Richtung Wohlensee folgen. Urplötzlich ist man in einer anderen Welt:von der schattigen Idylle mitten im kalten Krieg. Ein verlassenes, barackenähnliches Haus steht inmitten eines Wendeplatzes, ab hier ist der Weg plötzlich geteert. Am Fels führt eine Rampe zu einem geschlossenen Tor – hier steht augenscheinlich ein Bunker. Und gleich um die Ecke noch einer. Und noch einer. Ein weiteres «Chalet» ist mit einer dezenten Plakette des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) versehen.

Wir fragen nach. «Bei dem von Ihnen erwähnten Objekt handelt es sich um eines des VBS und es unterliegt den Schutzvorschriften. Angaben über die Zahl noch in Betrieb befindlicher Immobilien sind klassifiziert», antwortet Kaj-Gunnar Sievert, Leiter Kommunikation bei Armasuisse, etwas kryptisch. Offener ist da das Schweizerische Bundesarchiv, in welchem von «Munitions-Einlagerung in Wohlen-Frieswilgraben» seit 1954 die Rede ist. Zum heutigen Verwendungszweck könne er keine Auskunft geben, sagt Sievert.

Nach diesem etwas befremdlich wirkenden Refugium der Schweizer Armee nimmt wieder die Natur überhand. Der markierte Wanderweg geht weiter bis zum Wohlensee.
 

Wanderer verirren sich
Hansueli Brunner, Präsident der Waldgenossenschaft Wohlen und wohnhaft in Frieswil, kennt den Wald bestens. Wenn bei den lokalen Landwirten Tiere ausbüxten, komme es ab und zu vor, dass man diese im Graben suchen müsse. «Auch die Wanderer verirren sich ab und zu, denn  der Graben ist wirklich sehr gross und unübersichtlich», sagt er.

Der Experte für die Entstehung des Frieswilgrabens ist Geologe Fritz Schlunegger: Einst modellierte der Rhonegletscher die Seeländer Landschaft. Der Frienisberg sei mit seiner Ost-West-Ausrichtung ein typisches Beispiel dafür, ebenso etwa der Jäissberg oder die St. Petersinsel. «Als der Gletscher zurückging, schnitten sich die Bäche in die Landschaft.», sagt er. Und genau so sei der Frieswilgraben entstanden.

Aussergewöhnlich sei neben der Tiefe, dass im Graben der Fels zum Vorschein komme. Normalerweise bestehe der Untergrund eher aus Kies, Lehm oder Ton.

Hansueli Brunner weiss, dass der Graben vor dem Zweiten Weltkrieg grösser war als heute:Er habe damals bis zum Schulhaus Matzwil gereicht. «Doch wegen der Anbauschlacht von Bundesrat Wahlen musste das Land gerodet werden.» Auch er als Landwirt bewirtschafte solches Land. Nach dem Krieg hätte Frieswil den Graben «für ein Zvieri» erwerben können – was offenbar unterlassen wurde. Heute gehört der eigentliche Frieswilgraben dem Kanton Bern, er ist sogenannter Staatswald.

Hansueli Brunner hat als Frieswiler viel Zeit im Graben verbracht. «Früher sind wir sonntagelang in den Bächen herumgelaufen.» Die Bäche mit ihren kleinen bis mittleren Wasserfällen findet er denn auch das Spektakulärste, was der Graben zu bieten hat. Ebenfalls schätzt er den erwähnten Wanderweg vom Bösacherwald hinunter, und zwar als Mountainbike-Trail.

Ein Wunsch ist ihm bislang noch nicht erfüllt worden:«Ich möchte sehr gern einmal die Armeestollen besichtigen.» Früher sei das Militär beinahe wöchentlich in Frieswil anzutreffen gewesen. Heute sei es nur noch selten vor Ort.

Frage: In welchem Graben suchen Sie Zuflucht vor der Hitze? Schicken Sie uns ein Bild und allenfalls eine Geschichte dazu an region@bielertagblatt.ch

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