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Konzert

Zurück zur Natur

Das Sinfonieorchester Biel Solothurn unter Leitung seines Chefdirigenten Kaspar Zehnder malte in seinem fünften Sinfoniekonzert stimmungsvolle musikalische Landschaften, darunter auch solche mit Seltenheitswert.

Die rauhe Schönheit Schottlands mit seinen geheimnisvollen Schlössern regte Felix Mendelssohn zu seiner «schottischen Sinfonie» an.

Annelise Alder


Charles Koechlin gilt nach wie vor als Geheimtipp. Jedenfalls figuriert die Musik des Zeitgenossen von Claude Debussy selten auf den Programmzetteln hiesiger Konzerthäuser. Dies obwohl der Franzose für fast alle Genres komponiert hat und seine Werke in verschiedener Hinsicht entdeckenswert sind.
Die fehlende Anerkennung des Komponisten mag darin begründet liegen, dass sich seine Musik keiner bestimmten musikstilistischen Richtung zuordnen lässt. Charles Koechlin hatte über dies weit über die Musik reichende Interessen. Der Spross einer Familie von Ingenieuren, Erfindern und Künstlern begeisterte sich ebenso für naturwissenschaftliche Disziplinen wie für Literatur oder Film. Zudem zeigte sich der Komponist aufgeschlossen gegenüber neuen musikalischen Tendenzen.
So versprühen auch seine «Chansons bretonnes» etwas von diesem weltoffenen und unabhängigen Geist. Darin wird Vergangenes in Form von schlichten Volksliedern auf geschickte Weise in die musikalische Gegenwart des Komponisten gerückt. Koechlin nützt für die Instrumentation dieser teils archaisch anmutenden Melodien zwar das Klangspektrum eines spätromantisch gross besetzten Orchesterapparats. Doch setzt er die Farben der einzelnen Instrumente ganz gezielt und knapp dosiert ein. Auch kombiniert er sie auf teils kühne Weise, was zur eigenwilligen Apartheit der Lieder beiträgt. Die musikalische Umsetzung einer solch anspruchsvollen Partitur erfordert höchste Sorgfalt. Der Solist des Abends, der Cellist Matthias Walpen und das Sinfonieorchester Biel Solothurn unter Leitung von Kaspar Zehnder genügten indes allen Ansprüchen und bezauberten das Publikum mit einem Stimmungsspektrum, das von herb und melancholisch bis zu trotzigem Aufbegehren reichte.


Überbordend virtuos
Das Sinfonieorchester Biel Solothurn verfügt über herausragende Solisten in den eigenen Reihen. Das zeigte sich nach dem Auftritt der Konzertmeisterin am Neujahrskonzert auch letzten Mittwoch wieder. Matthias Walpen, Stimmführer des Celloregisters brillierte nicht nur bei Koechlin, sondern auch im anschliessenden Cellokonzert von Robert Volkmann mit variantenreichem Spiel. Das Werk genoss zu Lebzeiten des Komponisten grosse Popularität. Doch wurde es von der Fachwelt wegen seiner fehlenden stilistischen Geschlossenheit kritisiert. Tatsächlich lässt es sich musikalisch im Spannungsfeld zwischen Mendelssohn und Schumann ansiedeln. Auch erinnern die sprechenden Passagen im Mittelteil an italienischen Opernbelcanto. Gut möglich, dass dies die Verbreitung des Werks nach dem Tod des Komponisten verhindert hat. Jedenfalls ist das Cellokonzert heute selten zu hören. Attraktiv ist das Werk des deutschen Romantikers dennoch: Der Komponist bündelt darin die Themen und Elemente einer klassischen Konzertform zu einem kompakten Ganzen. Dazu gesellt sich eine überbordende Virtuosität. Der Solist am Cello, Matthias Walpen meisterte die vertrackten Doppelgriffe, die schwindelerregend schnellen Läufe über alle Saiten hinweg und die Figurationen, die an die sogenannte «Teufelstrillersonate» von Giuseppe Tartini erinnerten, auf seine für ihn typische bescheiden-souveräne Art. Das Publikum bedankte sich mit Bravorufen und rauschendem Beifall.


Zarte Klangflächen
Unter dem Motto «à la recherche de la nature» hielt der Chefdirigent des Orchesters weitere musikalische Raritäten bereit. Die Orchesterrhapsodie «Abends» des Schweizer Romantikers Joachim Raff ist ein kurzes, in pastellenen Farben gehaltenes Klangidyll. Als Eröffnung des Abends bildete es einen hörbaren Kontrast zum schwungvollen Ausklang des Neujahrskonzerts, das den erfreulich zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhören im Konzertsaal des Kongresshauses noch in den Ohren nachgeklungen haben mochte.
Auch zarte Klänge gelingen dem Ensemble und seinem Leiter auf eindrückliche Weise: Die sanft auf- und abwiegenden Klangflächen liess der Dirigent – um in der Malersprache zu bleiben – vom Orchester farblich deckend, doch nie dick auftragen. So blieben die zarten harmonischen und klanglichen Rückungen immer deutlich wahrnehmbar. Der Auftakt zu einem Programm mit naturnaher Musik hätte nicht passender sein können.


Poetisch und klassisch
Die Nähe zur Natur wird auch in Felix Mendelssohns sogenannter «schottischer» Sinfonie häufig beschworen. Mendelssohn selbst hat auf den aussermusikalischen Entstehungskontext des Werks hingewiesen. Erste Themen entstanden bereits 1829, auf der Reise des 20-jährigen Komponisten nach Schottland. In seinen Briefen ans Elternhaus zeigte sich Mendelssohn tief beeindruckt von der dortigen wild-schönen Landschaft mit ihren verfallenen Schlossruinen, die an die dramatischen Vorkommnisse vergangener Tage erinnern.
So fächerte das Sinfonieorchester Biel Solothurn dank weicher Zeichengebung Kaspar Zehnders ein Füllhorn an unterschiedlichen Stimmungen auf. Das reichte von der feierlichen Einleitung, über den melancholisch eingefärbten raschen Eröffnungssatz bis zu den übermütigen Rufen der Holzbläser im anschliessenden Scherzo bis zum bedeutungsschweren Schreiten im langsamen Satz. Auch wenn die vier fliessend ineinander übergehenden Sätze der Sinfonie zu poetischer Deutung verleiten, so sind sie in der klassischen Tradition verortet. Eine klarere formale Profilierung wäre deshalb durchaus angezeigt gewesen. Im Kontext dieses naturnah und schlüssig konzipierten Programms bildete diese einmalige Schöpfung Felix Mendelssohns aber einen passenden Abschluss.

Stichwörter: Musik, Kultur, Tobs

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