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Seeland

Die Schüler von der Strasse weg holen

Traditionell wird das Altpapier in den Seeländer Gemeinden von den Schulen eingesammelt. Immer häufiger setzt man aber auf andere Modelle, auch der Sicherheit wegen.

Älteste Recycling-Art: Altpapier wird seit Jahrzehnten wiederverwertet. René Villars/a

Von Beat Kuhn

«Die Schule möchte keine Altpapiersammlungen mehr durchführen», hat die Gemeinde Studen kürzlich mitgeteilt. Ab nächstem Jahr werde Altpapier monatlich, Karton quartalsweise durch die Bürener Entsorgungsfirma Schlunegger Transporte AG eingesammelt. Dies habe Mehrkosten von knapp 4000 Franken zur Folge. In Dotzigen wird Altpapier und Karton schon heute – analog dem Kehricht – durch die Firma aus Büren gesammelt, und seit Anfang 2009 ist auch Safnern Kunde von Schlunegger.

In Meinisberg hat die Schule schon 1996 mit Einsammeln aufgehört, wie Ivan Marti, Vorsteher des Ressorts Sicherheit, Verkehr, Umwelt, Soziales und Gesundheit, sagt. Ab da wurden Altpapier und Karton alle vier Wochen von Schlunegger entsorgt. Grund für den Wechsel war gemäss einem Zeitungsartikel von 1996, dass nach der damaligen Eröffnung des Oberstufenzentrums Gottstatt-Orpund nur noch Primarschülerinnen und -schüler im Dorf gewesen seien. Für sie aber sei diese Aufgabe eine Überforderung gewesen.

In Orpund wären zwar Oberstufenschüler vorhanden. Trotzdem wird das Altpapier laut der stellvertretenden Gemeindeschreiberin Andrea Kobi auch dort einmal im Monat durch Schlunegger eingesammelt, in Zusammenarbeit mit den Werkhofmitarbeitern.

Individuell an einer Sammelstelle

Auch Epsach hat wegen einer Umstrukturierung umgestellt: Seit der Schulzusammenlegung mit Täuffelen 2015 hat man «eine ständige Altpapiersammlung bei der Separatsammelstelle», wie Gemeindeverwalterin Heidi Ryser sagt. «In Kürze wird auch noch eine ständige Kartonsammlung angeboten werden», kündigt sie überdies an. Auch in Müntschemier wird das Altpapier von jedem Haushalt selbst in der Abfallsammelstelle entsorgt, wie die neue Bauverwalterin Nicole Labeau sagt.
In Ligerz steht eine sogenannte Mehrfachmulde beim Bahnhof, in der die Einwohner Altpapier und Karton entsorgen können. Einmal im Monat holt die Funicar Muldenzentrale AG die Mulde ab. Das handhabt man laut Finanzverwalterin Kathrin Botteron seit über zehn Jahren so.

Aus Sicherheitsgründen geändert

In Brügg wurde das Altpapier während Jahren durch Personal des Werkhofs eingesammelt, mit Unterstützung von Schülern. Aus Sicherheitsgründen hat der Gemeinderat 2015 aber beschlossen, auf die Mithilfe der Schüler zu verzichten. «Dass diese auf einem hinter der Ladefläche befestigten Podest mitfuhren, war eine zu grosse Gefahrenquelle», so Kristin Bayard von der Bauverwaltung. Seither ist die örtliche Syphon AG mit der Altpapiersammlung beauftragt, ein Sozialwerk, das zum Ziel hat, Arbeitsplätze für Personen zu schaffen, die aus dem konventionellen Arbeitsmarkt ausgeschieden sind. Unterstützt wird sie bei der Einsammlung, die nach wie vor monatlich stattfindet, durch den Werkhof. «Diese Verfahrensweise hat sich bis heute bewährt», so Bayard.

Die Frage der Sicherheit war in Ipsach zumindest einer der Gründe für die Abschaffung der Sammlungen durch Schülerinnen und Schüler – unter Mitwirkung von Werkhofpersonal – auf Ende 2017. Ein Sicherheitsrisiko habe bei den Einsätzen auf der Strasse auch darum bestanden, weil man nicht genügend Aufsichtspersonen gefunden habe, sagt Stephan Hässig, Ressortleiter Volkswirtschaft und Gesundheit. Überdies sei es zu Schäden an parkierten Autos durch Sammelwagen gekommen. Und schliesslich sei «der pädagogische Wert» dieser Aufgabe in Frage gestellt worden: «Umweltthemen können auch anders vermittelt werden», so der SVP-Gemeinderat. Noch ein Grund für den Wechsel war, dass die Sammlungen nur viermal im Jahr stattfanden und bloss Papier umfassten. Karton hingegen musste von den Einwohnern selbst am gleichen Tag an einem von zwei Standorten in Mulden entsorgt werden.

Seit Anfang 2018 ist laut Hässig nun «eine gemischte Sammlung organisiert»: Zusätzlich zur normalen Kehrichtabfuhr sei die Stadt Biel mit dem Einsammeln von Papier und Karton beauftragt. Das Angebot sei für die Einwohner komfortabel geworden, indem statt viermal im Jahr nun einmal im Monat eine Sammlung stattfinde und auch Karton vor dem Haus bereitgestellt werden könne. Beides sei von Einwohnern gewünscht worden. Leubringen-Magglingen hat den Auftrag für das Einsammeln von Altpapier und Karton bereits 2011 an die Stadt Biel übergeben. Zuvor hatten dies Primarschüler besorgt, unterstützt von Werkhofmitarbeitern. «Der Grund für den Systemwechsel war die Sorge um die Sicherheit der Kinder», macht Bauverwalter Emanuel Bakaus klar.

Speziell ist das Brütteler Modell: Dort war bis 2012 die Schule zuständig – heute sind es drei Dorfvereine. Man habe pro Jahr zwei Sammlungen, wobei jeweils ein Verein ein ganzes Jahr abdecke, sagt Gemeindeschreiberin Franziska Etter. «Bisher haben wir gute Erfahrungen mit diesem System gemacht.»

Kein Auslaufmodell

Das Einsammeln durch Schüler ist indes durchaus kein Auslaufmodell. «Wir sammeln noch ‹alt bewährt› mit der Schule», hält etwa Caroline Streit, Gemeindeverwalterin von Sutz-Lattrigen, fest. «Im Moment steht auch keine Veränderung an.» Es sammle die jeweilige 6. Klasse mit ihren Lehrpersonen, von Hand mit Anhängern, während die Werkhofmitarbeiter und der Schulhauswart mit dem Gemeindefahrzeug unterwegs seien. Rund zwei Drittel würden von den Gemeindeangestellten gesammelt, rund ein Drittel von den Schülern. Der Erlös aus dem Altpapier werde hälftig zwischen Gemeinde und Klasse geteilt. Über deren Anteil könne die Klassenlehrperson frei verfügen. «Er wird meist für einen Klassenausflug benützt», weiss Streit. Gesammelt werde viermal pro Jahr, wofür jeweils ein Halbtag benötigt werde.

In Aegerten erfolge die Altpapiersammlung seit vielen Jahren durch die Mitarbeiter des Werkhofs, sagt Bauverwalterin Andrea Haldimann. Auf der Sammeltour würden aber Schüler mithelfen, unterstützt von mehreren pensionierten Bürgerinnen und Bürgern. «Diese Form hat sich bis jetzt bewährt.» Das Ganze werde so lange funktionieren, wie sich freiwillige Helfer finden liessen, die sich für dieses «Ämtli» zur Verfügung stellen.
In Kallnach führt die Schule zweimal jährlich eine Papiersammlung durch, unterstützt durch Mitarbeiter des Werkhofs. Daneben steht bei der Werkhof-Sammelstelle je ein Container für Altpapier und Karton zur Verfügung, so Gemeindeschreiber Beat Läderach. In Lyss, in Bellmund oder in Schwadernau ist die Altpapiersammlung ebenfalls noch eine Domäne der Schule.

Auch in Nachbarkantonen

In den Nachbarkantonen ist das offenbar ebenfalls Tradition. Da die Oberstufenschülerinnen und -schüler der freiburgischen Gemeinde Fräschels in Kerzers zur Schule gehen, wird in beiden Orten am selben Tag im Mai und November gesammelt. Der Gesamtschulleiter des solothurnischen Grenchen, Hubert Bläsi, sieht im Sammeln durch Schüler verschiedene Vorteile: Diese würden so einmal «die Dimensionen des Abfalls» erkennen und etwas für das Umweltbewusstsein tun. Abgesehen von Schürfungen und Schnittwunden ist seines Wissens bislang nichts Gravierendes passiert. Trotzdem wird Sicherheit auch in Grenchen grossgeschrieben. So müssen alle Schüler zur besseren Sichtbarkeit Leuchtwesten tragen.



 

Stichwörter: Altpapier. Seeland

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