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Theater

Eine Komödie ohne Happy End

Die Tragikomödie «Popoch – Die Arbeit des Lebens» feierte vorgestern am Stadttheater ihre Bieler Premiere.
Das Stück des israelischen Erfolgsautors Hanoch Levin überzeugt nur bedingt. Ein Vergnügen war der Abend trotzdem.

Frust nach 30 Jahren Ehe: Leviva hat keinen Rat mehr. Jona dagegen greift zum Koffer um auszuziehen. Bild: zvg/Lucia Hunziker

Annelise Alder

In Israel sind seine Stücke Kassenschlager. In der Schweiz kennt ihn kaum jemand. Vielleicht ändert sich das jetzt, nachdem der Suhrkamp-Verlag zwei Texte von Hanoch Levin in deutscher Übersetzung herausgebracht hat. Darunter befindet sich auch «Popoch – Die Arbeit des Lebens». Die Komödie gehört zu den erfolgreichsten Werken des 1999 verstorbenen israelischen Dramatikers, Theaterregisseurs und Liedkomponisten. Am Mittwoch war das Stück in Biel als Schweizer Erstaufführung zu erleben. Es handelt sich um eine Koproduktion von Theater Orchester Biel Solothurn und neuestheater.ch in Dornach.

Ein durchschnittliches Ehepaar
Es sind die grossen Fragen des Lebens, die Hanoch Levin in seinem Stück verhandelt. Doch er macht sie an durchschnittlichen Menschen fest. Das Ehepaar Popoch, das im Mittelpunkt steht, dient deshalb nur als Chiffre für eine Beziehung zwischen Mann und Frau, die in Schieflage gerät. So mag es einigen ergehen wie Jona und Leviva, die nach 30 Jahren Eheroutine eines Tages den Sinn des Lebens hinterfragen. Davor hatten sie der Kinder wegen keine Zeit, sich darum zu kümmern. Mit dem nahenden Tod vor Augen drängen sich auch vermeintliche Versäumnisse des Lebens in den Vordergrund. Erst ein Blick von aussen hilft dem Paar zu erkennen, was im Leben wirklich wichtig ist.

Das klare Bühnenbild von Valentin Köhler spiegelt das Geschehen im doppelten Sinn. Die Glasfront des überdimensionierten Kleiderschranks und der grosse Spiegel an der Decke zwingen die Protagonisten, sich mit ihrem eigenen Leben und ihrer Beziehung zu befassen. Die weichen Kissen und die kuscheligen Duvets strahlen wohlige Wärme aus. Diesem Ideal haben die beiden Eheleute jedoch längst abgeschworen.

Jüdischer Hintergrund
Die Popularität von «Popoch – Die Arbeit des Lebens» in Israel erklärt sich auch mit seiner lokalen Verwurzelung. Die Popochs leben eine traditionelle jüdische Ehe. Nicht Liebe hat die beiden zusammengebracht, sondern das Arrangement ihrer Eltern. «Man hat uns aneinandergeklebt», sagt dazu Jona Popoch. Auch deshalb ist nie von Liebe oder Leidenschaft die Rede, die in westlichen Paarbeziehungen zumindest anfangs als verbindende Kräfte fungieren.

Im Stück kommt den Seelen der Verstorbenen eine wichtige Bedeutung zu. Sie leben bei Gott im Himmel weiter, schauen aber dem Treiben der Menschen unten auf der Erde zu und üben deshalb immer noch grossen Einfluss auf sie aus. Leviva weiss diesen zu nutzen und verhindert so, dass Jona aus der gemeinsamen Wohnung auszieht. Seine über ihn wachende tote Mutter hätte ein solch ungebührliches Verhalten nämlich niemals gutgeheissen.

Auch die Bedeutung von rituellen Handlungen wird einem vor Augen geführt. Sie prägen den Alltag religiöser Juden, indem sie diesem nicht nur Struktur und Stabilität, sondern ein Stück weit auch Geborgenheit verleihen.

Veraltete Rollenklischees
Hanoch Levin schrieb seine Komödie im Jahre 1980. Damit lässt sich bis zu einem gewissen Grad erklären, weshalb veraltete Rollenklischees bedient werden. Die Frau wird auf Körper, Küche und Kinderkriegen reduziert. Das Sagen hat der Mann. Daniel Hajdu als Popoch tut dies dabei auf so überzeugende Weise, dass er die pausenlosen, knapp anderthalb Stunden Dauer der Aufführung auch alleine hätte bestreiten können. Das Publikum im voll besetzten Parkett des Bieler Stadttheaters nimmt ihm den lange aufgestauten Ehefrust, der sich in Phrasen wie «Ich bin ein verlorener Mann» oder «das Leben geschieht draussen und ich komme nicht drin vor» entlädt, gerne ab. Grosse Schauspielkunst, wenn auch nur widerwillig hinnehmbar, liefert er auch mit den Ausfälligkeiten gegenüber seiner Frau. «Du bist nur ein ranziges Stück Fleisch», wirft er ihr an den Kopf und kippt sie mitsamt der Matratze aus dem gemeinsamen Ehebett wie «Müll in die Tonne».

Kein Anlass zu Hoffnung
Naomi Krauss als gedemütigte Leviva verschlägt es ob dieser Ungeheuerlichkeiten zu Beginn fast die Sprache. Georg Darvas, der für die Inszenierung verantwortlich zeichnet, hätte ihr durchaus mehr Selbstbewusstsein zuschreiben können. Stattdessen finde sie nur langsam Tritt auf der Bühne und zu den verbalen Argumenten, mit denen sie ihren Ehegatten davon abbringen kann, sie zu verlassen. Auch sie erkennt, dass sie «in einer Lüge gelebt» hat. Doch versucht sie – auch hier das Rollenklischee erfüllend – beschwichtigend auf den Mann einzuwirken und den Schein einer harmonischen Ehe zu bewahren.

Mit dem Auftritt des Nachbarn namens Gunkel (wunderbar kauzig: Urs Bihler) erhält das Geschehen zunächst eine überraschende Wendung. So erscheinen die Probleme der Eheleute angesichts der Einsamkeit des Nachbarn in einem völlig neuen Licht. Doch mit seinem Abgang drohen wieder die bekannten Streitereien auszubrechen. Es kommt anders. Doch ein Happy End stellt sich auch nicht ein.

Info: Weitere Aufführungen in Biel heute um 19.30 Uhr und am 11. Mai.

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