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Rebbau

Alle Energie muss jetzt in die Trauben fliessen

«Schnipp schnapp» tönt es derzeit in den Rebbergen. Winzer Adrian Klötzli aus Twann stutzt mit langer Schere die Sommertriebe zurecht. Damit kann der Rebstock seine Energie zur Traubenreife nutzen, anstatt sie in der Höhe zu verlieren.

Winzer Adrian Klötzli aus Twann inmitten seiner wuchernden Reben. Mit einer langen Laubschere schneidet er die über den obersten Draht gewachsenen Triebe ab. Bilder: Reto Probst
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Carmen Stalder

Nach wenigen Minuten laufen Adrian Klötzli Schweisstropfen übers Gesicht. Das karierte Hemd ist nassgeschwitzt, Grashalme kleben an den braun gebrannten Beinen. Die Rebberge am Bielersee haben sich in eine feuchtheisse Sauna verwandelt: Nach einem kurzen Regenguss scheint die Sonne wieder erbarmungslos vom Himmel.

Der Winzer Adrian Klötzli führt in vierter Generation den Familienbetrieb Weingut zum Twannbach. Verteilt auf die Gemeinden Twann und Ligerz bewirtschaftet er auf 2,5 Hektaren verschiedene Rebsorten. Neben seiner Frau Julia helfen auch Klötzlis Eltern immer noch mit.

Auf schmalen Treppen steigt Klötzli den Berg hinauf. Hier sind die Reben so steil angebaut, dass keine Maschinen zum Einsatz kommen – die ganze Arbeit erfolgt von Hand. Dort, wo die Hangneigung bei über 60 Prozent liegt, sind die Reben in Quer- terrassen angelegt. Leuchtendes Grün erwartet den Winzer an seinem Ziel. Seit Wochen ist er daran, das ungestüme Wachstum seiner Reben zu bändigen. Dies unter anderem mittels «Bischösslen», bei dem überzählige Blätter in den Blattachseln entfernt werden (das BT berichtete).

Schnitt für Schnitt zum Ziel

Auch in diesen Tagen ist der Vater von zwei kleinen Mädchen mit dem Laub beschäftigt. Mit einer grossen Aluminiumschere kürzt er die über den obersten Draht gewachsenen Sommertriebe. Damit kann der Rebstock seine Kräfte zur Traubenreife und Zuckerbildung nutzen, anstatt sie in der Höhe zu vergeuden. «Schärlen», nennt Klötzli den Arbeitsschritt.

Diesen wird er heuer noch einige Male durchführen müssen. 2015 hat die lang anhaltende Trockenheit im Sommer das Wachstum gebremst, nach einem Durchgang war die Arbeit erledigt. Dieses Jahr rechnet der Twanner mit drei bis vier Runden «schärlen». Eine zeitraubende Angelegenheit – ausser in den flacheren Abschnitten, wo Klötzli seinen motorisierten Laubschneider einsetzen kann. «Das geht sicher vier Mal so schnell vorwärts.»

Die intensiven Arbeitstage haben bei Klötzli ihre Spuren hinterlassen. Am Arm hat sich eine Sehne entzündet – vom vielen Schneiden mit nach oben gestreckten Armen. «Leider kann sich das derzeit kaum erholen.»

Schädling macht alle sauer

Die Beeren haben nun die Grösse von Erbsen. «Noch sind sie hart», sagt Klötzli und streicht mit den Fingern über die Trauben. Erst gegen Ende des Sommers, wenn der Zuckergehalt in den Beeren steigt, werden sie weich. «Es zeichnet sich ein gutes Jahr ab», sagt der Winzer. Die Beeren wachsen nicht zu kompakt, das bedeutet, dass sie weniger durch Fäulnis gefährdet sind. Ausserdem ist das Laub gesund und auch bei den Beeren hat sich keine Krankheit eingeschlichen – jedenfalls noch nicht.

In den letzten Jahren war vor allem die Kirschessigfliege ein grosses Ärgernis für die Winzer. Wenn die Schädlinge die Trauben befallen, riechen diese innert kurzer Zeit nach Essig und sind ungeniessbar. Der vergangene heisse Sommer liess die Fliegenpopulation zusammenbrechen, doch dieses Jahr könnte sich die Bedrohung wieder verschärfen.

Eine Methode, um dem Befall entgegenzuwirken, ist das Entlauben. Mit gezielten Griffen entfernt Klötzli die Blätter um die Trauben, was ihnen mehr Luft verschafft. Die Kirschessigfliegen bevorzugen nämlich dichtes Laub, in dem sie sich einnisten können. Doch da beginnt das Dilemma, erklärt Klötzli: Weniger Laub bedeutet weniger Photosynthese und infolgedessen weniger Zucker. Gerade bei den weissen Sorten dürfe man es deswegen mit dem Entlauben nicht übertreiben, denn diese verlieren sonst ihr Aroma. Und werden die Blätter an besonders heissen Tagen entfernt, können die Beeren, die die Sonne noch nicht gewöhnt sind, gar einen Sonnenbrand bekommen.

Die Arbeit hört nie auf

Sein Fachwissen gibt Adrian Klötzli an Lehrlinge weiter. Derzeit lässt sich der 25-jährige Noel Eichenberger aus dem Luzerner Seetal in Twann zum Winzer ausbilden. «Ich wollte schon immer draussen arbeiten. Naturverbundene Berufe erleben derzeit einen Boom», sagt Eichenberger. Nach seiner Ausbildung möchte er gerne ein paar Monate in Südafrika arbeiten. «Weil das auf der Südhalbkugel liegt, könnte ich in einem Jahr zwei ‹Läsete› miterleben. Das ist für mich die schönste Zeit», sagt der künftige Rebbauer.

Dann ist fertig geplaudert. Klötzli ruft von weiter oben: «Hier müssen wir noch einmal durch. Das ist alles schon wieder nachgewachsen.» Eine Sisyphusarbeit. Doch davon lassen sich die beiden nicht beirren. «Man muss eins nach dem anderen nehmen», sagt Adrian Klötzli. Und abends, da freut er sich auf ein erfrischendes Bad im See – der liegt schliesslich direkt vor der Haustüre.

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Der Alltag in den Reben

  • In dieser Serie begleitet das «Bieler Tagblatt» verschiedene Winzer in der Region bei ihrer Arbeit.
  • Dabei werden die verschiedenen Arbeitsschritte der Winzer aufgezeigt: Vom Ausbrechen (Teil 1) über das Einschlaufen (Teil 2) und das «Bischösslen» (Teil 3) bis hin zum Läset im Herbst. cst

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