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Kappelen

Alles fliesst

Vor kurzem hat Eva Riess-Rohrer ihren eigenen Laden mit Gefässen aus Steinzeugton eröffnet. Die Keramikerin erzählt, warum Zeit der wichtigste Faktor ist und was es mit den drei Fs auf sich hat.

Eva Riess-Rohrer in ihrem Laden: «Ich glaube, die Räumlichkeiten haben auf mich gewartet.» Bild: Raphael Schaefer
  • Dossier

Raphael Amstutz

Manche Dinge, sagt man, sind beseelt. Weil die Aufmerksamkeit und die Sorgfalt bei der Produktion auf die Gegenstände übergehen.

Jetzt ist er offen, der eigene Laden. Eva Riess-Rohrer ist immer wieder an dem Lokal an der Dorfstrasse 71 in Kappelen vorbeigefahren. Die Räumlichkeiten standen bereits länger leer. «Ich glaube, sie haben auf mich gewartet», sagt die Oberbayerin. Nun sind sie eingerichtet: mit Brennofen und Spritzkammer, mit Drehscheibe und Werkzeug, mit Kaffeebechern und Tellern, mit Vasen und Krügen und vielem mehr.


Die Rettung
Die Feier zur Eröffnung sei eine Freude gewesen, der erste Kurs ist ausgebucht, wegen den vielen Besucherinnen und Besuchern komme sie kaum noch zum Töpfern. Im Gästebuch auf ihrer Website finden sich ausführliche und differenzierte Bekundungen der Freude von Kundinnen und Kunden.

«Ich wusste nicht, wie das ankommt, was ich mache. Will das überhaupt jemand?» Riess-Rohrer strahlt. Das tut sie oft, wenn sie von ihrem Weg erzählt: Sie, die bereits als Kind mit Hingabe und Ausdauer mit den Händen gearbeitet hat. Die dann doch zuerst Pädagogin und Fitnessökonomin wird. Später der Umzug in die Schweiz, der Liebe wegen. Anfänglich eine Krise, weil sie sich entwurzelt fühlt, fern von Freunden und dem Bekannten ihrer Heimat. Ein Kurs in der Migros-Klubschule hilft. Riess-Rohrer sagt es so: «Das Töpfern hat mich gerettet.» Die Lust auf mehr ist geweckt. Riess-Rohrer wird auf die renommierte Töpferschule von Mathies Schwarze im Fricktal aufmerksam und absolviert dort ihre Ausbildung. Parallel dazu besucht sie die Schule für Gestaltung in Bern, um die keramische Technologie zu erlernen.


Die Harmonie
«Jeden Tag essen wir aus Tellern und trinken wir aus Tassen», so die Keramikerin. «Ich bin erstaunt, wie wenig Wichtigkeit wir unserem Geschirr beimessen.» Gekauft werde oft austauschbare und günstige Industrieware. Ihre Werke sind kunstvoll und trotzdem ganz dezidiert für den täglichen Gebrauch gedacht. Der Ton ist hochgebrannt, dicht und hygienisch, die Glasuren lebensmitteltauglich, das Geschirr spülmaschinenfest.

Form, Funktion und Farbigkeit bilden ein harmonisches Ganzes, die Arbeiten sind schlicht, zart und schnörkellos, gleichzeitig strahlen sie eine starke Präsenz aus. Bäume sind Riess-Rohrer wichtig. Und so finden sich Muster von Rinde oder Abgüsse von Ästen auf Schalen und Dosen.


Die Geduld
In ihrer Werkstatt pröbelt sie Stunden an neuen Glasuren – alles ist selber entwickelt und gemischt. Immer wieder spricht sie von Transformation. Alles hat eine Geschichte, alles fliesst, alles ist Veränderung. Damit diese Verwandlung geschehen kann, ist Geduld nötig. Drehen, brennen, glasieren und ungezählte Zwischenschritte. Davor, danach und währenddessen: warten, den Ton arbeiten lassen, den Dingen Zeit geben.

Man sagt, es brauche zehn Jahre, bis man eine gute Töpferin, ein guter Töpfer ist. Es brauche zehn Jahre, «bis man perfekt drehen kann», wie Riess-Rohrers Lehrmeister es sagte. «Bei mir sind es nun sechs Jahre», sagt sie und lacht. «Es ist ein stetiger Prozess der Weiterentwicklung, des Strebens nach Schönheit und der vollendeten Form.»


Die Seele
Die Blumensträusse würden in ihren Vasen länger halten, sagte ihr eine Kundin. Ein früherer Nachbar ist überzeugt, dass sein Bier in ihrem Humpen länger kühl bleibt.

Die Beseeltheit der Dinge. Eva Riess-Rohrer erzählt das ohne eine Spur von Angeberei oder Effekthascherei. Vielmehr ist sie erfreut und dankbar, was ihre Arbeiten bewirken.

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