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Lyss

Die letzte Ruhe hält nicht lange an

Das Grab der Mutter eines Lysser Geschäftsmannes wird nur acht Monate nach der Beerdigung wieder aufgehoben – und das ist kein Einzelfall. Die geplante Umgestaltung des Lysser Friedhofs hat bei den betroffenen Familien viel Schmerz hervorgerufen.

Der Lysser Friedhof soll umgestaltet werden. Deshalb müssen auch Familiengräber weichen, in denen erst kürzlich Urnen beerdigt wurden. Bild: Sarah Bittel

von Andrea Butorin


Er fühle sich, als sei ihm ein Dolch in den Rücken gestossen worden, sagt der Lysser Geschäftsmann Klaus Wyss*. Letzten April musste er seine Mutter beerdigen. Doch bereits im Dezember, nur acht Monate später, erfuhr er aus dem Anzeiger, dass das Familiengrab wieder aufgehoben wird.
Denn die Gemeinde Lyss will den Friedhof auf dem Hutti umgestalten – das Parlament entscheidet an seiner nächsten Sitzung vom 1. März über einen Kredit von 250000 Franken (siehe Zweittext).
 Das Familiengrab der Familie Wyss wurde 1945 angelegt, als Klaus Wyss’ Grosseltern starben. Damals wurde mit der Gemeinde – wie bei einem Familiengrab üblich – einen Vertrag über 40 Jahre Grabruhe erstellt. «Doch die Gemeinde versäumte es nach Ablauf dieser Frist, den Vertrag zu verlängern respektive zu kündigen», sagt Wyss.
 

Beschwerde eingereicht
2007 starb der Vater von Klaus Wyss und wurde im Familiengrab beerdigt. Dies sei als stillschweigende Vertragsverlängerung zu werten, sagt Wyss, der inzwischen Rücksprache mit seinem Notar aufgenommen hat. Im April des letzten Jahres erfolgte wie erwähnt die Beerdigung von Wyss’ Mutter im selben Familiengrab.
Zwei Wochen nach der Publikation der Grabaufhebung im Amtsanzeiger erhielt Wyss dann einen Brief der Gemeinde. «Das Ganze hat mich sehr aufgewühlt, und das auch noch kurz vor Weihnachten», sagt er. Via Anwalt reichte er eine Beschwerde gegen den Entscheid der Gemeinde ein.
 

Fehler auf menschlicher Ebene
Der zuständige Gemeinderat Jürg Michel (Sicherheit und Liegenschaften;SVP) widerspricht Wyss’ Notar und sagt, juristisch sei die Gemeinde im Recht:«Schliesslich war die Grabruhe längst ausgelaufen. Man hat die Toten dort einfach noch ruhen lassen.»
Als Klaus Wyss’ Mutter starb, habe die Gemeinde den Bestatter darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Grab bald geräumt werden muss. Man habe eine Urnennische empfohlen, was die Familie ablehnte. «Letztlich hätten wir verbieten müssen, dass in diesem Grab noch jemand beerdigt wird», so Michel.
Obwohl im Recht, seien auf der menschlichen Ebene Fehler begangen worden, räumt Michel ein. Doch man habe sich dafür entschuldigt, was auch Klaus Wyss bestätigt. In einem persönlichen Gespräch einigten sich die beiden Parteien doch noch. Wyss sagt:«Letztlich gibt es grössere Probleme auf der Welt.»

Auch weitere Familie betroffen
Was Wyss dennoch stört:«Die Gemeinde tat immer so, als handle es sich hierbei um einen Einzelfall, doch das stimmt nicht.» Bei einem anderen Zweig seiner Familie habe sich die genau gleiche Geschichte abgespielt.
2010 sei seine Tante begraben worden – ebenfalls in einem Familiengrab. 2014 verstarb Wyss’ Cousin und wurde im selben Grab bestattet – auch diese Familie müsse sich bereits jetzt von der letzten Ruhestätte ihrer Verstorbenen trennen. Ein Familienmitglied bestätigt das, sagt allerdings, man habe schon seit Längerem gewusst, dass das Grab aufgehoben werden muss. Bloss:«Dass es plötzlich so schnell geht, hat uns schon überrascht.» Es sei seitens der Gemeinde sicher nicht schlau gewesen, 2014 noch eine Beerdigung in diesem Grab zu tolerieren.
 

«Friedhof ist Auslaufmodell
Jürg Michel sagt, dass aufgrund der geplanten Neugestaltung rund 50 Gräber aufgehoben werden. «Deren Grabruhe ist längstens abgelaufen.» Man habe die Nachkommen, sofern diese ausfindig gemacht werden konnten, allesamt angeschrieben. Mit allen, die die Gräber nicht aufheben wollen, sei eine Lösung gefunden worden. Um allfällige Umplatzierungen würden sich die Friedhofsdienste kümmern.
Auch Klaus Wyss’ verstorbenen Eltern werden nun an einem anderen Ort auf dem Lysser Friedhof begraben. Weil dies erst noch bevorsteht, bereite das ihm Bauchschmerzen.
Für ihn ist klar:«Ich werde mich nie auf dem Lysser Friedhof beerdigen lassen.» Früher habe er nicht nachvollziehen können, wenn Bekannte ihre Toten in der Natur oder gar bei sich zu Hause beerdigten. Das sei heute anders:Seine Familie sei im Besitz eines Waldstücks. Dies wählte er nun zum Ort seiner letzten Ruhe. «Eine Naturbestattung kann ich jedem nur empfehlen. Die Institution Friedhof dagegen ist ein Auslaufmodell.»
* Name der Redaktion bekannt.

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Friedhof soll heller und freundlicher werden, aber christlich bleiben

An seiner nächsten Sitzung vom 1. März befindet der Lysser Grosse Gemeinderat über zwei Geschäfte, die den Lysser Friedhof betreffen. Erstens geht es um die Neugestaltung der Anlage und zweitens um die Weg- und Leitungssanierung. Für ersteres wird ein Kredit von 250000 Franken beantragt, für letzteres sind es rund 700000 Franken.
Sanierungsbedürftig ist vor allem der östlich gelegene Teil des Friedhofs, auf dem die ältesten Gräber stehen. Der westliche Teil, auf dem heute bestattet wird, sei nahezu voll, sagt Jürg Michel, Gemeinderat Sicherheit und Liegenschaften (SVP).
«Wir wollen den Friedhof heller und freundlicher gestalten», sagt er. Die Wege würden neu und behindertengerecht angelegt, der Friedhof solle einen parkähnlichen Charakter erhalten. Heute seien die Wege in einem «lausigen Zustand», und auch die Leitungen stünden teilweise vor dem Zerfall, wie eine Analyse ergeben habe.
Mit der neuen Friedhofsgestaltung, die auf die nächsten 50 bis 80 Jahre ausgelegt ist, wolle man auch Hand für andere Bestattungsarten bieten. «Der Trend zur Nutzung des Allgemeingrabes oder von Urnennischen ist klar erkennbar», sagt Michel. Da die Anzahl an Erdbestattungen abnehme, müsse für die Gräber weniger Platz eingerechnet werden. Verschwinden wird die sogenannte Nostalgie-Nische, das Feld mit den alten Grabsteinen. Gut erhaltene und spezielle Steine würden künftig nach Möglichkeit vereinzelt in die Pflanzflächen integriert.
Eine Umfrage bei den Parlamentsfraktionen zeigt, dass die beiden Projekte auf Zustimmung stossen. «Die neue Gestaltung entspricht mehr den Wünschen von heute und ist weniger militärisch», sagt etwa Markus Marti, Fraktionspräsident der BDP.
Die Fraktion SP/Grüne sowie die EVP fragten sich, wie es mit der Schaffung von muslimischen Grabfeldern aussehe. Schliesslich habe der Kanton die Gemeinden kürzlich angehalten, solche Abteilungen einzuplanen. Das bestehende Friedhofsareal sei für muslimische Bestattungen aber nicht geeignet, sagt Jürg Michel. Es müsste deshalb zusätzlicher Raum geschaffen werden. «Doch das nehmen wir erst an die Hand, wenn es politisch gefordert würde», so Michel.
Auch für Bestattungen gemäss anderen Religionen sei nichts eingeplant:Das Friedhofsreglement werde nicht geändert und sehe eine Urnen- oder Erdbestattung sowie das Allgemeingrab vor, ergänzt er.

 

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