Sie sind hier

Abo

Arch

«Das Seeland muss endlich aufwachen»

Im Wohnmobil zu reisen, wird immer beliebter. Stellplätze für Camper aber sind rar. Darüber ärgern sich Angela und Peter Schüttel aus Arch. Sie haben in Fronarbeit einen Führer mit Standplätzen in der Schweiz erstellt. Und sie fordern, dass Seeländer Gemeinden aktiv werden.

Peter und Angela Schüttel: «Wir brauchen kein Rambazamba mit Grillstellen und Tischen. Für Camper ausgewiesene Parkplätze würden reichen.» Copyright Susanne Goldschmid / Bieler Tagblatt

von Peter Staub

«Warum schläft die Schweiz?» «BTPesche48» hat aus seinem Camper-Herzen keine Mördergrube gemacht. Mit seiner provokativen Frage reagierte er in einem Online-Kommentar auf den Artikel im BT, in dem Wohnmobil-Touristen im Seeland porträtiert wurden. Camperreisen liegen im Trend und das Seeland bemüht sich, als Tourismusregion wahrgenommen zu werden. Umso erstaunlicher, dass man auf diese Touristen kaum eingeht: Wer im Seeland mit einem Camper unterwegs ist, wird nicht gerade hofiert.

Zwar gibt es im Seeland viele Campingplätze, auf denen man mit Wohnmobilen Halt machen kann, aber Stellplätze (siehe Infobox) fehlen weitgehend. Das sieht auch BT-Leser Alfred Zahn so, der es für angebracht hält, dass es auch in Biel und Umgebung Stellplätze gibt, wie er online kommentierte. Und Christophe Rossetti aus Bellmund, der mit seiner Familie im Wohnmobil Dänemark, Norddeutschland und die Camargue bereiste, berichtete per E-Mail: «Oft haben wir nichts oder nur sehr wenig für unseren Stellplatz bezahlt.» Dabei hätten sie genügend Geld ausgegeben, um diese fast kostenlose Stellplätze zu amortisieren. Deshalb fragt er sich, warum es im Seeland so wenige Stellplätze gibt: «Da wird auf ganz viele Einnahmen von Touristen verzichtet.»

Negative Antworten erhalten

Das BT hat sich bei «BTPesche48» gemeldet und ist auf Angela und PeterSchüttel aus Arch gestossen. Sie sind seit 15 Jahren passionierte Camper. Sie reisten mit ihrem Wohnmobil unter anderem ans Nordkap oder durch Südengland. Schüttels haben sich so oft und so lange darüber geärgert, dass es nicht nur im Seeland, sondern überhaupt in der Schweiz zu wenig Stellplätze für Camper gibt, dass sie reagiert haben: In stundenlanger Gratisarbeit erarbeiteten sie einen Führer für die Schweiz mit vielen privaten Stellplätzen. Er kann auf der Website stellplatz.ch bestellt werden. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, bieten auch sie bei ihrem Eigenheim in Arch einen privaten Stellplatz an.

«Wir kriegen immer wieder Anfragen von Leuten, die mit dem Camper Biel besuchen wollen», sagt die 72-jährige Angela Schüttel. Obwohl dafür genügend geeignete Plätze vorhanden seien, gebe es in Biel aber keinen ausgewiesenen Stellplatz für Wohnmobile. Sie hätten die Stadt bereits vor Jahren mehrmals angeschrieben, darauf aber immer nur negative Antworten erhalten. «Wir hätten zum Beispiel gern beim damals neuen Platz beim Restaurant Joran ein paar Stellplätze gehabt, denn dort ist vom Hafen her die Infrastruktur bereits vorhanden», ergänzt Peter Schüttel, der als Projektleiter oft in Biel gearbeitet hatte.

Es brauche nicht gleich zehn Plätze, ein paar würden reichen. Und dafür wäre in Biel zum Beispiel der Neumarktplatz sehr geeignet: «Der Platz ist gross und leer. Da könnte man problemlos zwei bis fünf Plätze für Wohnmobile reservieren, zehn Meter lang und drei Meter breit.» So könnten die Camper-Reisenden ihr Fahrzeug stehen lassen und sich die Stadt anschauen, ohne eine Parkbusse zu riskieren, weil es für einen normalen Parkplatz zu gross ist. Als Alternativen zum Neumarktplatz zählt der 70-jährige Schüttel den Parkplatz der Tissot Arena, den Heuerpark oder den grossen Parkplatz «Chrutchueche» beim Hauptsitz der Swatch Groupe auf. Auch auf dem Parkplatz zwischen Strandbad und  «Lago Lodge» könne man problemlos ein paar Plätze ausweisen.

Für Beat Bommer, Leiter Liegenschaften der Stadt Biel, sind Stellplätze auf dem Stadtgebiet jedoch kein Thema. «Es ist kein solcher Standplatz geplant.» Für die Wohnmobil–Touristen ständen ausreichend Möglichkeiten auf den Campingplätzen der Region zur Verfügung, schrieb er auf Anfrage. In der jüngeren Vergangenheit sei das Thema im Gemeinderat nicht diskutiert worden.

Dass es für Stellplätze in der Stadt keinen Bedarf gebe, stellt Angela Schüttel klar in Abrede: «Viele Camper würden gerne nach Biel gehen, aber weil es keinen offiziellen Stellplatz gibt, vermeiden sie das. Sie wollen nicht irgendwo parkieren und riskieren, mitten in der Nacht von der Polizei weggewiesen zu werden.»
Aber auf dem Parkplatz beim Strandbad stehen immer wieder Camper. Reicht dies nicht? «Der Vorteil eines Stellplatzes ist, dass Übernachtungen bewilligt sind. Und dass man eine gewisse Sicherheit hat, weil noch andere Camper da sind», sagt Angela Schütttel. Zudem könne man solche Plätze publik machen, sodass sie auch von auswärtigen Wohnmobil-Reisenden gefunden würden.

An die Infrastruktur von Stellplätzen stellen Schüttels keine grossen Ansprüche: Ein Camper sei autonom, da er über ein eigenes WC und eine eigene Dusche verfüge. Deshalb würde es reichen, wenn in Biel oder kleineren Gemeinden ein paar Plätze für Camper ausgewiesen würden. «Dass das geht, zeigt sich in Gerlafingen, wo beim Schwimmbad ein Stellplatz erstellt wurde.» Das sei auch im Seeland fast überall möglich. Sie hätten immer mal wieder nachgefragt, aber es gehe leider kaum vorwärts (siehe Zweittext unten).

Für grössere Plätze gebe es im Kanton Bern ein Problem mit der Zonenplanordnung: Wer einen grossen Platz einrichten wolle, müsse das Gelände umzonen, weil ein solcher wie ein Campingplatz angesehen werde, präzisiert Peter Schüttel. «Aber das ist gar nicht das Ziel: Wir brauchen kein Rambazamba mit Grillstellen und Tischen. Ein ausgewiesener Parkplatz würde reichen.» Für einen solchen könnte man  ein einfaches Ticketsystem einrichten. Das könne bei einer Kirche, einem Schwimmbad, einem Sportplatz oder einem Bahnhof sein. Man dürfe nicht vergessen, dass Camper viel Geld bringen würden: «Die Leute gehen im Dorf einkaufen und gehen fein essen.» In Twann etwa könnten sie beim Treberwurstessen auch noch einen Schnaps trinken, wenn sie im Ort übernachten könnten, sagt Angela Schüttel, die als Finanzverwalterin in Büetigen gearbeitet hatte.

«Bäcker bringt Brötchen»

Im Gegensatz zu den Gemeinden, die sich zierten, gebe es immer mehr Private, die Stellplätze anböten. Wie in Schafis, wo ein Weinbauer Camper willkommen heisst. Ein Modell, das bei den Winzern in Frankreich zum guten Ton gehört. «Das kann eigentlich jeder Private anbieten, aber wir empfehlen den Leuten, die Plätze bei der Gemeinde zu melden, um Ärger zu vermeiden», sagt Angela Schüttel.

Dann nimmt sie das Seeland ein wenig in Schutz. Es sehe in der ganzen Schweiz für Camper schlecht aus. Im Gegensatz zu Deutschland oder Frankreich, wo es viele Stellplätze gebe. «Am Bodensee hat jede zweite Gemeinde einen Platz, teilweise mit der ganzen Infrastruktur. Und am Morgen bringt der Bäcker das Brötchen.»
Diese Länder hätten begriffen, dass Camper rentieren: Im Durchschnitt gäben Wohnmobil-Touristen pro Tag und Kopf vor Ort 65 Euro aus, habe eine deutsche Studie ergeben, sagt Peter Schüttel. «Das Seeland und die Schweiz müssen endlich erwachen», fordert Angela Schüttel.

Im August erfüllen sie sich einen alten Wunsch, vier Wochen lang werden sie mit dem Camper Island bereisen. «Darauf freuen wir uns riesig», sagt Angela Schüttel. Von der grossen Reise durch Nordamerika träumen sie noch.


Immerhin: Aarberg prüft, was Moutier längst realisiert hat

Bei den Tourismusorganisationen und Gemeinden im Seeland bewegt sich wenig, um die Situation der fehlenden Stellplätzen zu verbessern. Für Oliver von Allmen, Direktor von Tourismus Biel Seeland, sind Wohnmobil-Touristen fürs Seeland wichtig. Standplätze müssten aber Gemeinden und Private anbieten. Seine Organisation könnte sie dann vermarkten.

Bei den Gemeinden aber ist man gelinde gesagt eher zurückhaltend. Stadtschreiber Stephan Ochsenbein teilt mit, dass sich die Nidauer Behörden bisher nicht mit der Frage nach Stellplätzen auseinandersetzten. Vielleicht werde der BT-Artikel nun dazu Anlass geben.

Kein Thema sind Stellplätze in Lyss, schreibt Thomas Peter, Abteilungsleiter Sicherheit und Liegenschaften. In Aarberg sei vor drei, vier Jahren darüber diskutiert worden, teilt Bauverwalter Marc Lehmann mit. Baurechtliche Vorschriften hätten bisher aber Stellplätze verhindert. Bei der laufenden Ortsplanungsrevision werde die Frage wieder geprüft.

In Ipsach fehle es an geeigneten Plätzen, schreibt Markus Becker, Geschäftsleiter der Gemeinde. Zudem sei der Gemeinderat der Meinung, dass in Ipsach kein Bedürfnis bestehe. In Erlach verweist Gemeindepräsident Martin Zülli auf die lokalen Campingplätze .

Beim Verein Tourismus Twann-Ligerz-Tüscherz hat man sich gemäss Präsident Cirillo Fontana «bis heute keine Gedanken zu diesem Thema gemacht.» Wesentlich  weiter ist man in Moutier: Hier gibt es einen kostenlosen Stellplatz mit Elektrizität und Wasser, weiss Madeleine Pfäffli von Jura Bernois Tourisme.

Info
Stellplatz für Camper
• Ein Stellplatz für Wohnmobile ist allgemein zugänglich und für Camper reserviert. Hier kann man im Fahrzeug übernachten und dieses für einen Tag oder mehrere Nächte abstellen.
• Kleinere Stellplätze für einen bis drei Camper sind oft kostenlose Parkplätze, die über keine Infrastruktur verfügen.
• Auf grösseren Stellplätzen mit bis zu 20 Plätzen wird in der Regel eine Gebühr verlang. Dafür stehen dann meist Elektrizität, Wasser, sanitäre Anlagen und eine Sickergrube für die mobilen Toiletten zur Verfügung.

Nachrichten zu Seeland »