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US-Politik

US-Präsidentenwahlen 1920: Ein Meilenstein für die Frauen

Dass am 3. November eine Frau für die Vizepräsidentschaft der Vereinigten Staaten kandidiert, hat einen direkten Bezug zu den Präsidentschaftswahlen 1920. Damals durften Frauen zum ersten Mal mitwählen. Sieger wurde Warren Gamaliel Harding.

Warren Hardings Ehefrau Florence Kling war die erste First Lady in den Vereinigten Staaten, die ihren Gatten hatte wählen 
können. 


Christophe Pochon

Nehmen wir einmal an, wir hätten bereits den 20. Januar 2021. Washington ist in fiebriger Erregung. Punkt zwölf Uhr mittags wird der am 3. November 2020 zum neuen Präsidenten gewählte Demokrat Joe Biden eingeschworen in sein neues Amt. Bevor aber der «President-elect» seinen Amtseid leisten kann, wird sein «Running Mate», seine Stellvertreter-Kandidatin, auf die Vizepräsidentschaft der Vereinigten Staaten vereidigt: Kamala Harris, in ihrer bisherigen Karriere US-Senatorin aus Kalifornien. Zum ersten Mal bekleidet eine Frau eines der beiden Spitzenämter, welche die USA zu vergeben haben. Eine Entwicklung hat einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, die im 19. Jahrhundert bereits begonnen hatte: der langjährige Kampf der Frauen in Amerika um gesellschaftliche, ökonomische und politische Gleichberechtigung.

Wahl des Republikaners – damals
Noch ist dieses Szenario vom 20. Januar 2021 nicht Wirklichkeit. Der 3. November 2020 kann in der Realität auch ganz anders verlaufen. Dass aber überhaupt eine Frau zum Spitzengespann einer der beiden Parteien gehört, ist einem Umstand zu verdanken, der vor genau 100 Jahren eintrat: 1920 erhielten die Frauen durch den 19. Zusatzartikel zur Verfassung der USA das Wahlrecht auf nationaler Ebene und konnten somit am 2. November jenes Jahres erstmals den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten mitbestimmen.

Sie und die mitwählenden Männer entschieden sich mit überwältigendem Mehr für das republikanische Ticket mit Warren Gamaliel Harding (Präsident) und Calvin Coolidge (Vizepräsident) gegen das demokratische mit dem Gouverneur von Ohio, James Cox, und seinem Vizekandidaten, einem gewissen Franklin D. Roosevelt. Hardings Ehefrau Florence Kling wurde dank dem neuen Wahlrecht die erste First Lady, die ihren Gatten hatte wählen können. Ob damalige politische Beobachter ahnten, dass man später vom einen des demokratischen Verliererduos noch hören würde? Roosevelt war es bestimmt, einer der grossen Präsidenten seines Landes zu werden. In seiner Ära von 1933 bis 1945 begründete er den New Deal, einen wirtschaftlich-sozialen Aufschwung, und führte sein Land auch durch den Zweiten Weltkrieg.

Ein Präsident mit Empathie
Die Anhänger Donald Trumps hoffen natürlich, der Sieg möge 2020 derselben politischen Partei zufallen wie vor 100 Jahren. Man wird sehen. Der Historiker Ronald Gerste beschreibt in seinem Buch «Trinker, Cowboys, Sonderlinge», das den «12 seltsamsten Präsidenten der USA» gewidmet ist, Warren Harding, der an jenem 2. November 1920 exakt 55 Jahre alt wurde, als einen «angenehmen, umgänglichen und freundlichen Mann, der tatsächlich – und nicht nur aufgesetzt und vorgetäuscht wie bei manchen Politikern der Fall – gern mit Menschen aus allen Teilen der Bevölkerung in Kontakt kam und ein Ohr für ihre Nöte hatte». Heute würde man sagen, der 29. Präsident der Vereinigten Staaten habe Empathie besessen. Eine solche ist nicht selbstverständlich. Sie ist aber nötig in einem Amt, das einen Staats- und Regierungschef in Personalunion verkörpert, bei dem der Exekutivchef auch Landesvater für alle Einwohnerinnen und Einwohner Amerikas sein sollte – mit der Fähigkeit, zu heilen, zu versöhnen und zu einen.

Warren G. Harding trat sein hohes Amt am 4. März 1921 nicht unvorbereitet an. Es ist wichtig für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten, dass sich ein Bewohner des Weissen Hauses der Würde dieses Postens stets bewusst ist. Sein politisches Rüstzeug hatte sich Harding im Senat geholt, wo er Ohio vertrat. Von Beruf war er Zeitungsverleger und hatte zusammen mit seiner geschäftstüchtigen Frau aus dem dahinserbelnden Marion Daily Star eine profitable Zeitung gemacht. Ein hartes Geschäft: Ein Zeitungsverleger kann es sich nicht leisten, unangenehme Wahrheiten einfach als Fake News abzutun. Unter Harding gab es auch den ersten Rundfunkempfänger im Weissen Haus.

Zurück zur Normalität
Der Slogan von Hardings Wahlprogramm lautete «Return to normalcy» – zurück zur Normalität. Im Jahre 1920 war Hardings Slogan im Lichte der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 zu sehen. Mit seinem Wahlspruch erntete der Präsidentschaftsbewerber den Zuspruch von über 60 Prozent der Wahlberechtigten. Die Amerikanerinnen und Amerikaner waren nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kriegsmüde und wollten ihre Kräfte für die Bestellung des eigenen Hauses bündeln. Es ist diese Wechselwirkung zwischen Intervention und Isolationismus, welche die amerikanische Politik seit sehr langer Zeit kennzeichnet. Der Neigung zum Rückzug stand stets die Bestimmung der USA entgegen, immer wieder Schutzmacht von Freiheit und Demokratie namentlich in Europa werden zu müssen. Das war im Zweiten Weltkrieg so und im Kalten Krieg nicht anders.

Heute, 2020, nach den vier Jahren Chaos unter der Präsidentschaft von Donald Trump, möchte man den Vereinigten Staaten einen «Return to normalcy» im Innern zu einer gesitteten politischen Auseinandersetzung wünschen, aber ebenso einen im transatlantischen Verhältnis zwischen den USA und ihren langjährigen Alliierten in Europa, um gemeinsam für Freiheit und Demokratie einzustehen.

Was Harding mit Obama verbindet
In diesen Tagen vor dem 3. November 2020 macht der frühere Präsident Barack Obama Wahlkampf für Joe Biden, der unter ihm Vizepräsident war. Erinnerungen werden wach an hartnäckig sich haltende Verdächtigungen gegen Obama, er sei gar nicht in Amerika geboren worden oder er sei ein heimlicher Muslim, was beides nicht stimmt. Gegen Harding wurde das Gerücht in Umlauf gesetzt, in seinen Adern fliesse «schwarzes Blut». Die Vorwürfe waren als Diskriminierung gedacht und sind unter diesem Aspekt ein Indiz dafür, wie zähflüssig sich rassistische Vorurteile in den USA halten.

Warren Harding muss einen Blick gehabt haben für solche Probleme in seinem Land. Er trat denn auch für die Bürgerrechte der Afroamerikaner ein, was als fortschrittlich für seine Zeit gelten darf. Harding vergass seine einfache Herkunft nicht, war für die Abschaffung des 12-Stunden-Tages. In der Gesundheitsvorsorge gibt es ebenfalls Verbindungen zwischen ihm, dem Republikaner, und Obama, dem Demokraten. Harding unterzeichnete ein Gesetz, das Frauen und Kinder in diesem Bereich besserstellen sollte; Obamacare, ein unter Obama beschlossenes Gesetz, das die Krankenversicherung in den USA neu regelte, ist auch heute noch ein Politikum in den USA und peitscht die Leidenschaften hoch.

In der Innenpolitik war Harding ganz Republikaner: am liebsten keine staatliche Einmischung in den Bereichen Wirtschaft und Soziales. Und sonst: Auch Schatten, wie in vielen Präsidentschaften. Massive Korruption in der Regierung, Schmiergelder, die flossen, Schweigegelder, die in einer der vielen ausserehelichen Affären des Präsidenten gezahlt wurden. Eine hohe Achtung hatte Harding vor dem Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof, in den er einen ehemaligen Präsidenten berief: William Howard Taft, für den erst der Posten des Obersten Bundesrichters die wahre Erfüllung seiner Karrierewünsche bedeutete. Respekt für die Gewaltenteilung, den Harding hatte, ist, wie sich immer wieder zeigt, nicht selbstverständlich für Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Warren Harding starb überraschend am 2. August 1923, mitten im Amt. Sein Nachfolger wurde Calvin Coolidge, der 1920, anders als heute, vom Parteitag und nicht vom Präsidentschaftskandidaten als «Running Mate» ausgesucht worden war. Die heutige Regelung erlaubt dem Spitzenreiter die Auswahl und ist dann Zeichen einer engen Verbundenheit zwischen ihm und seinem Mitstreiter oder widerspiegelt ein reines Zweckbündnis. Wie auch immer – ein Vizepräsident ist nur einen Herzschlag vom Präsidentenamt entfernt. Oder auch eine Vizepräsidentin …
 

Stichwörter: USA, Politik, Wahlen, Ausland

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