Sie sind hier

Bern

Berset muss wohl über die Bücher

Psychologinnen und Psychologen sollen nach dem Willen des Bundesrates unter gewissen Bedingungen selbstständig Therapien anbieten dürfen. Ärzte und Krankenkassen fordern Nachbesserungen an dem Vorschlag.

Gesundheitsminister Alain Berset und BAG-Direktor Pascal Strupler bei der Vorstellung im Juni. Bild: Keystone

Heute werden psychotherapeutische Leistungen durch Psychologen von Krankenkassen nur übernommen, wenn sie von entsprechenden Fachärzten aus der Psychiatrie delegiert und unter Aufsicht und in den Räumlichkeiten eines Arztes erbracht werden. Das will der Bundesrat ändern. Ziel der Änderung ist es, insbesondere Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen in Krisensituationen einfacheren Zugang zu psychotherapeutischen Behandlungen zu ermöglichen und die Wartezeiten dafür zu verkürzen.

Genügt die Ausbildung?

Die Modelländerung wird zwar von Ärzten und Krankenkassen grundsätzlich begrüsst. Der Teufel liegt aber im Detail. Diskutiert wird etwa die zu erwartende Qualität der psychotherapeutischen Behandlungen und damit letztlich die Frage, ob Psychotherapeuten über die entsprechenden Kompetenzen verfügen.

Aus Sicht der Psychiaterinnen und Psychiater der Verbindung der psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Ärzte (FMPP) erfordert eine ganzheitliche psychische Versorgung «Kompetenz und Erfahrung, welche die aktuelle Aus- und Weiterbildung von psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten nicht gewährleistet». Der Entwurf des Bundesrats sieht zwar vor, dass Psychotherapeuten ein Jahr postgraduale klinische Erfahrung ausweisen müssen, wenn sie Psychotherapien anbieten wollen. Das genügt aber beispielsweise auch dem Krankenkassendachverband Curafutura nicht. Curafutura fordert eine zweijährige Berufserfahrung, welche in Form eines postgradualen Studiums in einer psychotherapeutisch-psychiatrischen Einrichtung unter Leitung einer Fachärztin absolviert werden muss.

Wer verschreibt?

Auch die Frage, wer Therapien anordnen darf, ist umstritten. Nach der Vorstellung des Bundesrats soll in Krisen- oder bei Kurzinterventionen auch ein Hausarzt oder eine Gynäkologin ohne entsprechenden Fähigkeitsausweis eine Psychotherapie anordnen dürfen. Eine vorgängige Konsultation bei einer Psychiaterin oder einem Psychiater ist nicht mehr zwingend. Die Psychiaterinnen und Psychiater (FMPP) fordert zusätzliche Beschränkungen. So sollen nur Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Kinderpsychiatrie und -psychotherapie und Ärztinnen und Ärzte mit einem Fähigkeitsausweis Psychosomatische und Psychosoziale Medizin eine Psychotherapie anordnen dürfen. Auch Santésuisse will den Kreis der anordnenden Ärzte einschränken. Diese sollen den Nachweis über eine Weiterbildung für die psychiatrische-psychotherapeutische Tätigkeit erbringen müssen. Ansonsten sei davon auszugehen, dass die Anzahl von medizinisch unbegründeten Behandlungen steige. Das würde Prämienzahler mit Kosten belasten, die nicht über die Grundversicherung abzurechnen seien.

Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) betont derweil, dass es wichtig sei, dass die Anordnung möglichst niederschwellig erfolge. Nur wenn auch Haus- und Kinderärzte eine Psychotherapie anordnen dürften, könnten die bestehenden Versorgungsengpässe beseitigt werden.

Mehrkosten befürchtet

Kritik an der Vorlage gibt es auch wegen der zu erwartenden Mehrkosten. Der Bund geht davon aus, dass neu rund 100 Millionen Franken über die obligatorische Krankenversicherung abgerechnet würden. Längerfristig ist die Rede von 167 Millionen Franken.

Die Psychiater-Vereinigung geht jedoch von mehr als einer halben Milliarde Franken Mehrkosten aus. Dies etwa, weil bei den Psychologinnen und Psychologen Reglementierungen wie ein Numerus Clausus oder Zulassungsstopp fehlten. Die Krankenkassenverbände fordern ein nationales Monitoring, damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen.

Weiter ist umstritten, wie viele Sitzungen pro ärztliche Anordnung abgehalten werden dürfen. Der Bundesrat schlägt vor, dass maximal 15 Sitzungen möglich sein sollen. Für eine Verlängerung wäre eine neue ärztliche Anordnung nötig. Diese Beschränkung betrachtet die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP), welche die Änderung ansonsten begrüsst, mit Bedenken. 15 Sitzungen würden insbesondere bei Kindern und Jugendlichen nicht ausreichen, weil bei ihnen oft umfangreiche Abklärungen nötig seien. Auf der anderen Seite will Curafutura die Anzahl auf zehn Sitzungen reduzieren.

FDP und SVP sagen Nein

Von jenen Parteien, welche sich zur Vorlage geäussert haben, begrüssen die SP und die Grünliberalen den Modellwechsel – die GLP fordert aber einen gesetzlichen Rahmen, mit welchem die Qualität und Effizienz überwacht werden können. Die SVP und die FDP lehnen den Vorschlag wegen der Kostenfolgen ab. Trotz des generellen Wohlwollens gegenüber der Modelländerung zeigt sich, dass sich Gesundheitsministers Alain Berset voraussichtlich noch vertieft den Einwänden auseinandersetzen muss. sda

Nachrichten zu Schweiz »