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Aegerten

Die Damenschneiderin und die Messlatte

Brigitte Welti aus Aegerten registriert wöchentlich die Wassertemperatur und den Pegelstand der Aare, die direkt vor ihrer Haustüre durchfliesst. Sie ist eine von vielen Pegelbeobachtern in der Schweiz.

Sie misst seit 21 Jahren wöchentlich: Brigitte Welti kommt jeden Freitag ans Flussufer und liest von blossem Auge den Pegelstand ab. Bild: Frank Nordmann
  • Dossier

Deborah Balmer

Nur wenige Schritte von ihrem Haus in Aegerten entfernt, liegt Brigitte Weltis geliebter Arbeitsplatz. Sie öffnet die Türen der hydrometrischen Messstation, nimmt die Messlatte zur Hand und geht die paar Treppenstufen runter an den Nidau-Büren-Kanal. «Mein Häuschen», nennt sie die Messstation des Bundesamts für Umwelt am Oberen Kanalweg liebevoll. Es ärgert sie, wenn es mit Graffiti verunstaltet wird und deshalb einmal mehr neu gestrichen werden muss.

Denn eigentlich ist hier alles ganz idyllisch: An heissen Sommertagen wie jetzt, wenn viele Schwimmer neben Weltis Häuschen in die Aare steigen, lesen sie vor dem Einstieg noch schnell die Temperatur ab. Denn sie wissen, dass Welti diese extra für sie auf einem Blatt Papier notiert hat. Da steht dann: 4. August 2017, 
23,4 Grad Celsius. «Dieser Service freut viele und sie bedanken sich», sagt Welti, die das gerne tut.

Doch eigentlich misst die frühere Damenschneiderin die Temperatur nicht für die Aareschwimmer, sondern für das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Das Bafu sammelt die hydrologischen Daten von verschiedenen Gewässern aus der ganzen Schweiz. Die Abteilung Hydrologie betreibt rund 260 Messstationen an Flüssen und Seen (siehe Infobox). Neben der Temperatur hält Welti auch den Pegelstand fest. Seit 21 Jahren ist sie Pegelbeobachterin, wie ihr Nebenjob offiziell heisst. Zu Beginn registrierte sie die Daten zweimal wöchentlich. Seit die Werte auch digital erfasst werden, macht sie es noch jeden Freitag.

 

Der Respekt ist gestiegen

Heute fliesst die Aare gemächlich. Es lässt sich aber erahnen, dass das Wasser hier manchmal viel schneller und höher durchfliesst. «Bei Unwetter sieht man am Ufer keinen einzigen Stein mehr. Dann müsste ich den Pegelstand viel weiter oben ablesen», sagt die Aegerterin. Sie schiebt die Messlatte in eine fest montierte Schiene und liest von blossem Auge ab: 86 Zentimeter. Die Aareoberfläche liegt also am Messtag genau 426,86 Meter über Meer. Diesen Wert notiert Welti auf einem Blatt Papier.

Sie blickt über den Fluss. «Heute ist die Aare so, wie ich sie am liebsten mag: ganz ruhig.» Der Bezug zum Fluss ist innig: Wenn Welti am Morgen zum Fenster hinausblickt, sieht sie auf das Wasser. Und das seit 43 Jahren. «Es ist einfach schön, so nah an einem Gewässer zu wohnen.»

Manchmal sitze sie auch oben auf einer Bank und schaue runter. «Das ist entspannend und beruhigt mich.» Früher liess sie sich im Sommer auch gerne im Fluss treiben. Doch seit sie im Winter vor zwei Jahren beim Messen des Pegelstandes ausrutschte und ins Wasser fiel, ist der Respekt gestiegen. Seither geht sie im Winter zum Messen nicht mehr ans Wasser runter, wenn Eis und Schnee liegen. Denn der Pegelstand und die Wassertemperatur werden im digitalen Zeitalter auch per Computer erfasst, die Daten kann sie im Häuschen vom Bildschirm ablesen. Und das Bafu hat stets Zugriff auf die Daten. Doch weil man beim Bund sicher sein will, dass die Anlagen keine Störungen aufweisen, braucht es die Pegelbeobachter noch immer.

Früher hat Welti die Aaretemperatur mit einem Thermometer von Hand gemessen. Doch diese Zeiten sind vorbei. In der Vergangenheit musste sie im Häuschen eine steile Leiter runtersteigen, um eine Maschine zu bedienen. «Meine Arbeit ist über die zwei Jahrzehnte einfacher geworden», sagt sie und ist nicht unglücklich darüber.

 

Massnehmen liegt ihr

Massnehmen liegt ihr offensichtlich: 40 Jahre lang hat Welti in einem Bieler Modehaus gearbeitet. Nähen zählt noch heute zu ihren Hobbys. Seit drei Jahren ist sie pensioniert. Die Liebe zur Mode ist geblieben. Auch ihre Messungen macht sie stets adrett gekleidet, die Sonnenbrille ist von Ray Ban, ohne aufgetragenen Lippenstift führt sie die Arbeit der Pegelbeobachterin nie aus.

Schon ihr Schwiegervater war 20 Jahre lang Pegelbeobachter. Und vielleicht wird Brigitte Welti die Arbeit einmal an ihre Tochter übergeben, die ebenfalls am Oberen Kanalweg lebt. «Doch das ist noch lange kein Thema», sagt sie, die demnächst zum zweiten Mal Grossmutter wird.

Zurzeit ist die Aare schön warm. Ein Blick in Weltis Protokoll zeigt, dass sie dieses Jahr nur am 23. Juni noch wärmer war: 23,5 Grad Celsius. Im Hitzesommer 2003 war das Wasser sogar 25 Grad warm. Doch auch jetzt ruft Welti: «Sofort ab in die Badehosen.» Gemeint ist ihre Schwester, die derzeit auf Besuch ist und ebenfalls von der idyllischen Aare und dem Messhäuschen schwärmt.

Zurück in der Messstation notiert Welti alle Werte mit Bleistift auf einem Blatt. Es ist Freitag, 4. August. Die Aare 23,4 Grad warm und der Pegelstand liegt genau 426,8 Meter über Meer. Welti unterschreibt das Papier, faltet es einmal und legt es in ein adressiertes Kuvert: Bundesamt für Umwelt Bafu, Hydrologie, 3002 Bern-Ittigen.

Frühere Beiträge der Serie unter www.bielertagblatt.ch/dossiers/
sommerserie-licht-und-schatten

 

Im Auftrag des Bundes

  • Für den Schutz vor Hochwasser, die Nutzung der Wasservorkommen und die Regulierung der Seen braucht das Bundesamt für Umwelt verlässliche Messungen der Wassermenge.
  • Trotz Unterstützung durch moderne Messmethoden bleibt vieles Handarbeit. Ortsansässige – die sogenannten Pegelbeobachter – unterstützen die Mitarbeiter des Bundes. Sie absolvieren ein- bis zweimal wöchentlich einen Kontrollgang zur Messstation. Man will sicher gehen, dass man auch dann Daten erhält, wenn Computer ausfallen. bal

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