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Junges Theater Biel

Wer schreibt, wird geschreddert

Schauspielerin Isabelle Freymond inszeniert mit Kindern und Jugendlichen zwischen 9 und 16 Jahren «Carpe Diem». Die Eigenkreation über Zensur, unsinnige Regeln und die fast wortlose Befreiung aus Zwängen feiert morgen Premiere im Stadttheater.

Probe des Jungen Schauspiels Biel, das morgen Premiere feiert mit «Carpe Diem», ganz vorne Isabella Sabev, rechts hinter ihr (kniend) Leiterin Isabelle Freymond. Reto Probst

Clara Gauthey

Es ist ein Leben in stiller, duldsamer Verzweiflung, welches die 23 Fabrikarbeiter führen. Seelenlos hacken sie in die Tasten ihrer Schreibmaschinen, unterbrochen werden sie dabei nur von den schrillen Trillerpfeifen der Aufseher, die Textkontrollen durchführen. Produziert wird sinnloser Buchstabensalat – und genau der wird auch von den Aufsehern gewünscht. Wer anfängt, Worte zu bilden oder gar eigene Gedanken zu haben, ist verdächtig: Sein Produkt wird coram publico geschreddert und verhöhnt, Applaus ernten idiotische Konsonantenreihungen – eine verrückte, aber widerspruchslos akzeptierte Welt.

Gegacker statt Sprache

Aus Angst vor Sanktionen durch die Aufseher, welche sich als gackernde, nagelfeilende Hühner auf der Stange gebärden (wunderbar!), fügen sich die kleinen Arbeiter den grossen, wenn auch buchstäblich unausgesprochenen Wahrheiten der Firma. Sie zerfliessen dabei in der uniformen Masse aus Jeanshosen, Hemden – und streng gescheitelt gehts im Gleichschritt gen Verblödung.

Erst draussen in der Natur, zwischen Baumstämmen und Nebelschwaden, fassen sie den Mut, den eigenen Worten zu trauen, lesen sich heimlich ihre nach Feierabend verfassten Kreationen vor. «Seize the day!», «Carpe Diem!»: Diese Forderung kann sich erst im Schutz der Nacht erfüllen. Viele Worte brauchen die 25 Darsteller des Jungen Theaters Biel dafür aber nicht, sie bedienen sich eher wortloser, aber ausdrucksstarker Bilder.

Lebenslust und Todeswunsch

Das amerikanische Drama «Der Club der toten Dichter» («Dead Poets Society», 1989) diente der Produktion «Carpe Diem» als Inspirationsquelle. Darin erweckt der charismatische, unkonventionelle Englischlehrer John Keating seine Schüler aus einer von Disziplin und Gehorsam dominierten Leistungsstarre, der sie sich als Elite im konservativ geprägten Internat zu verschreiben haben. Es ist eine Selbstfindung mit tragischem Ausgang, denn einer der Jungen entdeckt sein schauspielerisches Talent, woraufhin ihn der Vater, der für ihn eine ganz andere Karriere plant, von der Schule nimmt. Der Entmutigte nimmt sich das Leben, der Lehrer fliegt als Aufrührer und Verführer von der Schule.

So wie die übermütigen Schuljungs ihren «Club der toten Dichter» gründen und sich im Wald bei konspirativen Treffen Texte vorlesen und kleinen, verbotenen Sehnsüchten frönen, so finden abseits der Fabrikhalle auch die Arbeiter die Sprache der Sehnsucht – und damit einen Weg hin zu ihrer eigenen Befreiung und Entfesselung. In der Vorlage liegen Lebenslust und Todeswunsch nicht unbedingt weit auseinander. Die Version des Jungen Schauspiels probt zwar den Aufstand, findet jedoch ein weniger dramatisches Ende.

Zu einem Team verschmolzen

Die äusserst sparsam eingesetzte Sprache ist zum Teil dem Drama um die englischen Internatsjungs entlehnt, andernorts wurden mit den Darstellern spontan improvisierte Dialoge entwickelt – durchaus eine Herausforderung, wenn man bedenkt, dass die Gruppe reichlich heterogen daherkommt: Kinder, Pubertierende, junge Erwachsene, dazu ein sprachlicher Mischmasch der Muttersprachen und eine nicht gerade geringe Anzahl unterschiedlicher Gemüter.

Und doch ist hier ein Team entstanden, das aufeinander Rücksicht nimmt, einander Mut macht und, das zeigt sich vor allem bei den schauspielerischen Aufwärmübungen der Probe, den Mut hat, frei zu improvisieren und damit der eigenen Persönlichkeit Raum zu geben, sei sie nun herausfordernd-spritzig oder von leiser Zurückhaltung, cool oder verkühlt, witzig oder nüchtern.

In diesen Improvisationen manifestiert sich das einzelne Talent denn auch beinahe klarer als in den zehn «Bildern» der Aufführung. Diesen fehlt der grosse Einzelauftritt, die Gruppe agiert und funktioniert mehr als Gesamtpaket. Ist eher körperlich als sprachlich, tritt als das Gemälde eines Schwarms auf. Und so fehlt dem Ganzen auch ein wenig der Star, die charismatische Führungspersönlichkeit eines John Keating und der Widerstreit der Kräfte.

Ein wenig schwach sind da einfach noch einige Kinderstimmen verglichen mit dem mächtigen Vorbild. Allerdings wird dies mit den nicht minder mächtigen Bildern kompensiert. Die Stimmung des Waldes, die Videoprojektion auf der grauen Garagentür des Eisernen Vorhangs, der wundersam poetische Auftritt von Mensch und Buch, die in eine ganz spezielle, zarte Harmonie treten.

Das Ziel der Wiederentdeckung der Sprache ist schlussendlich das Glück, das «Mark des Lebens» will gesaugt werden, auf dass wir nicht in der Stunde unseres Todes bemerken müssen, dass wir gar nicht gelebt haben – «And not, when I had come to die, discover that I had not lived», wie es in der englischen Originalversion heisst.

Info: Eintritt Kinder 10, Erwachsene 20, Gönner 30 Franken.

 

Morgen ist Premiere

  • Aufführungen Stadttheater Biel, morgen, 19.30 Uhr (Premiere); Samstag, 19 Uhr; Sonntag, 17 Uhr und als Gastsspiel am Talent- Festival «Wow» am Donnerstag, 26. Mai, 20 Uhr, Aula Linde, Scheibenweg 45, Biel.
  • Darsteller/innen: Vera Bolliger, Inea Curto, Shanya De Wilde, Livia Dragidella, Sonja Egger, Lyn Fischer, Tina Freitag, Asso Husseini, Mai Keller, Zoe Leiser, Rayan Leuenberger, Côme Lorin, Lena Lüdi, Michel Maeder, Lia Maibach, Kieran Maurice, Ella Mosimann, Medea Pally, Sarah Rast, Anna Roduner, Tim Rohrbach, Isabella Sabev, Nusa Schneider, Hanna Schneider, Xavier Winkelmann.
  • Inszenierung, Bühnenbild, Kostüme: Isabelle Freymond (Leiterin Junges Theater Biel), Nina Streit und Natali Vogler (Regieassistenz).
  • Interessierte aus der Umgebung können sich beim Jungen Schauspiel Biel anmelden: isabelle.freymond@tobs.ch. gau

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