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Aarberg

Die «Rückseite» des Stedtlis darf moderner werden

Bis Ende November liegt die Überbauungsordnung Altstadt Aarberg zur Mitwirkung auf. Zum Stadtplatz hin bleibt alles beim Alten. Aber auf der stedtliabgewandten Seite sollen den Eigentümern neue Möglichkeiten geboten werden, etwa für Neubauten oder Wintergärten.

ewollte Vielfalt: auf der stedtliabgewandten Seite sollen die Hauseigentümer künftig mehr Möglichkeiten für Um- oder Anbauten erhalten. Bild: Sarah Bittel

von Andrea Butorin


Wohnen ist für Vermieter heute attraktiver als Arbeiten, zumindest für die Hauseigentümer im Aarberger Stedtli. Einige Liegenschaftsbesitzer hätten deshalb gern, dass sich im Erdgeschoss des Stedtlis nicht nur Läden, sondern auch Wohnungen befinden dürfen. Doch in der neuen Überbauungsordnung, die derzeit zur Mitwirkung aufliegt, wird diesem Wunsch nicht entsprochen. «Den Schutz des Gewerbes haben wir aufrecht erhalten», sagt Aarbergs Bauverwalter Marc Lehmann.
«Das Stedtli lebt nur, wenn wir ein lebendiges Einkaufszentrum bleiben. Wohnraum in den Erdgeschossen würde das Stedtlileben beeinträchtigen», sagt Samuel Gauler, Gemeinderat Hochbau (SP).

Über 30-jähriges Gesetz
Derzeit werden die Nutzungsmöglichkeiten im Stedtli vom «Überbauungsplan mit Sonderbauvorschriften» von 1978 geregelt. Dieser wurde 1982 durch den Kanton Bern genehmigt. Um die Jahrtausendwende sagten sich die Aarberger, dass es an der Zeit für ein neues Reglement wäre, und vor drei Jahren haben die Arbeiten zur Überarbeitung begonnen, sagt Gauler.
Mit der neuen Überbauungsordnung Altstadt wolle Aarberg eine relativ alte Vorschrift den neuen Gegebenheiten anpassen, sagt Marc Lehmann und ergänzt:«Bisher mussten bei praktisch jedem Baugesuch Ausnahmen bewilligt werden.» Auch die Denkmalpflege habe sich in den letzten Jahren entwickelt. So seien heute etwa Dacheinschnitte oder Lichtbänder möglich, was vor zehn Jahren noch nicht toleriert worden wäre.
Die derzeit aufliegende Planungsvorlage wurde durch das Berner Ortsplanerbüro BHP Raumplan AG ausgearbeitet. Das Architekturbüro Rykart Architekten AG aus Bern wurde zur Untersuchung möglicher städtebaulicher Ausrichtungen sowie zur Konzeption des Neubauten-Bereichs beigezogen. Von Beginn weg war auch die kantonale Denkmalpflege mit an Bord. Diese Zusammenarbeit sei «sehr eng und sehr gut», sagt Samuel Gauler.
Auf der Seite des Stadtplatzes strebt die neue Überbauungsordnung gemäss Erläuterungsbericht vor allem den «Schutz und die Erhaltung des Baubestandes sowie der räumlichen und denkmalpflegerischen Qualitäten» an – Spielraum ist somit keiner vorhanden. Nicht von ungefähr ist die Aarberger Altstadt auch im Inventar der historischen Ortsbilder von nationaler Bedeutung verzeichnet. Auf der «Rückseite» der Häuser soll künftig aber mehr erlaubt sein als bisher.

Balkone sind erlaubt
Betrachtet man das Stedtli etwa vom Gerbeweg her, so fällt die Verschachtelung der Häuser auf. An die Haupthäuser sind teils mehrere Nebenhäuser angebaut, die sich in Form und Gestalt stark unterscheiden. Die neue Ordnung will diese Vielfalt weiterführen. Die Verbindung zum jeweiligen Haupthaus soll aber stets erkennbar bleiben. Neu ist auch die maximale Höhe der Nebenhäuser; diese liegt auf der Ebene der ersten Etage der Haupthäuser. Das soll es dem lokalen Gewerbe ermöglichen, die Verkaufsflächen in Richtung der stadtplatzabgewandten Seite zu erweitern. Doch auch Wohnflächen sollen dort neu geschaffen werden dürfen – das war gemäss Marc Lehmann bisher nicht erlaubt.
Neubauten sollen am Ring-, Gerbe- und Hans-Müller-Weg  möglich sein, allerdings höchstens einstöckige. «Wichtig ist, dass entlang des Ring- und des Gerbewegs keine neue Stadtmauer entsteht», so Lehmann. Balkone oder Wintergärten – die bereits heute teils vorhanden sind – sollen einfacher realisiert werden können, sagt Samuel Gauler.
Auch auf und unter den Dächern soll etwas gehen:Dachböden dürfen in Zukunft zu Wohnungen ausgebaut werden (siehe Titelseite). Deshalb wird auch die mögliche Dachbelichtung, etwa mittels Dachfenstern oder Lukarnen, in der neuen Ordnung festgehalten.

Weiterhin nur Holzfenster
Alles wird aber auf der «Rückseite» des Stedtlis auch künftig nicht möglich sein. So könne dem Wunsch nach Solaranlagen auf den Dächern aus ästhetischen Gründen nicht entsprochen werden, sagt Gauler. Die Fensterrahmen und -läden müssen nach wie vor aus Holz hergestellt sein, und die Fenstersprossen dürfen sich nicht zwischen den Gläsern befinden;eine Änderung, die den Hausfrauen und -männern wohl Freude bereitet hätte, wie Marc Lehmann lachend bemerkt.
Für bestehende Bauten gilt eine Besitzstandgarantie, sie dürfen weiterhin genutzt oder gar ausgebaut werden. So sind derzeit im Stedtli auch einige Bauarbeiten im Gang.
Die Hauseigentümer, der Stedtlileist sowie der Gewerbeverein wurden bei der Ausarbeitung der Überbauungsordnung bereits im Vorfeld miteinbezogen. Entsprechend den ersten Rückmeldungen erwartet Samuel Gauler keine grosse Opposition.
Die meisten politischen Parteien, die Ladengruppe, der Stedtlileist und der Gewerbeverein haben eine Mitwirkung noch nicht definitiv beschlosssen. Von Gaulers Partei, der SP, werden keine Einwände kommen, sagt er. Auch die SVP, welche mit vier Mitgliedern in der Baukommission vertreten ist, werde die Ordnung wohl absegnen, sagt Parteipräsidentin Petra Wyss. Auch die FDP begrüsse im Grundsatz die «nötigen Änderungen», sagt Co-Präsident Renat Schwab.
 

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Wie es weitergeht
Die Überbauungsordnung Altstadt (UeO) liegt bis zum 30. November bei der Bauabteilung Aarberg auf. Die Unterlagen sind auch online einsehbar.
Bis zu diesem Datum können der Bauabteilung in schriftlicher Form Einwände oder Anregungen mitgeteilt werden.
Nach der Analyse der Mitwirkungen und allfälligen Anpassungen geht die UeO zur Vorprüfung an den Kanton.
Die UeO wird anschliessend ein weiteres Mal aufgelegt mit der Möglichkeit zur Einsprache.
2016 kommt die UeO vor die Gemeindeversammlung.

 

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