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Uhrenbranche

Mehr Endkunden? Mehr Amazon?

Nach dem angekündigten Ausstieg der Swatch Group scheint die Zukunft der Uhrenmesse Baselworld unsicher. Klar ist: Die Messe muss sich neu erfinden. Dabei sind die Wünsche und Anforderungen der Aussteller höchst unterschiedlich.

Dieses Bild soll es künftig nicht mehr geben: Ein Besucher geht an der Baselworld 2018 über die Swatch-Group-Plaza. Bild: Keystone

Tobias Graden

Es ist war ein Knall, wie man ihn kaum erwartet hatte: Der angekündigte Rückzug der Swatch Group von der Baselworld trifft die Messe auf dem falschen Fuss (das BT berichtete). Doch nicht nur sie: Die Baselworld 2018 war trotz all der Kritik und des Aderlasses an Ausstellern noch gross genug, sodass nicht nur die Branchenleader, sondern auch die kleinen Marken Nutzen zogen. Denn jene Besucher, die wegen der Marktführer in Basel sind, entdecken gegebenenfalls auch ihnen bislang Unbekanntes.

So wagte sich die Marke Strom in diesem Jahr zum ersten Mal an die Messe. Gründer Daniel Strom hat sich soeben für die Ausgabe im nächsten Jahr angemeldet, er wird wieder denselben Stand im Bereich «Les Ateliers» bespielen. Dass mit der Swatch Group der bislang grösste Aussteller nicht mehr mit von der Partie ist, hat ihn davon nicht abgehalten: «Für eine kleine Marke machte es keinen Sinn, im einen Jahr in Basel zu sein und im anderen nicht.» Die Baselworld-Teilnahme sei Teil des Businessplans für die nächsten Jahre. Sollte der Niedergang der Messe weitergehen, würde er die Teilnahme überdenken.

 

Ein Weggang nach Genf
Ein Beispiel für eine Marke, die bereits von Basel nach Genf an den Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) gewechselt teilgenommen hat, ist die Bieler Armin Strom. Das hat laut Mitbesitzer Claude Greisler hauptsächlich zwei Gründe. «Einerseits deckt sich unsere Philosophie mit jener der Fondation de la Haute Horlogerie», sagt er. Bevor eine Marke am SIHH teilnehmen kann, wird sie von deren Vertretern peinlich genau überprüft: Wie produziert sie? Wie geht sie mit ihrer Geschichte um? Solche und weitere Faktoren spielen eine Rolle, um überhaupt die Berechtigung für den SIHH zu erhalten.

Anderseits sei der SIHH sehr innovativ: «Der Salon erfindet sich immer wieder neu. Es gibt Foren, Vorträge, passende Sonderausstellungen dazu.» Und schliesslich: «Man fühlt sich richtig willkommen.» So gebe es beispielsweise anders als in Basel Verpflegungsmöglichkeiten für das Standpersonal.

Günstiger sei die Teilnahme in Genf aber nicht: «Die Kosten sind praktisch identisch wie in Basel.» Eine Rückkehr an die Baselworld schliesst Greisler derzeit gleichwohl aus: «Die Teilnahme an zwei Salons wäre zu teuer.» Grundsätzlich ist er aber überzeugt, dass für die Uhrenbranche weiterhin Messen nützlich sind: «Es ist wichtig, dass die Industrie zusammenkommt, dass sie sich mit Händlern und Journalisten trifft.»

 

Eine Halle für Verwandte
Hört man sich in der Branche um, entsteht der Eindruck, dass sich eigentlich niemand ein Ende der Baselworld wünscht. Einigkeit besteht aber darin, dass sich die Messe dringend ändern muss.

Für Daniel Strom besteht der Weg darin, dass sich die Baselworld stärker als Publikumsmesse positioniert: «Es geht doch auch den grossen Marken letztlich um die Endkonsumenten.» Zwar können Interessierte jetzt schon die Baselworld besuchen, der Eintritt ist mit 60 Franken pro Tag und Person jedoch recht teuer: «Es braucht eine angemessene Preisgestaltung, so dass sich auch Familien einen Messebesuch leisten können.» Auch die Preise für die Aussteller müssten sinken.

Um die Attraktivität der Messe zu steigern, schlägt er Kooperationen mit anderen Akteuren der Konsumgüterbranche vor, «die ähnlich ticken wie die Uhrenindustrie», beispielsweise Swiss-made-Manufakturen aus Mode oder Luxus-Accessoires: «So gewinnt man ein neues Zielpublikum für die Uhrenmarken.»

In eine andere Richtung denkt François Zahnd, der dieses Jahr die wiedererweckte Marke Votum in Basel vorgestellt hat. «Es ist heute nicht mehr so, dass man an einer Messe 60 Prozent seiner Jahresproduktion verkauft», argumentiert er, «und die grossen Marken brauchen eine solche Messe eigentlich am wenigsten.» Diese hätten sich nämlich ihre Vertriebsnetze mittlerweile selber aufgebaut, weswegen die Zahl der Importeure und Retail-Händler unter den Besuchern auch in Basel immer geringer geworden sei.

Was ist also nötig? «Die Baselworld muss die digitalen Kanäle miteinbeziehen», sagt Zahnd, «die Messe muss interaktiver werden, sie muss die Social-Media-Welt miteinbeziehen, sie muss physisch und in der Online-Welt gleichzeitig stattfinden.» An der Messe selber, so Zahnd, sollten diese beiden Welten verbunden werden.

 

Umzug in einen Laden
Ein Beispiel für einen Hersteller, der in der Messezeit zwar noch in Basel ist, aber nicht an der Messe, ist die Mondaine-Gruppe. Sie hat die Baselworld vor zwei Jahren verlassen. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war der Umstand, dass Mondaine trotz jahrelangen Bemühungen wiederum keinen Standplatz im Bereich der Schweizer Aussteller erhalten hatte. Verwaltungsrat und Mitinhaber Ronnie Bernheim, der sich bereits in der Swiss-made-Frage exponiert hatte, hielt nicht mit seiner Meinung über die Messeleitung zurück – und mit dieser Meinung war er unter den Ausstellern keineswegs alleine.

Mittlerweile residiert Mondaine während der Messe in einem nahen Lokal, einem grossen, umgebauten Velogeschäft. «Ich kann mir kaum vorstellen, von diesem Ladenlokal wieder an die Baselworld zu wechseln», sagt Bernheim, «wir haben investiert, können öffnen und schliessen, wann wir wollen, und wir müssen all die teuren unbenötigten Dienste der Baselworld nicht bezahlen.»

 

Ein Stockwerk fürs Digitale
Kommt hinzu, dass sich nach Ansicht Bernheims die Messe fundamental ändern müsse. «Ich würde versuchen, die als Konkurrenten der klassischen Distribution geltenden Firmen wie Google, Amazon und Alibaba in einem Stockwerk anzusiedeln, um die digitale Welt wirklich einzubinden.» Deren Akteure seien ohnehin in Basel, die sichtbare Vernetzung brächte Nutzen für beide Seiten und würde die Messe aufwerten, so Bernheim. Dazu sei aber eine doppelköpfige Messeleitung nötig, welche sowohl über Fachkompetenz als auch Anerkennung in der jeweiligen Fachwelt verfüge.

Bernheim fügt an: «Nur ein Schock gibt der Messe eine Chance für die Zukunft mit attraktiven Messeerlebnissen. Alles andere ist für einen Erfolg – zum heutigen Zeitpunkt – zu wenig und zu spät.»

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