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Kunst

Jede Ameise hat ihren Zorn.

Die Künstlerin Patricia Bucher zeigt mit ihrer Ausstellung «Don’t answer the door» Arbeiten, die sich grafische Elemente und archaische Symbole aneignen. Morgen feiert die Ausstellung im Kunsthaus Grenchen Vernissage.

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Simone K. Rohner

Ein Haufen Kommas, Punkte, Gedankenstriche oder die Welt? Warum nennen wir das Haus Haus? Warum Kunst Kunst? Sind Bilder Zeichen und wenn ja, was sagen sie uns? «Das sagt mir nichts», sagt man so, wenn einen etwas nicht anspricht.


Die Welt besteht aus Zeichen
Die Ausstellung «Don’t answer the door – Kelims, Reliefs und Arbeiten auf Papier» der Aargauer Künstlerin Patricia Bucher (1976) im Kunsthaus Grenchen pflanzt einem solche Gedanken in den Kopf, was schnell zu Hirnverknotungen führen kann. Bucher arbeitet mit Symbolen, Zeichen und mit Sprache. Sie ist auf der Suche nach einer formalen Bildsprache und bedient sich dabei archaischen Darstellungen und modernen Piktogrammen. Aber auch Sprichwörter und Sprache oder Teile davon verarbeitet sie. «Zeichen und Symbole faszinieren mich, weil sie wie Text funktionieren», erklärt Patricia Bucher.

Das erste Werk in der Ausstellung, ihre Welt, die sich aus Satzzeichen zusammensetzt, sagt eigentlich alles gleich zu Anfang der Ausstellung: Wir sehen die Welt, nicht die einzelnen Kommas und Punkte, weil wir wissen, wie die Erde vom Weltall aus aussieht. Nicht, weil wir das eins zu eins so sehen und erleben können. Unser Wissen über das Aussehen der Welt füllt diese Abbildung und Anordnung der Satzzeichen mit Inhalt.


Bildsprache und Sprachbilder
Bucher benutzt die Symbole und Piktogramme wie Sprache. Und Sprache kann in ihrem Werk zu einem Bild werden: «Jedes Haar hat seinen Schatten und jede Ameise ihren Zorn», der Text erzeugt beim Lesen mehr Bilder im Kopf des Betrachters als das die Bleistiftzeichnung tut, die über der Schrift steht. Wie die Symbole in ihrem Werk, so benutzt sie auch Worte: Sie mischt Verschiedenes zusammen, abstrahiert bis sich daraus ein neuer Inhalt ergibt. Oder kompletter Nonsens: «Träume gehen schwer in die Falle», steht ganz oben links an einer Wand im Grenchner Kunsthaus. Der Satz, den die Künstlerin durch Erweitern eines Sprichwortes erzeugt hat, macht inhaltlich keinen Sinn mehr. «Klein ist das Eichhörnchen. Aber es ist kein Sklave des Elefanten», klar oder? Die senegalesische Redewendung, die die Künstlerin in einer Zeichnung zitiert, macht deutlich, wie kulturell abhängig Sprachbilder und Symbole sind. Zeichen und Sprache – beides macht erst Sinn, wenn wir sie mit Inhalt versehen. Und dieser ist immer kulturell geprägt. Buchers Kunst als einfache Sammlung von grafischen Symbolen abzutun, würde ihr deswegen auch nicht gerecht. Die zum Teil naiv anmutenden kleinformatigen Zeichnungen bestechen durch ihren Witz. Aber auch eine kritische Welthaltung scheint durch: «Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie mal war», steht unter einer Zeichnung eines Laptops, dessen Bildschirm ein Auge zeigt. Big Brother? Hieroglyphen unserer Zeit. Das Thema Überwachung taucht in ihren Arbeiten öfters auf. Ein Wandbild zeigt ein Palmensymbol, eine Giraffe und zwei weitere grafische Formen, die Szene wird von einer Überwachungskamera, die in der linken oberen Ecke hängt, festgehalten. Ironischerweise befindet sich in der rechten oberen Ecke eine echte Kamera des Museums.


Modern und archaisch
An der langen Wand im Neubau hängen Wandteppiche, Kelims, die ebenfalls die Formensprache Buchers wiederaufnehmen. «Ich besitze eine ganze Sammlung Piktogramme und archaischer Zeichen, die ich als Vorlage benutze», so die Künstlerin. Mal kommen diese Zeichen von den Navajo, mal findet sie Inspiration in der Kultur der sämischen Bevölkerung Lapplands. Schiffe, Tiermotive, Gebäude aber auch Kampfjets finden sich auf ihren Zeichnungen und Teppichen. Alles stark abstrahiert und flächig dargestellt, wirken die Werke irgendwie modern und archaisch zugleich.

Gleichzeitig zu Patricia Buchers Ausstellung zeigt das Kunsthaus auch eine Übersichtsschau zu Theodor Bally (1896-1975), Vertreter der konkreten Kunst, bei der auch grafische Formen, aber ohne die Symbolik, ohne den Inhalt dargestellt werden. Was sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheint, passt erstaunlich gut zusammen. Man kommt nicht umhin, auch in Ballys Werken bestimmte Formen mit Inhalt füllen zu wollen. Vor allem wenn man sich vorher Buchers Ausstellung angeschaut hat. Eine seiner Skulpturen beispielsweise könnte gut auch einen Baum darstellen.


Surreales Fenster
In der Reihe «20m2 – Fenster ins Atelier von ...» stellt das Museum jeweils Kunst junger Kunstschaffenden aus dem Kanton Solothurn aus. Dieses Mal erhält man kurzen Einblick in Lina Müllers (1981) Werk. Sie ist eigentlich nicht mehr, was man unter blutjung versteht und unbekannt auch nicht; die Künstlerin, die vierte, die in dieser Reihe gezeigt wird, arbeitet auch als Illustratorin. Das Zürcher Kino Riff Raff, Greenpeace und das Magazin «Reportagen» zählt sie unter anderen zu ihren Kunden.

Ihre Kunst ist ein bisschen naiv, teilweise surreal und manchmal einfach komisch. Ihre Werke haben Titel wie «Fünf Steine und eine Banane». Das «Porträt 0» erinnert an Plakate des japanischen Grafikers Ikko Tanaka (1930-2002). Die Bilder sind kleinformatige, flächig gemalte Landschaften oder Porträts. Mal pastellfarben, mal eher düster, strahlen ihre Werke Ruhe aus aber schauern einen manchmal auch ein bisschen.

Info: Weiteres zu den Ausstellungen unter www.kunsthausgrenchen.ch.


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Bucher, Bally, Müllerund die Boycotlettes

- Vernissage: Morgen, 16.30 Uhr. Mit Claudine Metzger, Künstlerische Leiterin, Anna Leibbrandt, Kuratorin der Ausstellung «20m2». Anschliessend Apéro.

- Die Ausstellungen sind zu sehen vom 25. November - 17. Februar 2019.

- Zum zehnjährigen Jubiläum des Erweiterungsbaus ist bis am 13. Januar 2019 eine Installation des Künstlerduos Boycotlettes im Foyer zu sehen.

- Künstlergespräch mit Lina Müller: 30. Januar, 18.30 Uhr.

- Führungen: 28. November, 18.30 Uhr, 9. Dezember, 11.30 Uhr und 6. Februar 2019, 18.30 Uhr. sro

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