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The Javelins

«Wir sind nicht retro, wir sind authentisch»

Sie haben in den 60er-Jahren 200 Konzerte in zwei Jahren gespielt, aber nie ein Album aufgenommen. Mehr als 50 Jahre später holt Ian Gillan, bekannt als Frontmann von Deep Purple, mit seiner ersten Band The Javelins dies nun nach.

Ian Gillan (Mitte) sagt über seine Bandkollegen: «Musikalisch gesehen hat sich keiner von ihnen weiterentwickelt.» Bild: zvg/Dennis Dirksen
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Interview: Nick Joyce

Ian Gillan, Sie haben in Interviews immer wieder betont, wie wichtig es für sie als Musiker ist, Ihre eigenen Songs schreiben und spielen zu können. Warum greifen Sie jetzt alte Blues- und Rock’n’Roll-Klassiker wieder auf? Sind diese Stücke wie ein Massanzug, in den Sie ganz einfach hineinschlüpfen können?
Ian Gillan: Als auf mich zugeschnitten würde ich diese fremden Songs nicht gerade bezeichnen. Dieses Projekt ist einfach ein Rückblick auf die Zeit, in der ich mit The Javelins mein Musikerhandwerk erlernt habe – und mich mehr noch intensiv mit der Geschichte des Blues und des Rock’n’roll befasst habe. So etwas macht natürlich grossen Spass.

 

Wie war es, wieder mit Ihren alten Weggefährten aus den frühen 60er-Jahren wieder zusammenzuspielen?
Ich habe erst während der Proben realisiert, was mich an dieser Zusammenarbeit begeistert. Ich bin der Einzige aus dieser Runde, der Profimusiker geworden ist, die anderen haben entweder bei sich zu Hause vor sich herumgeschrummt oder sind hie und da mit irgendwelchen Hobby-Bands in den Pubs aufgetreten. Musikalisch gesehen hat sich keiner von ihnen weiterentwickelt. Was zur Folge hat, dass sie diese Songs so spielen wie vor 50 Jahren. Darum ist unsere Musik auch nicht retro, sie ist im Gegenteil einfach authentisch. Als ich das erkannt habe, haben sich die Haare auf meinem Nacken vor Aufregung aufgestellt.

 

Auf dem Album «Ian Gillan And The Javelins» singen Sie stellenweise mit einem amerikanischen Drall. Mussten Sie sich für diese fremden Songs verstellen?
In meiner Jugend war es für mich schon fast ein moralisches Dilemma, wie ich die Songs amerikanischer Künstler möglichst authentisch singen könnte, ohne meine eigene Herkunft zu verleugnen. Irgendwann habe ich damit aufgehört, mich zu hinterfragen und habe dann die Songtexte einfach so interpretiert, wie sie am besten zur Musik gepasst haben. Beim Rock’n’Roll ist die genaue Bedeutung eines Songtextes oft zweitrangig, da ist der Klang der Wörter entscheidend. Chuck Berry ist da die grosse Ausnahme, mit seinen fein ziselierten, schon fast poetischen Songtexten war er seiner Zeit weit voraus.

 

Sie haben oft gesagt, dass Deep Purple in erster Linie eine Instrumental-Band seien. Hat es Ihnen darum eine besondere Freude bereitet, narrative Songs wie Chuck Berrys «Memphis, Tennessee» zu singen?
Nun gut, Deep Purple haben sich mit den Jahren auch immer weiter entwickelt. Irgendwann hatten wir neben den Songs, bei denen es einfach darum ging, eine Stimmung zu schaffen, auch Stücke, die eine richtige Handlung hatten. Und da waren dann auch völlige Nonsens-Nummern, in denen es eben nur noch um den Sound der Wörter ging, die zur übrigen Musik passen musste.

 

Laut Keith Richards war es für junge Briten unglaublich schwierig, an Blues- und Rock’n’roll-Platten aus Amerika heranzukommen. Wo haben Sie diese Musik zum ersten Mal gehört?
Das war damals wirklich nicht einfach. Für mich und meine Freunde war Radio Luxemburg der Sender, wo wir die Platten der amerikanischen Labels regelmässig hören konnten. Im öffentlichen Rundfunk wurde diese Musik lange nicht gespielt, die sogenannten Piraten-Radios gingen erst viel später auf Sendung. Immerhin hatten wir es besser als die Teenager in den USA, die unter so etwas wie eine Radio-Apartheid mit segregierten Musikprogrammen aufgewachsen sind. Sie haben den Blues erst für sich entdeckt, als die britischen Bands diese Musik nach Amerika zurück importiert haben.

 

Zeitgleich haben die britischen Musiker die englische Sprache in fremde Länder populär gemacht, wo Französisch einst die Lieblingssprache der Coolen und Hippen gewesen war.
Dmitri Medwedjew, der russische Präsident in den Jahren, als Wladimir Putin dieses Amt aus verfassungsrechtlichen Gründen niederlegen musste, hat mir einmal erzählt, wie er sein Englisch anhand von Deep-Purple-Platten erlernt hat. In seiner Jugend durfte man die Songtexte zwar hören und analysieren, aber geniessen durfte man unsere Musik auf gar kein Fall. Das war gesetzlich verboten. Zur Zeit der Berliner Mauer wurden Purple-Fans in Polen und der DDR gar ins Gefängnis gesteckt, nur weil sie unsere Platten bei sich daheim hatten.

 

Auf «Ian Gillan And The Javelins» sind Stücke von Howlin’ Wolf, Ray Charles und eben auch Chuck Berry zu hören. Dafür aber kein einziger Song aus Elvis’ Katalog. Hat diese Lücke einen bestimmten Grund?
Ich kann sie trösten: Ich werde bald ein Rockabilly-Album einspielen, darauf werden sicher ein paar Elvis-Songs zu hören sein. Aber ich habe schon so viele seiner Stücke gesungen, dass es dieses Mal nicht wieder welche gebraucht hat. In meiner Jugend war Elvis für mich natürlich sehr wichtig. Er hat mich auf meinem Weg vom Kirchenchor zum Rock’n’Roll begleitet.

 

Diesen Herbst jährt sich die Ausstrahlung von Elvis’ berühmtem Comeback-Special zum 50. Mal. Haben Sie diese Show damals im Fernsehen gesehen?
Natürlich habe ich das. Ich hatte mich nach dem Film «Blue Hawaii» von Elvis und seiner Musik abgenabelt, weil er mir damals vorkam, als wolle er der nächste Frank Sinatra werden. Ich weiss noch genau, wie ich und meine Freunde im Kino sassen und uns gefragt haben, was sich da vor unseren Augen da auf der Leinwand abspielt. Nach all den schlechten Filmen dann im Fernsehen Zu sehen, wie Elvis im schwarzen Leder-Outfit mit seinen Musikern eine Unplugged-Session durchzieht, war schlicht unglaublich.

 

Haben Sie Elvis’ Karriere auch nach 1968 weiter verfolgt?
Elvis ist dann nach Las Vegas gegangen, wo er ein neues, etwas reiferes Publikum für sich erarbeitet hat. Mir kam seine Musik in dieser Phase nicht sonderlich cool vor. Und weil ich damals einfach cool sein wollte, habe ich Elvis in dieser Zeit etwas aus den Augen verloren. Insgeheim bin ich aber immer ein Fan geblieben. Man darf nicht unterschätzen, wie grossartig Elvis als Musiker war. Wegen der schieren Reinheit, der Menschlichkeit und auch der Intensität seines Gesangs wurde er sogar von Opernstars wie Luciano Pavarotti bewundert. Für einige von ihnen war Elvis gar der grösste Sänger, den das 20. Jahrhundert hervorgebracht hatte.

 

Gab es Songs, die Sie sich mit The Javelins angeschaut haben, die ihnen aber nicht gelingen wollten und darum wieder verworfen werden mussten?
Eigentlich nicht. Bei der Auswahl der Stücke haben wir uns am Songmaterial orientiert, das wir damals in den Clubs gespielt haben. Und als wir sechzehn Stücke zusammenhatten, sagten wir uns einfach, dass dieses Repertoire für ein Album reicht. Mehr Songs haben wir uns gar nicht angeschaut. Obwohl es natürlich Stücke gab, die die Band früher aufgeführt aber schnell wieder verworfen hat. «Swiss Maid» von Del Shannon war so ein Stück. Ich habe die Nummer gern gesungen, weil die Melodie für mich als Sänger eine grosse Herausforderung war. Beim Publikum ist «Swiss Maid» aber nie richtig gut angekommen.

 

Wobei Ian Gillan noch nie den Eindruck erweckt hat, als würde er um die Gunst eines Publikums buhlen.
Ich habe früh gelernt, dass man sich nicht zu sehr anstrengen sollte, nur um anderen Menschen zu gefallen. Am besten ist es, wenn man die Musik macht, die einem selber gefällt. Sonst hinterfragt man sich dauernd selber und macht sich so verrückt. Aber: Wenn Deine Musik gar kein Publikum findet, musst Du wach genug sein, um dies zu erkennen und das Feld zu räumen. So ersparst du dir viel Zeit und viel Ärger.

 

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Wie eine historische Aufnahme

Ian Gillan, Jahrgang 1945, ist der langjährige Frontmann der britischen Heavy-Rock-Band Deep Purple. Zwischen 1962 und 1964 sang der Londoner mit der Amateur-Band The Javelins, in dieser kurzen Zeit spielten sie zusammen um die 200 Konzerte.

Nun hat Gillan sich mit seinen alten Bandgefährten wieder zusammengetan, um Musik von Chuck Berry, Ray Charles und Howlin’ Wolf neu aufzulegen. Wäre da nicht Ian Gillans unverkennbar knurrender Gesang, könnte man das programmatisch betitelte Album «Ian Gillan And The Javelins» glatt für eine historische Aufnahme aus der damaligen Beat-Ära halten. nj

Info: Ian Gillan: «Ian Gillan And The Javelins» (TBA/Phonag). Erscheint am 31. August.

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