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«Mit gefülltem Magen denke ich nur an mich»

Suhrkamp feiert morgen die Vernissage der neuen Ausgabe der gesammelten Briefe Robert Walsers. Heute Abend startet das Programm rund um diese Briefe, welches die Robert-Walser-Gesellschaft anlässlich ihrer Jahrestagung in Bern zusammengestellt hat. Ein schöner Zugang zum Werk Walsers, diese Briefe.

Symbolbild: Keystone

«Ich habe Hunger! Und immer, wenn ich Hunger habe, gelüstet es mich, einen Brief zu schreiben! An irgendjemand! Das ist doch begreiflich! Mit gefülltem Magen denke ich nur an mich, nie an jemand anders.» So schreibt Robert Walser als 19-Jähriger aus Zürich an seine Schwester Lisa in Biel. Er schreibt darin auch über die Sehnsucht. Und mit wem hat Robert Walser nicht alles geschrieben aus der Sehnsucht heraus! Angefangen mit etwas unbedarften, jugendlichen Bewerbungsschreiben, welche auf einen Wechsel zur schreibenden Zunft als Mitarbeiter der sozialistischen Wochenzeitung «Arbeiterstimme» abzielen. Die kaufmännische Ausbildung bei der Berner Kantonalbank in Biel oder die Zeit als Hilfsbuchhalter einer Versicherungsgesellschaft beflügelten ihn naturgemäss weitaus weniger als das Verfassen von Gedichten. Die Briefe bieten einen interessanten, ja kurzweiligen Zugang zur Biographie dieses verrätselten Literaten, sind sicherlich auch selbst literarisch. Ausserdem interessieren sich die Literaturwissenschaftler für sie. Erst recht, wenn sie in einer solch sorgfältig editierten, über 15 Jahre hinweg entstandenen, mit zahlreichen Briefen ergänzten Studien-Ausgabe im Verlag Suhrkamp erscheinen. Reto Sorg, Leiter des für diese Ausgabe verantwortlichen Robert-Walser-Zentrums, ist denn auch glücklich, dass das Werk nach einer «wahnsinnigen Arbeit», nach Recherchen, Reisen und Transkriptionen endlich vorliegt – in einer «schönen und kostengünstigen Taschenbuch-Ausgabe». So wie das forscherische Interesse an Robert Walser mit den Jahren zunahm, so nahmen auch die Briefe zu, die sich fanden. Weniger auf Dachböden, sondern vor allem in öffentlichen Archiven wie der Zentralbibliothek Solothurn, wo 2016 allein 15 Briefe und Karten auftauchten. Die drei Brief-Bände, die am Samstag Vernissage feiern, enthalten 950 Korrespondenzstücke, davon 764 aus Walsers Hand und 186 Schreiben an ihn, was mehr als eine Verdoppelung der Ausgabe aus dem Jahre 1975 bedeutet. Das muss gefeiert werden. Zum Anlass morgen im Zentrum Paul Klee (siehe Infobox zum Programm) werden denn auch 300 Besucher erwartet. Clara Gauthey

Info: Robert Walser. Berner Ausgabe, Hrsg. von Peter Stocker und Bernhard Echte, Band 1: Briefe 1897–1920; Band 2: Briefe 1921–1956; Band 3: Briefe, Nachwort/Anhang, Verlag Suhrkamp Berlin, publiziert im Auftrag der Robert Walser-Stiftung; 89 Franken.


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Veranstaltungen heute und am Wochenende

- Ort: Schweizerische Nationalbibliothek, Hallwylstrasse 15, Bern.

- Heute, 18 Uhr: «Vom Eros des Briefeschreibens»; Lesung und Gespräch mit der Autorin Friederike Kretzen («Schule der Indienfahrer», 2017) und dem Schriftsteller Matthias Zschokke («Ein Sommer mit Proust», 2017) über die eigene Korrespondenz an der Wende zum elektronischen Zeitalter und Robert Walsers Briefe (Eintritt 10 Franken).

- Morgen, 11.30 Uhr: Wolfram Grodek über die Edition der Kritischen Robert-Walser-Ausgabe.

- 13.30 Uhr: Vorträge anlässlich der neuen Robert Walser-Briefausgabe. 

- 15.45 Uhr: Walser-Kenner und ehem. Leiter des Robert-Walser-Archivs Bernhard Echte zu: «Die biografische Dimension. Walsers Briefe als Quelle zu seinem Leben.

- 18 Uhr: Zentrum Paul Klee (ZPK), Auditorium, Vernissage der Briefausgabe im Suhrkamp-Verlag mit Lesung durch Heidi Maria Glössner und Uwe Schönbeck (15 Franken), Moderation Reto Sorg.

- Sonntag, 11 Uhr: Walser-Spaziergang mit Benno Loderer, Treffpunkt am neugestalteten Grab von Karl Walser auf dem Schosshaldenfriedhof beim ZPK; ca. 12.30 Uhr endet der Gang beim Robert-Walser-Zentrum, wo die Ausstellung «Walsers Briefe» eröffnet wird (es spricht: Lukas Bärfuss). gau

Info: Alle Veranstaltungen unter www.robertwalser.ch.

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