Sie sind hier

Zürich

Marlyse Brunner: "Ich recycle im Grunde Recyclingpapier"

Die Zürcher Künstlerin Marlyse Brunner bewegt sich seit Jahrzehnten linientreu gegen den Strom. Mit nichts als schwarzer Farbe und einer Vielfalt an Papieren reflektiert sie das Dasein.

Bild: Keystone

(sda) "Ohne Linien kann man keine Buchstaben schreiben", sagt Marlyse Brunner, "ohne Linien gäbe es nichts zu lesen". In ihrem bildnerischen Schaffen tauchen zwar nur vereinzelt Buchstaben auf, doch lädt die visuelle Poesie der Arbeiten mit ihren unterschiedlichen Intensitäten zur Lektüre ein. Die malerischen Zeichnungen kreisen mit ihren mal stark verdichteten, mal höchst reduzierten linearen Zügen wesentlich um Unsagbares und bringen latente Bilder hervor, Anklänge möglicher Inhalte.

Vor kurzem ist Marlyse Brunner 73 Jahre alt geworden. Eben ist sie aus New York zurückgekehrt. Drei Jahre zuvor hatte sie Buenos Aires besucht und war durch Japan gereist. Während eines Atelieraufenthalts in Genua hatte sie von den über 180 Treppenstufen des Palazzo Piazza Sauli 7 Graphitabriebe angefertigt, Spuren, die voller Geschichte und Geschichten sind.

Wo immer sie ist, möchte sie tiefer in die Strukturen kultureller Landschaften eintauchen. Während eines Atelieraufenthalts in Kairo war es für sie selbstverständlich, mindestens so viel Arabisch zu lernen, dass sie sich im Alltag ausdrücken könnte.

Mitte der 70er und Anfang der 80er Jahre war ihr zweimal ein Atelieraufenthalt in Paris zugesprochen worden. In Paris hatte sie mit Papieren aus Japan gearbeitet, vor allem mit Reispapier, in aktuellen Arbeiten ist es häufig Waxed Masa, ein Wachspapier, das sie in New York fand.

"Wenn es mir langweilig wird, gehe ich auf Reisen", sagt Brunner. In den Städten der Welt sind für sie die Museumsbesuche ebenso wichtig wie das Stöbern in Läden für Künstler-, Büro- oder auch Haushaltsbedarf. Sie sammelt die unterschiedlichsten Papiere, Zeichenstifte, auch Bänder. Aus Japan hat sie einige Kalligraphie-Pinsel mitgebracht. Wenn sie Tusche auf die leeren Papiere fliessen lässt und diese die Flüssigkeit absorbieren, werden sie gleichsam zu Gefässen.

Die Zeichnungen sind befreit von begrifflichen Inhalten. Sie lassen Texturen, Strukturen und Materialqualitäten zutage treten. "Zwischungen" heisst eine ältere Zeichnungsserie, spielerisch zusammengesetzt aus "zwischen" und "Zeichnung". Das Geschehen ereignet sich zwischen Untergrund und Übermalung. Im Dazwischen gestaltet sich die Zeichnung als Einheit einer Begegnung.

Linien in stetig sich wandelnden Facetten durchziehen ihr Schaffen und wirken dabei wie ein Echo der Lebenserkundungen, die Marlyse Brunner antreiben. Arbeitsspuren gehören dabei ganz selbstverständlich zum Werk. Die gezeichneten Bilder schreiben Geschichten, die universell und tagebuchartig zugleich sind. Linienballungen und Linienüberlagerungen werden zu Feldern, die im Dunkeln durchsichtig und in der Transparenz undurchsichtig erscheinen.

Farbe empfindet Marlyse Brunner als etwas Künstliches. "Ich gehe gleichsam mit einem Farbfilter durch die Welt", sagt sie, "ich sehe alles ein bisschen in Schwarz und Weiss". Der schwarzen Farbe ist sie von Beginn an treu geblieben, auch ihrem Respekt gegenüber Materialien und ihrer Faszination für deren Eigenheiten. "Ich kann kein Papier wegwerfen, selbst kleine Schnipsel und schmale Streifen bewahre ich auf." Die Abfallpauschale für ihr Atelier müsse sie trotzdem bezahlen, meint sie leicht schmunzelnd.

Marlyse Brunner stellt sich von Zeit zu Zeit der Herausforderung des Aufräumens. "Räumung" heisst für sie neuen Raum schaffen. So kam es im Jahr 2005 zur Arbeit "Kunstmasse: Modell einer Retrospektive". Sie hatte einzelne Zeichnungen ausgeschieden, diese mit einer einheitlichen quadratischen Grundfläche zusammengefaltet und schliesslich zum Block gestapelt. Die Metamorphose einer Bildlandschaft wird an dessen Aussenkanten ablesbar.

Daneben gibt es Phasen, die mit einer Reaktivierung verglichen werden können, wenn beispielsweise gelagertes Arbeitsmaterial nach vielen Jahren hervorgeholt wird. So geschehen vor fünf Jahren, als Brunner in ihrem Archiv auf alte Papiere aus der ehemaligen DDR stiess. "Ich recycle im Grunde Recyclingpapier", sagt sie.

Wenn sie in New York ist, wo sie während vieler Jahre jeweils für mehrere Monate gelebt hat, steht ein Besuch des New Fashion Institute of Technology (FIT) auf ihrem festen Programm. Eine Ausstellung, die den Umgang mit Stoff in der Mode kritisch hinterfragte, hat ihr Interesse für das Thema Recycling zusätzlich gestärkt.

Die DDR-Papiere hatte sie Ende der 70er Jahre auf dem Trottoir vor einem Haus an der Zweierstrasse entdeckt. Dort war der Literaturvertrieb der PdA, der Partei der Arbeit, untergebracht. Sie lud kurzerhand auf ihr Velo, was für die Abfuhr bereitgestellt war, und transportierte das Altpapier in ihr Atelier. "Der ganze angesammelte Dreck der Ex-DDR steckt in diesen recycelten Papieren, die als Verpackungsmaterial dienten", erklärt sie.

Die Buchsendungen kamen aus der Deutschen Bücherei Leipzig und gelangten über einen volkseigenen Aussenhandelsbetrieb nach Zürich. Da die billigen Papiere sehr dünn sind, wurden jeweils fünf Blätter übereinandergelegt, um die zum Versand bestimmten Bücher einzupacken. Das oberste Blatt wurde mit der Adresse des Empfängers und Absenders versehen und hat so manchen Kontrollstempel aufgenommen.

Für einige grossformatige Zeichnungen hat Brunner jeweils mehrere dieser stets 80 x 110 cm messenden Blätter zusammengeklebt. Dann beginnt sie eine Geschichte wie ein Märchen zu erzählen: "Das Papier kam als Verpackungsmaterial in die Schweiz und in meine Hände, es hat Bücher eingepackt und zusammengepackt. Ich denke, das Papier will zu den Büchern zurückgehen, es träumt davon, selbst ein Buch zu werden."

In einer Ausstellung der schönsten Schweizer Bücher im Helmhaus Zürich trifft Brunner eine alte Bekannte, die erzählt, dass sie gerade einen Buchbinderkurs mache. Ein Link, eine Anmeldung. Marlyse Brunner lernt das Handwerk in Intensivkursen von Grund auf. Die Papiere aus der einstigen DDR wandeln sich zu atmosphärisch dichten Büchern, in die auch bereits vorhandene eigene Zeichnungen eingenäht sind.

www.marlysebrunner.ch

Verfasserin: Sabine Arlitt, ch-intercultur

 

Nachrichten zu Kultur »