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«Ich bin ein innovativer Bähnler»

Die SBB haben einen neuen Chef: Der Verwaltungsrat hat Vincent Ducrot einstimmig zum Nachfolger von Andreas Meyer bestimmt. Der 57-jährige Freiburger, der sich selber als "innovativen Bähnler" bezeichnet, tritt sein Amt Anfang April an.

Symbolbild: Keystone

Erfahrung in der Leitung eines komplexen Unternehmens, Kenntnisse der Politik und der Sozialpartner, Verbundenheit mit dem öffentlichen Verkehr, Affinität zur Schweiz und dazu ein dickes Fell im Umgang mit der grossen öffentlichen Aufmerksamkeit des Postens: Die Liste der Anforderungen an den neuen SBB-Chef war lang.

Doch der Verwaltungsrat ist «absolut überzeugt», mit Vincent Ducrot die «richtige Lösung» und eine «überzeugende Persönlichkeit» für die SBB gefunden zu haben, wie Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar sagte. Unter anderem wegen seiner langjährigen Erfahrung bei den Freiburger Verkehrsbetrieben (TPF) und der SBB verfüge der neue CEO über die nötigen Qualifikationen.

Ducrot selber zeigte sich «glücklich und stolz» über seine Ernennung. Er freue sich auf die Aufgabe, zusammen mit den 38_000 Mitarbeitenden das Unternehmen weiterentwickeln zu können. Als CEO sei er aber nur «einer der vielen Leute, die dieses System erfolgreich machen». Der 57-jährige Freiburger tritt sein Amt Anfang April an.

«Sicherheit, Qualität und Pünktlichkeit» seien Begriffe, die er immer gepflegt habe und auch als SBB-Chef weiter leben wolle. Doch er sei auch ein Verfechter von Innovation. Diese Eigenschaften wolle er in das Unternehmen einbringen. «Ich bin ein Bähnler, aber ein sehr innovativer Bähnler», sagte der erste Romand an der Spitze der SBB seit rund 50 Jahren.

Bevor der Freiburger 2011 zu den Freiburger Verkehrsbetrieben wechselte, hatte er beim SBB-Personenverkehr eine leitende Funktion inne. So war er als Chef des Bereichs Fernverkehr unter anderem an der grössten Fahrzeugbeschaffung in der Geschichte der SBB beteiligt: den Doppelstockzügen von Bombardier, die inzwischen als Pannenzüge bekannt geworden sind.

«So holt einen manchmal die Vergangenheit ein», sagte Ribar dazu. Doch sie zeigte sich überzeugt, das Ducrot gemeinsam mit den Teams «auch diesen Zug auf die Schiene bringen» werde. Einzig ein Generationswechsel werde mit dem 57-Jährigen nicht erreicht. Doch die SBB sei auf die Erfahrung angewiesen, sagte Ribar. Denn das Unternehmen habe sich in den letzten Jahren dramatisch entwickelt und transportiere mehr Personen denn je. Dadurch sei das System «etwas an seine Grenzen» gestossen.

Als eine der grössten «Baustellen» der SBB bezeichnete der gelernte Elektroingenieur und Vater von sechs Kindern die Verspätungen der Züge. Welche Massnahmen er nach seinem Amtsantritt Anfang April als erste ergreifen werde, dazu wollte er sich jedoch noch nicht äussern. «Lassen Sie mich zuerst ankommen», sagte Ducrot.

Die Reaktionen auf den Personalentscheid fielen durchwegs positiv aus: Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga teilte mit, mit Ducrot sei eine Persönlichkeit gewählt worden, welche die Schweiz und die Bahnlandschaft sehr gut kenne und sich der Bedeutung des Service public und der Sozialpartnerschaft bewusst sei. Olivier Français (FDP/VD), Präsident der Verkehrskommission des Ständerats, forderte vom neuen CEO, dass er seine langfristige Vision für die Entwicklung des Bahnnetzes umsetze. Als erstes müsse nun aber das Vertrauen der Reisenden wieder hergestellt werde. Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV sprach von einem Entscheid «in die richtige Richtung» und einem «positiven Signal an die Mitarbeitenden». Awp

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Die «Baustellen» der SBB

Der neue SBB-Chef Vincent Ducrot übernimmt eine anspruchsvolle Aufgabe. Hier einige der wichtigsten «Baustellen», mit denen er sich befassen muss:

•Personalmangel: Die SBB hat unterschätzt, wie viele Lokführer sie wegen des wachsenden Passagieraufkommens braucht. Deshalb steht an Spitzentagen zu wenig Personal zur Verfügung.

•Reorganisation: Der Aufbruch der eingespielten Prozesse beim grössten Reorganisationsprojekt im Personenverkehr stellt sich gemäss Gewerkschaften als schwierig heraus. Deshalb legte die SBB eine Denkpause ein.

•Fehlendes Rollmaterial: Die SBB hatte 2010 62 Doppelstockzüge bei Bombardier bestellt. Ursprünglich hätten diese 2013 geliefert werden sollen. Erst im Sommer 2021 soll die ganze Flotte nun ausgeliefert werden.

•Verspätungen: Im Schnitt kommen täglich 125_000 Bahnkunden zu spät an ihrem Zielort an. Gründe dafür sind die bereits erwähnten Verzögerungen bei der Inbetriebnahme neuer Züge bei zunehmenden Passagierzahlen, Verspätungen auf den meistbefahrenen Strecken sowie eine angespannte Personalsituation.

•Sicherheit: Wegen eines Defekts beim Einklemmschutz kam am 4. August 2019 ein Zugführer in Baden ums Leben. Die Überprüfung förderte 69 sicherheitsrelevante Mängel zutage. Zudem wurden 572 Fehler entdeckt, die keinen Einfluss auf die Sicherheit haben.

•Gütertransport: Die Güterbahn SBB Cargo ist seit Anfang 2019 Konzerngesellschaft der SBB und steht vor dem Eintritt von privaten Logistikpartnern. Doch die finanzielle Situation vor allem bei SBB Cargo Schweiz bleibt anspruchsvoll. So sank das Halbjahresergebnis trotz Abbau von 9 Millionen Franken staatlicher Abgeltungen von 2,16 Millionen Franken im Vorjahr auf 0,25 Millionen Franken, was einem Minus von 88,4 Prozent entspricht. awp

Stichwörter: Vincent Ducrot

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