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Bielersee

Berufstaucher bauen im Bielersee

Zwischen Hagneck und Erlach verläuft eine Hochspannungsleitung durch den See. Weil sich darin Anker von Booten verfangen haben, lässt die BKW die Kabel von einer Tauchfirma aus Lyss tiefer in den Boden versenken.

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von Carmen Stalder

Der Sonnenstrahl durchbricht die dunklen Wolken und taucht die St. Petersinsel in ein warmes Licht. Enten schwimmen dem Schilf entlang, Fischer auf einem schaukeligen Boot haben ihren Anker auf den Grund geworfen. Die Insel ruhig und verlassen, das Laub der Bäume gelb und orange. In flottem Tempo verlässt das Schiff der TAF Taucharbeiten AG den Kleinboothafen in Erlach. Ziel der kurzen Fahrt ist die Hechtenbucht. Dort befindet sich der Ponton der Firma, eine Art Baustelle auf einem Floss.

Auf dem Ponton riecht es nach Benzin. Der Generator läuft auf Hochtouren, ein stetiges Brummen, das in den Ohren dröhnt. Zwei Container, Kabel, eine Pumpe – es ist eng auf dem Floss. Auf der einen Seite befindet sich ein viereckiges Loch, eine Leiter führt in den See hinab. Vom Taucher, der hier vor etwa einer Stunde ins zwölf Grad kalte Wasser gestiegen ist, ist nichts zu sehen. Stattdessen ein knallroter Schlauch, der in der Tiefe verschwindet. Es ist die Lebensader des Tauchers: Damit erhält er die Luft zum Atmen, damit kann er mit seinen Arbeitskollegen an der Oberfläche kommunizieren.


Keine Gefahr für die Menschen

Seit mehreren Wochen kommen täglich vier Mitarbeiter der Lysser Firma auf diese Baustelle. Ihre Mission: Eine 50000-Volt-Hochspannungsleitung der BKW sicher im Seegrund zu versenken. Die drei Kabel bringen den Strom vom Kraftwerk Hagneck nach Lüscherz, dann quer durch den See auf die St. Petersinsel und weiter nach Erlach. Dort fliesst die Energie in eine Unterstation, wo Transformatoren den Strom auf eine tiefere Spannung von 16 000 Volt umwandeln.

Dass eine Hochspannungsleitung mitten durch einen See verläuft, ist gemäss Matthias Nussbaumer von der BKW nichts Ungewöhnliches. Allein im Bielersee verfügt die BKW über drei dieser Leitungen. Die Alternative dazu wären Strommasten entlang des Ufers, was nicht nur die Landschaft verschandeln würde, sondern durch die längere Streckenführung auch teurer wäre. Normalerweise verursachen die Kabel dem Berner Energiekonzern keine Probleme. Sie sind durch einen Aluminiummantel und eine Kunststoffschicht isoliert. Das schützt sowohl Menschen, die mit der Leitung in Berührung kommen, als auch die Leitung selbst.

Doch nun hat diese eine Leitung vor der St. Petersinsel dennoch Probleme verursacht. Denn die Hechtenbucht ist im Sommer bei Kleinbootbesitzern ein beliebtes Plätzchen, um zu ankern. Und eben diese Anker haben sich mehrmals in der Leitung verfangen. Taucher der Seepolizei mussten daraufhin ausrücken, um die Boote wieder fahrtüchtig zu machen. Oder die Freizeitkapitäne mussten zu einer Schere greifen und den Anker abschneiden, um wieder losfahren zu können.

Die BKW wusste nichts von diesen Zwischenfällen. Bis sich die Seepolizei 2017 bei ihr meldete. «Wir hätten natürlich einfach die Bucht für die Boote sperren können», sagt Nussbaumer. Damit hätte man sich aber «sehr unbeliebt» gemacht. Und so entschied sich das Unternehmen dazu, das Problem aus der Welt zu schaffen – indem es die Leitung vom Seegrund verschwinden lässt. 340000 Franken lässt sich die BKW die Aktion kosten, und das alles im Sinne der Bootsführer, wie Nussbaumer sagt.


Keine Spuren hinterlassen

Der Berufstaucher Martin Lüthi steht im Container und schaut auf einen Bildschirm. Eine Unterwasserkamera überträgt in Echtzeit, was zwölf Meter unterhalb des Pontons vor sich geht. Braune Schlammwolken wirbeln durch das grüne Wasser, sie verdecken seinen Kollegen Ivano Frapolli, der gerade im Einsatz ist. Mit einem Hochdruckwasserstrahl lockert Frapolli den Seegrund auf und saugt das gelöste Material ab. Dabei entsteht ein etwa ein Meter tiefer Graben. Pro Tag schaffen die Taucher zwischen 20 und 80 Meter Länge – je nach Beschaffenheit des Bodens und je nach dem, ob das Wetter mitspielt. Bei hohen Wellen müssen sie das Floss in die geschützte Bucht bringen, Regen macht dagegen nichts aus.

Die Leitung soll auf einer Länge von 300 Metern versenkt werden. Weiter draussen ist der See mehr als 24 Meter tief, dort besteht die Gefahr der verhedderten Anker nicht mehr. Wenn die Taucher den Graben einmal fertig haben, senken sie die Kabel hinab. Im nächsten Schritt überdecken sie die Leitung mit rund 20 Meter langen Gewebesäcken. Diese befüllen sie anschliessend mit Unterwasserbeton, der dank dieses Systems nicht auslaufen kann. Und zum Schluss decken sie die Grube mit dem abgesaugten Material wieder zu – sodass von den ganzen Arbeiten nichts mehr zu sehen ist. «Es ist eine Vorgabe der BKW, dass wir den Seegrund in seinem ursprünglichen Zustand hinterlassen», sagt Jannick Michel, Projektleiter bei der TAF.

Solange die Taucher damit beschäftigt sind, den Graben zu erstellen, läuft der Strom weiter durch die Leitung. Erst wenn sie die Kabel zum Absenken bewegen müssen, stellen sie den Strom ab. Eine gute Kommunikation sei hier extrem wichtig, sagt Michel – gerade wenn es um das An- und Ausschalten des Stroms gehe. Bezüglich Installation, Personalaufwand und Wetterabhängigkeit handle es sich hier um einen aufwendigen Auftrag. «Für uns ist es ein sehr interessantes Projekt, da wir gezielt unsere Ideen und Lösungen vorbringen und ausführen können», so der Projektleiter.

Die TAF Taucharbeiten AG führt aber teilweise noch viel verrücktere Arbeiten aus. Die Mitarbeiter tauchen in hochalpinen Gebieten auf über 2500 Meter über Meer, sie machen Sprengarbeiten in Kraftwerken, sie inspizieren Brücken, setzen Bojen, arbeiten in der Chemieindustrie, sanieren Ufermauern – und tauchen in Kläranlagen und Güllengruben. In der braunen Brühe ist die Sicht gleich null, sodass sich die Taucher nur mithilfe ihres Tastsinns orientieren können. Dagegen sei der Tauchplatz im Bielersee sehr angenehm, das muss auch Michel einräumen.


Resultat ist eine Vertrauensfrage

«Vorwärts», knackt es in der Leitung. Der Taucher Ivano Frapelli hat ein weiteres Stück des Grabens beendet. Wenn er sich fortbewegt, muss ihm der Ponton folgen. Und so schreiten zwei Mitarbeiter zu einer Kurbel, um das Floss sachte voranzubringen. Von hier oben können sie auch den Hochdruckwasserstrahl und die Pumpe steuern. Im Container wartet deshalb stets jemand auf die Anweisungen des Tauchers.

Spätestens Mitte Dezember will die Tauchfirma die Arbeiten für die BKW abschliessen. Der Energiekonzern wird dann nicht etwa selbst Taucher auf den Seegrund schicken, um das Resultat zu überprüfen. «Das ist eine Vertrauensfrage», sagt Matthias Nussbaumer, der bei der BKW für das ungewöhnliche Projekt zuständig ist. Zwischen den beiden Unternehmen bestehe eine langjährige Zusammenarbeit. Zudem erhält die BKW zum Abschluss des Projekts Fotos und Videos der Arbeiten, dazu sogar ein 3D-Modell des Seegrunds.

In der Aussparung auf dem Ponton steigen Luftblasen auf. Ein dunkler Schatten nähert sich der Oberfläche, dann greifen Finger in schwarzen Gummihandschuhen nach der Leiter. Ivano Frapolli kommt zurück an die Oberfläche. Nach ungefähr 90 Minuten wechseln sich die Mitarbeiter jeweils ab. Einerseits, weil die Konzentration nachlässt, andererseits, weil die Schweizerische Unfallversichererin Suva je nach Tiefe nur eine bestimmte Tauchdauer zulässt. Und dann gibt es noch einen dritten Grund: Weil die Kälte nach einer gewissen Zeit trotz des Anzugs in den Körper dringt.

Im Winter tragen die Männer einen Trockenanzug aus dickem Gummi. In diesem kommen sie nicht mit dem Wasser in Berührung und sind so besser vor Kälte geschützt als in einem normalen Neoprenanzug. Darunter tragen sie Thermounterwäsche, einen gefütterten Overall, dazu Handschuhe und eine Gesichtsmaske. Die Atemluft bekommen sie zwar von der Oberfläche, für alle Fälle tragen sie dennoch eine Sauerstoffflasche auf dem Rücken. Dazu kommen diverse Tauchgeräte sowie 20 Kilogramm schwere Bleigewichte. Nur dank der Hilfe eines Kollegen schafft es Frapolli, sich von dieser Last zu befreien.

Die Sonne ist hinter den Wolken verschwunden. Eine leichte Brise bringt das Wasser zum Kräuseln und weht die benzingeschwängerte Luft davon. Der Taucher steht im Container, in der Hand ein Becher mit dampfendem Kaffee. Er sieht durchgefroren aus.

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