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Bevölkerungsschutz

Die Atombombe ist passé

Seit seiner Gründung vor 50 Jahren hat sich der Zivilschutz grundlegend verändert. Er wurde verkleinert, modernisiert und der aktuellen Bedrohungslage angepasst.

Einst und jetzt: Mit dem Zivilschutz von 1963 haben die heutigen Organisationen nur noch wenig gemeinsam. Marcel Roost, Kommandant von Nidau plus, hat die Zivilschutzanlage in Port modern ausstatten lassen. og

(fm) Mitten in einer Winternacht 2011. Marcel Roost schläft. Plötzlich läutet sein Telefon: In Nidau brennt ein Hochhaus. Feuerwehr und Polizei sind vor Ort, die rund 70 Bewohner wurden bereits evakuiert. Innert kürzester Zeit ist der Kommandant des Zivilschutzverbands Nidau plus auf den Beinen, alarmiert seine Truppe und macht sich auf den Weg an den Ort des Geschehens. Es liegt nun an ihm und seinen Mannen, die obdachlosen Bewohner so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone in eine warme Unterkunft zu bringen.
Eine gute Stunde nach der Alarmierung ist die Zivilschutzanlage in Port, das Hauptquartier von Nidau plus, hochgefahren. Die Betreuer des Zivilschutzes servieren den ersten heissen Tee und kümmern sich um die hilfesuchenden Kinder, Frauen und Männer. Das Notfallkonzept von Marcel Roost funktioniert.
In einer Zeit gegründet, als die grösste Bedrohung der Schweizer Bevölkerung die sowjetische Atombombe war, hat sich der Zivilschutz bis heute grundlegend verändert. Im Fokus steht schon lange nicht mehr ein Atomkrieg, vielmehr geht es um die Bewältigung von Katastrophen sowie Hilfseinsätze zu Gunsten der Gemeinschaft. Dazu wurde die Organisation reformiert, gestrafft und verkleinert. In diesem Jahr feiert der Zivilschutz sein 50-jähriges Bestehen.


Einsatz rund um die Uhr
«Heute warten wir nicht mehr auf die russischen Panzer», sagt Roost. Im Lageraum in der Zivilschutzanlage in Port erklärt er die Aufgaben eines modernen Bevölkerungsschutzes. Die Hauptaufgabe heute sei der Katastrophenschutz – so wie damals in Nidau. «Wenn die Feuerwehr und die Polizei nach Hause gehen, fängt unsere Arbeit erst richtig an», sagt Roost, der Hauptberuflich Kommandant von Nidau plus ist.
Nach dem Brand mussten die evakuierten Bewohner in der unterirdischen Anlage während zehn Tagen versorgt werden. In einer solchen Situation müsse man an sehr vieles denken, so Roost. Im Lager von Nidau plus gibt es neben schwerem Baumaterial und Ausrüstung auch Windeln, Zahnbürsten und Gesellschaftsspiele.
Weiter musste der Tagesablauf der Bewohner organisiert werden. «Wir mussten schauen, dass die Kinder in die Schule kommen», sagt Roost weiter. Nachtwache, Kochen oder Reinigung sind weitere Stichworte, die der Kommandant nennt. Insgesamt standen nach dem Brand 13 Zivilschützer pro Tag und rund um die Uhr im Einsatz.


Das Ziel ist der Ernstfall
Das zweite Tätigkeitsfeld des modernen Zivilschutzes sind Einsätze zugunsten der Gemeinschaft. «Der Zivilschutz muss seine Leistungen praktisch ohne Vorbereitungszeit und teilweise sogar aus dem Stand erbringen», erklärt Olivier Andres, Chef Führungsunterstützung beim Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär (BSM) des Kantons Bern. Um die Führung in solchen Fällen zu üben und um das Funktionieren einer Zivilschutzorganisation (ZSO) zu überprüfen, leiste der Zivilschutz die Einsätze zugunsten der Gemeinschaft. Das können Weg- und Bachsanierungen sein. Aber auch das Aufbauen der Infrastruktur an Grossveranstaltungen oder Verkehrsregelung gehören dazu.
«Jeder unserer Einsätze ist praxisorientiert», betont Sven Eggli, stellvertretender Kommandant des Zivilschutzes von Biel-Evilard-TLT (Twann-Ligerz-Tüscherz). Beispielsweise würden seine Leute übungshalber im Altersheim betagte Personen betreuen – im Hinblick auf eine mögliche Evakuierung eines Heims wegen eines Brandes oder eines Virus.
Ebenfalls im Altersheim betätigen sich die Männer des Zivilschutzes der Region Aarberg. Sie machen mit den betagten Personen Ausflüge und führen Spielnachmittage durch. «Wir üben so für den Fall, dass wir eine Zivilschutzanlage in Betrieb nehmen müssen», sagt Kommandant Andres Zwahlen. Seine Leute würden nur Sachen üben, die im Ernstfall gefragt seien. «Alles läuft auf den Katastropheneinsatz hinaus.»


Zivilschutz modernisiert sich
Bis der Zivilschutz nach dem Kalten Krieg dort war, wo er heute steht, war es ein langer Weg. Alte Denkmuster mussten durchbrochen und neue Strukturen eingeführt werden. Der Verband Nidau plus, der aus elf Gemeinden besteht, ist seit sechs Jahren einsatzbereit. «Wir haben moderne, professionalisierte Strukturen», sagt Marcel Roost nicht ohne Stolz. Das wird offensichtlich bei einem Rundgang durch die Anlage in Port: Beamer, Computer und digitalisiertes Funk sind heute Standard. Aber auch die gute alte Landkarte fehlt nicht.
Die Ausbildung sei deutlich besser geworden, ergänzt Roost. Die Übungen seien ganz auf die realen Bedrohungen ausgerichtet. Diese Aussage unterstützt Kollege Eggli: 40 Mann seiner Organisation seien in der Absturzsicherung ausgebildet worden. Im Hinblick auf das Eidgenössische Turnfest verfüge er nun über Leute, die in grosser Höhe arbeiten können – beispielsweise zum Aufbauen der Arena. Das sei einzigartig und bei den Partnerorganisationen sehr gefragt.
Dass die ZSOs im Kanton auf hohem Niveau operieren, bestätigt auch Olivier Andres: Obschon es gewisse Unterschiede zwischen den ZSOs gebe, befinde sich der Zivilschutz generell auf einem guten Ausrüstungs- und Ausbildungsstand und sei jederzeit einsatzbereit. «Das haben die Einsätze in den letzten Jahren aufgezeigt.»


Anerkennung steigt
Trotzdem leidet der Zivilschutz in einigen Kreisen der Bevölkerung immer noch unter dem Image einer Plausch-Truppe. «Früher gab es oft Ressentiments gegen den Zivilschutz», so Roost. Mit der geleisteten Arbeit habe man sich jedoch etabliert, die Akzeptanz sei jetzt da. «Unsere Partner wissen mittlerweile genau, was wir leisten können.» Diese Ansicht teilen auch Sven Eggli und Andres Zwahlen. «Wir bekommen stets viele positive Reaktionen auf unsere Einsätze», sagt Zwahlen.
Schliesslich gelte es auch die Bevölkerung zu informieren, ergänzt Andres. «Es ist uns ein Anliegen, der Öffentlichkeit vermehrt zu zeigen, wie der Zivilschutz organisiert ist und welche Leistungen er erbringt.» Die Menschen, welche nach dem Brand in Nidau vom Zivilschutz versorgt wurden, wissen dies sehr gut und waren dankbar. Ein italienisches Ehepaar hat Roost und sein ganzes Team sogar zu einem Spaghetti-Abend zu sich nach Hause eingeladen.

Zivilschutz im Zeitverlauf
• 1959 wurde der Zivilschutz in der Bundesverfassung verankert. Neben der Armee und der wirtschaftlichen Landesversorgung wurde der Zivilschutz zum dritten Pfeiler der sogenannten Gesamtverteidigung.
• Der Kalte Krieg beschleunigte den Aufbau des Zivilschutzes. 1963 trat das Bundesgesetz über den Zivilschutz in Kraft und das Bundesamt für Zivilschutz (heute Bundesamt für Bevölkerungsschutz) wurde gegründet.
• Der Zivilschutz basiert auf einer nationalen Dienstpflicht. Er ist die einzige zivile Organisation, die bei lange andauernden und schweren Ereignissen die anderen Organisationen (Polizei, Sanität, Feuerwehr) längerfristig unterstützen kann.
• Im Kanton Bern gibt es total 9864 aktive Schutzdienstpflichtige (Miliz). Organisert sind sie in 35 Zivilschutz-organisationen. Im Seeland gibt es rund 1300 Dienstleistende.

Stichwörter: Zivilschutz, Katastrophe, Nidau

Kommentare

Gaba

Bemerkenswert, was Armee und Zivilschutz alles leisten (können). Auch in (scheinbar) Friedenszeiten macht das Milizprinzip Sinn - Ergänzt durch professionelle Ausbilder, kommt die Truppe (egal ob nun im Zivildienst/ -Schutz oder in der Armee) auf einen hohen Standard und kann diese geforderten Leistungen "aus dem Stand" zuverlässig erbringen. Die beiden Institutionen sind eine Art Versicherung, welche man von Zeit zu Zeit eben einfach braucht. Die Armee wurde in den letzten Jahren im eigentlichen Sinn der Landesverteidigung kaum stark beansprucht. Wàhrend Zeiten, wo ein gewisser Nordkoreaner mit Schweizer Migrationshitnergrund seinem Generalstab genehmigte, Nuklearwaffen einzusetzen - während einer solchen Zeit zu schreiben oder zu denken, die Atombombe sei "passé" ist nun aber doch etwas verfehlt. Chemische oder atomare Auseinandersetzungen bzw. terroristische Bedrohungen sind weiterhin real. Unsere Armee und der Zivilschutz sind auf diese Bedrohungen ausgerichtet, sie erhalten einen weitaus höheren Stellenwert, als die eigentliche Landesverteidigung. Deshalb investierte zB. die Armee in neue Chemieabwehr-Piranha-Spürpanzer.


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