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Siselen

Alltagsgegenstände in Museumsobjekte verwandelt

Die derzeitige Sonderausstellung «1968 Schweiz» des Bernischen Historischen Museums ist auch das Werk einer Siselerin: Die auf diese revolutionäre Zeit spezialisierte Historikerin Renate Schär hat Zeitzeugen und Gegenstände von damals aufgestöbert.

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Beat Kuhn

In der amerikanischen Filmkomödie «Nachts im_Museum» erwacht ein Museum immer nachts zum Leben: Da schwingen Höhlenbewohner ihre Keulen, ein Tyrannosaurus Rex faucht durch die Gänge, und eine Indianer- Squaw bezirzt den Nachtwächter.

Die gegenwärtig laufende Sonderausstellung «1968 Schweiz» im Bernischen Historischen Museum (BHM) am Berner Helvetiaplatz kann schon am Tag lebendig werden: Bestandteil der Ausstellung sind unter anderem Schautafeln von Zeitzeugen, darunter Barbara Gurtner, die von 1983 bis 1987 für die kommunistische POCH_(Progressive Organisationen der Schweiz) im Nationalrat sass.
 

Zum 15. Mal da
Und plötzlich steht Gurtner leibhaftig neben einem, sieht sich amüsiert in der nachgebildeten kleinbürgerlichen Stube von damals um. «Ich bin schon zum 15._Mal hier und entdecke doch jedes Mal wieder Neues», schwärmt sie. Die Bernerin gehört zu den bekanntesten alten 68ern in der Schweiz, wie man jene nennt, die damals die Welt verändern wollten. Mit ihren 74 Jahren ist sie inzwischen wirklich in die Jahre gekommen.

Was Gurtner bei diesem ihrem 15. Mal entdeckt: Die vermeintlich biederen Rosetten auf der olivgrünen Tapete werden durch winzige Darstellungen von Autos und Hausfrauen gebildet, also einem der damaligen Statussymbole und der Rolle, die die Frauen traditionellerweise hatten.
 

Enkelinnen in Omas Kluft
Lebendig wird die Szenerie auch durch eine ebenso zufällig anwesende Gruppe von Schülerinnen des Berner Kirchenfeld-Gymnasiums. Die haben sich für den Besuch der Ausstellung nämlich als Hippies verkleidet. Der Look der «Blumenkinder», wie man diese wegen ihrer Mode auch nennt, stammt aus der Generation ihrer Grossmütter.

Aber nanu, alles Mädchen? Das ist ja wie weit vor 1968. Lehrerin Corina Salzmann klärt auf, dass die Anwesenden an der Abteilung Geistes- und Humanwissenschaften seien, deren Fächer bei jungen Frauen deutlich beliebter als jene der Abteilung Mathematik und Naturwissenschaften seien, wo deutlich mehr junge Männer als Frauen zu finden seien. «Dies ist der Grund, warum wir praktisch in jedem Jahrgang an der Abteilung Geistes- und Humanwissenschaften eine bis zwei reine Frauenklassen haben.» Da hat sich in den letzten 50 Jahren also nichts geändert – ausser den Strukturen der Schulen.
 

Siseler Note
Anteil an der aktuellen Wechselausstellung des BHM hat auch eine Seeländerin: die in Siselen aufgewachsene und wohnende Historikerin Renate Schär. Sie ist beim BHM_als Ausstellungsassistentin angestellt, allerdings jeweils befristet für eine Ausstellung. Konzept und Gestaltung von «1968 Schweiz» stammen  von einer auf Themen wie diese spezialisierten Firma in Baden.

Aber Renate Schär hat bei der Umsetzung mitgeholfen. Sie hatte beste Voraussetzungen für dieses Thema, denn die 68er-Zeit ist ihr Fachgebiet. Wobei sie betont: «Man spricht immer von 1968, aber eigentlich hat diese Bewegung schon Mitte der 60er-Jahre eingesetzt und bis in die 70er-Jahre angedauert.»

Ihr spezifisches Interesse gilt dabei der feministischen Frauenbewegung, die ihren Anfang in jener Zeit hatte und bis heute für Gleichstellung kämpft. In diesem Zusammenhang übt die Siselerin auch Kritik an den 68er-Männern mit meist einem mächtigen Vollbart. So weist sie auf ein Fotoalbum in einer Vitrine und kommentiert: «In einer Kommune – der Vorläuferin der WGs – lebten  vier Männer und eine Frau. Und nun raten Sie mal, wer alleine den Haushalt schmiss.»
 

Seeländer Bezug minimal
Zu Schärs Aufgaben gehörte es, beim Aufstöbern von Zeitzeugen zu helfen. Die 16, die die Ausstellungsmacher schliesslich gefunden haben – darunter Gurtner –, werden in Wort, Bild und Video gezeigt. Die Aktivisten, die zu einem Portrait bereit gewesen sein, hätten allesamt gute Erinnerungen an die 68er-Bewegung, sagt Schär. Dies obwohl deren Ziel, die sozialistische Revolution, nicht gelungen sei. Dem Spruch «Revolution ist machbar, Herr Nachbar» ist der Nachbar damals nicht gefolgt.

Seeländer Bezüge kann die Siselerin nur wenige vorzeigen. Lediglich ein paar historische Fotos stammen von dort. «Allgemein waren die Städte Zentren der 68er-Bewegung, so auch Biel», sagt sie. Der einzige porträtierte Zeitzeuge aus der Region ist Paul Sautebain. Der gelernte Uhrmacher aus dem Jura war laut Schär bei der Revolutionären Marxistischen Liga. Heute ist er Biobauer in La Ferrière im Berner Jura.
 

LSD in der Vitrine
Einerseits sollte sie mithelfen, zeittypische Alltagsgegenstände zu finden, Beim Finden von Objekten zum Ausstellen war der Schwierigkeitsgrad unterschiedlich gross. Konkret: «Schallplatten bewahrt man auf, Kleider wirft man irgendwann weg.» So behalf man sich mit schriftlichen Aufrufen. Flugblätter waren in Archiven zu finden.

Letztendlich ist dann doch viel Material zusammengekommen. Trotzdem wird man nicht erschlagen durch die Fülle an ausgestellten Objekten oder überlange Erläuterungstexte, sondern behält jederzeit den Überblick. Die Bewegung wird umfassend abgebildet. Sogar LSD wird präsentiert, jene vom Schweizer Albert Hofmann entdeckte Droge, die für die Menschen bewusstseinserweiternd sein sollte, wie das die 68er formulierten. Und auch Texte zur sexuellen Revolution sind in einer Ecke zu finden. Es hiess ja damals: «Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.»

Auch Trouvaillen finden sich. So Instrumente der 1962 gegründeten Schweizer Beatband Les Sauterelles mit Toni Vescoli. Oder hölzerne Überreste von der Bestuhlung des Hallenstadions, die beim Konzert der Rolling Stones 1967 zu Kleinholz verarbeitet wurde. Wer bleibt denn schon auf dem Stuhl sitzen, wenn ihn die Musik vom Hocker haut.

Auch ein hellblauer VW-Bus sticht heraus. Bunt ist die gesamte Ausstellung über diese kunterbunte Bewegung, die den Grauschleier der damaligen Zeit lüften wollte. Schär meint denn auch: «Die Farbigkeit ist das Besondere dieser Ausstellung.» Im Kern richtet sich der Protest gegen den angeblichen Mief einer erstarrten Gesellschaft. Oder wie es ein Spruch der Studenten gegen Universitätsprofessoren ausdrückt: «Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren.» Eine Antwort auf die Frage, was von der 68er-Zeit geblieben ist, fällt Renate Schär nicht leicht. Schliesslich gibt sie aber doch eine: «Die Gesellschaft ist demokratischer geworden.»

Info: Die Ausstellung «1968 Schweiz» im Bernischen Historischen Museum läuft noch bis Sonntag, 17. Juni. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet; am Montag ist es geschlossen.


Junge 68erinnen I: Als Hippies verkleidete Berner Gymnasiastinnen beim Besuch der Ausstellung. Susanne Goldschmid

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In Quizsendung mit Sven Epiney entdeckt

Auf Renate Schär gestossen ist das BT durch die erste Folge der Samstagabendshow «Besser als die Quizlegenden». Dort war sie eine der Kandidaten und wurde von Moderator Sven Epiney als «Historikerin mit Fachgebiet 1968 aus Siselen im Kanton Bern» vorgestellt. Sie wusste mehr als die früheren Quizmaster Gabriela Amgarten, Beni Thurnheer, Raymond Fein, René Rindlisbacher und Stephan Klapproth. Damit gewann sie 100 000 Franken. Bk
 

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Quizfrage beantworten und Führung gewinnen

Möchten Sie die Ausstellung gratis und kundig geführt von Renate Schär besuchen? Dann nehmen Sie am BT-Quiz teil. Die Frage lautet: Aus was werden die Rosetten auf der Tapete im nachgebildeten Wohnzimmer in der Ausstellung gebildet? Die Lösung findet man, indem man diesen Artikel genau liest. Ihre Antwort mailen Sie bis spätestens 31. Mai an bkuhn@bielertagblatt.ch. Die Führung findet am Freitag, 8. Juni, von 15 bis 16 Uhr statt. Bk

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