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Bern

Rennen um Nachfolge läuft

Nun ist es auch offiziell: SP-Präsident Christian Levrat hat seinen Rücktritt angekündigt. Viele in der Partei fordern jetzt eine junge Frau an der Spitze.

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Man müsse wissen, wann es Zeit sei, den Stab weiterzugeben, sagte der 49-jährige Christian Levrat gestern in Interviews mit den Zeitungen «Blick» und «La Liberté». Der Jurist aus Vaudens steht der SP Schweiz seit 2008 vor. Der dreifache Vater ist damit der amtsälteste Parteichef. Die Tätigkeit ermüde aber sowohl auf politischer Ebene als auch persönlich, sagte Levrat.

Als Höhepunkte seiner Amtszeit nannte der abtretende SP-Präsident im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA den «progressiven Bundesrat» zwischen 2007 und 2015, der die Schweiz aus der Atomenergie geführt und das Ende des Bankgeheimnisses eingeläutet habe. Als grösste Niederlage bezeichnete er die Annahme der Masseinwanderungsinitiative, die seiner Meinung nach hätte verhindert werden können.

Seit 1919 nie so schlecht

Für die grossen Stimmenverluste der SP im Oktober übernahm Levrat in den Interviews teilweise die Verantwortung. Sein Abgang habe damit aber nichts zu tun. Dieser sei bereits im Frühling beschlossen worden.

Die SP hatte bei den Parlamentswahlen das schlechteste Resultat seit 1919 hinnehmen müssen. Sie verlor vier Nationalratsmandate. Mehrere Genossen forderten danach Levrats Rücktritt, unter ihnen die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr. Das Gesicht der SP Schweiz müsse nun weiblich und jung sein.

Nach Levrats Rücktrittsankündigung werden diese Rufe jetzt lauter: Die SP benötige «eine erhöhte Sichtbarkeit der Frauen», forderten die Juso. Die Jungpartei betonte, nur mit einer umfassenden linken Alternative könnten die Menschen wieder begeistert und die SP aus der Sackgasse herausgeführt werden.

Die SP-Frauen sagten auf Anfrage, sie befänden sich im Moment im Gespräch mit mehreren Frauen. Wegen der immensen Belastung durch das Amt seien sie für verschiedene Konstellationen offen, auch für ein Co-Präsidium. Dies sagte die Co-Präsidentin der SP-Frauen, Natascha Wey.

Nadine Masshardt sagt ab

Als mögliche Kandidatin für Levrats Nachfolge gehandelt werden mehrere Nationalrätinnen, aus dem Kanton Bern etwa Flavia Wasserfallen (das BT berichtete), ferner aus Zürich Mattea Meyer und Min Li Marti, aus Baselland Samira Marti (BL), aus St. Gallen Barbara Gysi

Bereits gab es auch erste Absagen: Die Berner Nationalrätin Nadine Masshardt schrieb auf Twitter, sie stehe nicht zur Verfügung. Auch der neugewählte Bündner Nationalrat Jon Pult winkt ab: Jetzt brauche es eine Frau oder noch besser, eine Auswahl von Frauen an der Spitze der Partei, schrieb Pult ebenfalls auf Twitter.

Der Druck auf die Partei, eine Frau an die Spitze zu wählen, sei sehr gross, sagte der Politologe Michael Hermann. Einem Zweierpräsidium gibt er hingegen wenig Chancen. Zwar hätte diese Lösung den Vorteil, dass eventuell eine Frau und ein Mann an die Spitze gewählt würden, oder dass die Partei ihre verschiedenen Flügel integrieren könnte, sagte er der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Doch eine grosse Partei benötige eine Person, die vorne hinstehen könne. Deshalb werde sich wohl am Schluss eine starke, dominante Stimme durchsetzen, erwartet Hermann.

Für den Tessiner Politologen Nenad Stojanovic dagegen wäre ein Co-Präsidium durchaus denkbar. Nach zwölf Jahren Levrat fände er es schade, wenn keine Frau an die Spitze gewählt würde, sagte das SP-Mitglied.

Die SP-Delegierten haben an der Versammlung vom 30. November ein erstes Mal Gelegenheit, über die künftige Parteiführung zu sprechen. Ausgeschrieben wird die Stelle am 11. Dezember. Die Frist für die Bewerbungen läuft am 19. Februar aus. Der Entscheid fällt dann am Parteitag am 4. und 5. April 2020. sda

Stichwörter: Christian Levrat

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