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Literatur

Peter – ganz Feuer für Marcia

In einer kleinen Weihnachtsgeschichte verquickt Peter Stamm verschiedene Zeitebenen. Peter, die Hauptfigur, zieht auf der Rückreise aus Vermont Bilanz über sein Leben.

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Christophe Pochon

Dreh- und Angelpunkt in Peter Stamms 80-seitiger Geschichte «Marcia aus Vermont» ist Weihnachten. Kurz vor dem Fest befindet sich Peter, ein Schweizer Künstler, auf dem Rückweg von einem Gastaufenthalt in einer Künstlerkolonie im amerikanischen Bundesstaat Vermont nach New York. Während der langen Fahrt im Auto steigen Bilder der Vergangenheit vor ihm auf.

Er erinnert sich an Weihnachten vor über 30 Jahren, als er das erste Mal in New York weilte und eine junge Frau ihn an einer Strassenkreuzung um eine Zigarette bat. Er gab ihr Feuer und fing auch Feuer: Sie nahmen in ihrer Wohnung eine kleine Mahlzeit ein und dabei blieb es nicht … Kurz und intensiv war die Beziehung mit dieser Marcia aus Vermont, ein paar Tage währte sie, dann ging er aus ihrem Leben, ohne ihr seine Koordinaten mitgeteilt zu haben und kehrte in die Schweiz zurück.

Gewaltige Spannung

Stamm verwebt diese weit zurückliegende Vergangenheit Peters in New York mit jener in Vermont, die fast noch Gegenwart ist. Leicht wechselt man beim Lesen die Zeitebenen, nahtlos reiht sich Geschehnis an Geschehnis. Stamm versteht es in seinem neuen Text, sofort eine gewaltige Spannung aufzubauen und diese auf höchstem Stand beizubehalten. Das bekommt dieser Miniatur ausgezeichnet; niemand denkt daran, das Buch für eine Pause beiseitezulegen und am anderen Tag mit der Lektüre fortzufahren. Nein, wer sich hineingelesen hat in diese Geschichte, kann nicht mehr aufhören und bekommt so den kompakten Genuss eines Inhalts, der lange nachhallt.

Als sie sich in New York gefunden hatten, erfuhr Peter von Marcia mehr als umgekehrt. Sie war in Burlington (Vermont) aufgewachsen, aber viel Zeit verbrachte die Familie in einer Getreidemühle eines Dorfes im Mittelgebirge der Green Mountains. Als Peter drei Jahrzehnte nach der Begegnung mit Marcia von einem Galeristen die Adresse der Künstlerkolonie erhielt, bei der er sich bewerben sollte, wurde er hellhörig, lag die Kolonie doch genau auf dem Areal jener Mühle, von der ihm Marcia in jenen glücklichen Dezembertagen in New York erzählt hatte.

Spur eines Geheimnisses

Immer wieder schafft Stamm in seinem kleinen Werk eine weihnachtliche Atmosphäre. Dank den Festtagen war damals eine kurze Beziehung zwischen den beiden jungen Menschen entstanden. Peter denkt auf der Rückreise von Vermont nach New York nun auch daran, wie es war, als er sich bei der Künstlerkolonie um einen Platz bewarb. Es hatte nur noch im November und Dezember freie Plätze – da war das Fest der Feste nicht mehr weit weg. Nach seiner Ankunft fand er beim Einräumen im Wohnstudio ein Manuskript. Kurz und bündig lautete der Titel «Eine Weihnachtsgeschichte». Ins Auge sprang ihm beim Durchblättern vorab der Schlusssatz: «Ein Kind ward uns geboren».

Dieser Satz wird am Fest von Christi Geburt oft gesungen und gesprochen: «Ein Kind ward uns geboren». Er ist die zentrale Verheissung von Weihnachten. Aber Peter konnte ihn auch als direkte Botschaft an sich selbst empfinden. Die Hauptfigur der Erzählung blieb, als sie die Stelle entdeckte, nicht ahnungsloser als der Leser von Stamms Text, der den Blick von aussen auf die Handlung richtet. Peter wurde nachdenklich. Hatte jemand das Manuskript gezielt in sein Zimmer gelegt? War es ein Fingerzeig? War er, ohne es zu wissen, Vater geworden damals, vor 33 Jahren, beim Zusammensein mit Marcia?

Man macht sich bei jeder Seite, die von Peters Besuch in der Künstlerkolonie handelt, auf eine Überraschung gefasst. Etwa auf ein unvermitteltes Auftauchen Marcias, zusammen mit einem mittlerweile erwachsen gewordenen Kind. Auf ein Happy End für drei Menschen, die ein ganz besonderes Weihnachten erleben würden. Näheres sei hier nicht verraten, aber Fieberträume und eine gespenstische Weihnachtsparty in der Wohnung des Stifters der Künstlerkolonie spielen eine Rolle, mit denen Stamm dramaturgisch unglaubliche Effekte erzielt.

Das Bild verblasst

Kann man eine Vergangenheit einfach wiederbeleben und sogar in eine neue Gegenwart überführen? Der Schweizer Schriftsteller geht dieser Frage unterschwellig auch nach, bietet aber keine rührselige Antwort darauf. Peter stiess in Vermont auf Spuren der Existenz von Marcia, ein Fotoband, der veröffentlicht wurde, zeugte von ihrem eigenen künstlerischen Schaffen. Im Internet betrieb er Nachforschungen. Doch ein Bild, das man sich von einem Menschen macht und in sich trägt, kann verblassen, sich verflüchtigen.

Die Jahre des Lebens vermögen Menschen Identität wegnehmen, die sie, als sie jung waren, reichlich besessen haben. Eine Entwicklung, die eine Persönlichkeit im Laufe der Zeit ausdünnt, ist stets möglich. Aber das Leben geht auf jeden Fall immer weiter und Peter bekennt sich dazu, bekennt sich zu seinem Leben – das ist sein ganz persönliches Weihnachten.

Info: Peter Stamm: «Marcia aus Vermont – Eine Weihnachtsgeschichte», 
80 Seiten, S. Fischer, 2019, Fr. 19.90.

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Der Autor

  • Peter Stamm wurde 1963 geboren.
  • lebt in der Schweiz
  • freier Autor seit 1990
  • Romandebüt mit «Agnes» (1998)
  • danach weitere Romane wie «Weit über das Land» und «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» (Schweizer Buchpreis)
  • fünf Sammlungen mit Erzählungen, ein Band mit Theaterstücken
  • Weitere Auszeichnungen: Rheingau Literaturpreis, Hölderlin-Preis, Schillerpreis, Solothurner Literaturpreis. cpb

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