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Mörigen

Der Lindenhof lädt zum «Chriesi gwünne»

Es ist Kirschensaison: In den nächsten sechs bis acht Wochen gibt es die roten, schwarzen und gelben Früchte frisch ab Baum direkt auf dem Hof, auf dem Markt oder im Laden zu kaufen. Laut Obstverband soll es heuer eine reiche Ernte geben.

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von Denise Gaudy

Das Anwesen von Urs und Elisabeth Siegenthaler-Krebs und ihren drei erwachsenen Söhne in Mörigen ist eine Pracht. Nicht nur wegen des gepflegten, stattlichen Bauernhauses mit seinem Blumen- und Beerengarten und dem lauschigen Sitzplätzli unter dem alten Nussbaum. Und auch nicht nur wegen der herrlichen Aussicht, die man von der Hofstatt aus auf Bielersee und Jura hat. Sondern in erster Linie, weil jetzt gerade viele der unzähligen Obstbäume reichlich Früchte tragen: Die Kirschen sind reif. Grosse, glänzend Schwarze. Pralle, knackige Dunkelrote. Und kleine, hellrot leuchtende Saure. Manchmal hängen sie fast in Trauben an den Ästen. Doch nicht nur das; die Zwetschgenbäume bereiten sich auch schon auf die Ernte vor, wenn ihre Früchte zwar noch grün und samtig sind, aber schon richtig gross zwischen den Blättern hervorlugen.

Zum selber Pflücken
Sichtlich zufrieden schreitet der Obst-, Gemüse- und Ackerbauer Urs Siegenthaler seine Obstanlage ab, grüsst freundlich eine Frau und ihre kleine Tochter, die dem Kirschenbauer strahlend ein Körbchen mit frisch abgelesenen Früchtchen entgegen streckt und wechselt unter den Bäumen etwas weiter vorne ein paar Worte auf Französisch mit einem Ehepaar. «Stammkundschaft», erklärt Siegenthaler. «Sie kommen schon viele Jahre zum Kirschenpflücken in unserer Anlage.» «Wir machen damit Crêpes oder essen sie frisch», sagt Anna Romy aus Evilard. «Sehr zur Freude unserer Grosskinder.» Nein, weder Kirschen noch Zwetschgen seien heuer speziell früh dran, erklärt der Landwirt. Alles wachse zeitlich ganz normal im Plan. Wenn auch die momentan milden Temperaturen und der zeitweilige Regen alle Kulturen jetzt gerade schnell und üppig gedeihen liessen. Der Möriger weiss, wovon er spricht, baut er doch neben Kirschen und Zwetschgen noch Gemüse an und betreibt Ackerbau; dieses Jahr neuerdings Süsskartoffeln und Rüebli sowie Mais, Weizen, Raps und Eiweisserbsen.

Mit 230 der insgesamt 350 Obstbäume sind jedoch Kirschen die Hauptkultur auf dem – inklusive Wald – 18 Hektar grossen Lindenhof. Hedelfinger, Heidegger, Burlat, Pigarrot, Earlyse, Magda, Basler Adler und wie sie alle heissen: 14 verschiedene Kirschsorten wachsen hier und etliche Bäume mit Sorten, die gar keinen Namen haben. Allerdings haben Siegenthalers keine extrem frühen und keine sehr späten Sorten, sodass die Saison nicht wie bei einigen anderen Kirschenbauern bis zu acht Wochen andauert. Ihre Kirschen seien zu Beginn der Sommerferien vorbei, sagt Urs Siegenthaler, während er seinen Blick durch die langen Baumreihen schweifen lässt: «Das hier sind Hochstammbäume mit kurzen Stämmen, die hat mein Vater noch gepflanzt und so geschnitten. Sieben auf sieben Meter. Vor 32 Jahren», fachsimpelt er. «Diese Bäume sind auf dem absteigenden Ast, wenn sie auch immer noch einen beachtlichen Ertrag bringen.» Der Bauer zeigt auf das Efeu, das sich an den dicken, knorrigen Baumstämmen emporrankt. «Es kündet den Anfang vom Ende an.» Weiter oben stehen die Nachfolger der Kirschbäume, deren Jahre gezählt sind. Die neue Anlage hat Urs Siegenthaler letzten Herbst gesetzt. An einem der noch dünnen Stämmchen hat sich die Rinde gelöst: «Hier hat der Rehbock gefegt», erklärt der Bauer. Tragisch sei das nicht; mit etwas Glück überlebe das Bäumchen.

Mit der Natur zusammen
Er sei ein Tierfreund. Der Möriger zückt sein Handy und spielt ein Video ab, von einem etwa sieben Tage alten Rehkitz, das sich zwischen Brennnesseln versteckt an den Stamm eines Kirschbaums schmiegt und in die Kamera äugt: «Unter dem Baum standen vier Kirschen pflückende Personen. Ausser mir hat niemand das Jungtier bemerkt», freut sich Siegenthaler. Das sei das Schönste an seinem Beruf: «Wenn ich die Augen offen halte, erlebe ich jeden Tag ein kleines Wunder.» Er blättert weiter in seinem digitalen Fotoalbum und zeigt Bilder, zum Beispiel von einem Nest frisch geschlüpfter Amseln oder von einem auf einer Blume tanzenden Schwalbenschwanz. Mit der Natur zusammenzuarbeiten sei ihm wichtig. Deshalb hat er unterhalb des Bauernhauses eine Wiese mit Buchweizen und Phazelia angesät, die derzeit fantastisch lila und weiss blüht und aus der ein lautes Summen zu vernehmen ist. «Die Weide für Nachbars Bienen», erklärt er lachend. «Darauf sind die Insekten nach der Blüte der Bäume angewiesen.»

Ökologisch ja, biologisch nein
Gleichzeitig gibt der Möriger Landwirt zu bedenken, dass es in der Gegend praktisch unmöglich sei, Kirschen biologisch zu produzieren, zu hartnäckig seien Kirschenfliege und Kirschessigfliege, deren Maden die Früchte komplett ausfressen. Urs Siegenthaler ist allerdings bemüht, Spritzmittel dosiert einzusetzen und unternimmt sein Möglichstes, um die Vermehrung von Nützlingen zu fördern: So hängen überall Nistkästen für Vögel in den Bäumen und in der Anlage stehen Hotels für Wildbienen. Einzelne abgestorbene Bäume lässt er stehen. Im Blattwerk der Kirschbäume hat Siegenthaler Gelbfallen aufgehängt zur Kontrolle der Kirschenfliege und an den Zaunpfosten rund um die Anlagen sind Fallen für die Kirschessigfliegen befestigt.

Inzwischen steht Urs Siegenthaler persönlich hinter dem Tisch im Hofladen und leert das Körbchen eines Stammkunden in die Waagschale. Ihm käme es nicht im Traum in den Sinn, Kirschen beim Grossverteiler zu kaufen, sagt der Mann aus Biel und strahlt. Tatsächlich werden 90 Prozent der Kirschen vom Lindenhof in Mörigen von Selbstpflückern geerntet. Sie kosten 5 Franken das Kilo. Zehn Prozent gelangen am Marktstand auf dem Brunnenplatz in Biel in den Verkauf zum Kilopreis zwischen 10 und 15 Franken für Premiumware.

Info: Öffnungszeiten und Markttage unter www.sikrulag.ch

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Gutes Kirschenjahr

Gemäss der ersten Schätzung rechnet der Obstverband mit einer schweizweit grossen Tafelkirschen-Ernte von rund 3000 Tonnen. Damit könnte der Ertrag heuer 30 Prozent über dem Durchschnitt der letzten vier Jahre liegen. Die grössten Mengen werden ab dem 25. Juni erwartet. Am 5. Juli findet im Bahnhof Luzern die Schweizer Meisterschaft im Kirschenstein-Spucken statt.

Info: Mehr Infos und Kirschen-Rezepte unter www.swissfruit.ch

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