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Attentat

Ein Axthieb auf der Brücke beendet Machtträume eines Herzogs

Gegen Karl den Kühnen, den letzten Herzog von Burgund, haben die Eidgenossen einst gekämpft. 
Sein Grossvater Johann ohne Furcht, der zweite burgundische Herzog, fiel vor 600 Jahren einem Attentat zum Opfer.

Johann ohne Furcht in einem anonymen, posthumen Porträt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Bild: zvg/Wikipedia

Christophe Pochon

Ein letztes Handgemenge
Gehen wir 600 Jahre zurück, zum 10. September 1419. Auf der Brücke von Montereau-Fault-Yonne in der Region Île de France treffen sich Herzog Johann ohne Furcht von Burgund und der Dauphin Karl, der Thronfolger Frankreichs. Sie hätten viel zu bereden, denn die Lage Frankreichs, in dem der Burgunder ein Machtfaktor erster Güte ist, hat sich dramatisch entwickelt. Johann und Karl trauen 
einander nicht über den Weg. Für den einen wäre es besser gewesen, er hätte sich gar nicht erst auf den Weg gemacht.

Die Verhandlungen werden rasch heftig. Ein Wort gibt das andere. Herzog Johann ohne Furcht führt die Stellung des Dauphins ins Spiel, um nicht eine verbindliche Erklärung für eine Regelung hängiger Fragen abgeben zu müssen. Er sagt, der Kronprinz könne ja ohne Einwilligung seines Vaters, des Königs, gar nichts machen, lässt also durchblicken, dass sein Gesprächspartner nicht autorisiert sei, ein Abkommen auszuhandeln und abzuschliessen. Karl, gedemütigt, wendet sich wütend ab und macht sich daran, die Brücke zu verlassen. Das überliefern zumindest Berichte. Aber wurde da Schönfärberei betrieben? Wollten die suggerieren, den Thronfolger könne man für das folgende Ereignis gar nicht verantwortlich machen?

Wie dem auch sei. Es entsteht ein Tumult, ein wirres Handgemenge. Für Johann ohne Furcht ist es das letzte. Fest steht: Ein Mann namens Tanguy du Châtel hebt die Axt und lässt sie auf den Kopf des Herzogs sausen. Sie spaltet ihm den Schädel. Der Mörder und der Thronfolger von Frankreich sind sich fest verbunden; der spätere König Karl VII. verdankt Tanguy viel, vielleicht sogar sein 
Leben. Denn im Jahr vor dem Mord an Johann war es Tanguy, der den Dauphin, in eine Decke gewickelt, vor den in Paris einfallenden burgundischen Truppen in Sicherheit brachte. Mit dem 
Attentat enden jäh die Träume Johanns, sich auf Dauer zum Herrn über Frankreich zu machen.

Zwei Cousins, die sich hassen
Der 10. September 1419 hat einen ebenso blutigen Vorläufer. Wir blenden noch weiter zurück, etwa ins Jahr 1404. Herzog Johann ohne Furcht und Herzog Ludwig von Orléans gehören der regierenden Familie der Valois an, sind aber erbitterte Rivalen um die Macht in Frankreich und werden Todfeinde. Ludwig ist der Bruder von König Karl VI. von Frankreich, der krank und schwach ist, und der Schwager der ehrgeizigen Gemahlin von Karl VI., Isabeau von Bayern. Ludwig und Isabeau spannen zusammen; Ludwig möchte das Machtvakuum, das wegen seines gesundheitlich angeschlagenen Bruders an der Staatsspitze besteht, für sich ausnützen.

Johann ohne Furcht aber, Ludwigs Cousin, am 28. Mai 1371 in Dijon geboren, hat eigene Pläne mit Frankreich und in denen ist, wie man sich unschwer vorstellen kann, keine führende Rolle für Ludwig und Isabeau vorgesehen. Sondern für ihn, Johann, selbst, den Chef des Hauses Burgund, das von seinem 1404 verstorbenen Vater, Philipp dem Kühnen, begründet worden war. Diese Seitenlinie der Valois will Johann ohne Furcht mit Burgund zur bestimmenden Grösse in Frankreich machen.

Er gewinnt die Herzen der Pariser
Und tatsächlich: Es gelingt ihm, in Paris, der zentralistischen Schaltzentrale Frankreichs, zum starken Mann zu werden. Er bemächtigt sich des Dauphins, des damaligen Thronfolgers, und dessen Frau, und stellt sie unter den «Schutz» seiner mitgebrachten Truppen, ohne ihnen sonst ein Haar zu krümmen. Und dann weiss er gezielt die Mittel der Einflüsterung, der Intrige, der offenen Anklage einzusetzen, er beherrscht den wirkungsvollen Auftritt vor dem Staatsrat, um Stimmung für sich zu machen. Johann ohne Furcht ortet im Umkreis des französischen Hofes Korruption, Günstlingswesen, Inkompetenz, Eigennutz, Geldgier, Verschwendungssucht und eine Masslosigkeit beim Eintreiben von Steuergeldern der Bürger und verspricht Abhilfe. Seine Postulate sind populär. Er weiss die Herzen der Pariser zu gewinnen, die, wie die Geschichte Frankreichs beweist, bis auf den heutigen Tag oftmals für Bewegungen und Personen schlagen, die sich gegen die Regierung wenden. Der Herzog ist auf seine Art ein grosser Kommunikator.

Die Menschen können annehmen, er spüre ihre Sorgen und Nöte. Johann ohne Furcht befriedigt beispielsweise das Sicherheitsbedürfnis der Pariser Bürger. Dank ihm wird ihnen das Recht zurückgegeben, auf den Strassen Ketten zu spannen, um nachts die Sicherheit zu garantieren. Johann präsentiert ein umfassendes Reformprogramm, das auch staatsphilosophische Gedanken über das Königtum an sich enthält. Das Königtum besitze eine überzeitliche, vom jeweiligen Träger der Krone losgelöste monarchische Autorität, die es zu verteidigen gelte. Johann erachtet sich natürlich als erstrangiger Verteidiger dieser monarchischen Autorität.

Einen Hauptschuldigen für die ganze Misere 
hat er natürlich auch ausgemacht: Ludwig von 
Orléans. Dieser reagiert wütend und setzt sich 
zur Wehr. Frankreich steht in der Epoche des Hundertjährigen Krieges mit einem anglo-französischen Konflikt um die Thronfolge in Frankreich und einem innerfranzösischen Bürgerkrieg, in dem sich die Armagnacs um die Herzöge von 
Orléans und die englandfreundlichen Burgunder gegenüberstehen.

Eine Rechnung begleichen
Handelte Johann aus reinem Machtkalkül? Nun, 
er war ja kein Kind von Traurigkeit, war in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen. Seine politischen Vorhaben seien Demagogie gewesen, meinen einzelne Historiker. Demagogie gibt es nicht erst seit der Neuzeit. Würde ein heute modisches Wort auf ihn zutreffen: Populist? Wusste er die 
Erwartungen der Masse einfach perfekt zu bedienen, um sich selbst im französischen Herrschaftsgefüge in eine unangreifbare Position zu bringen? Vieles deutet jedenfalls bei ihm auf schieren Eigennutz hin. Auf alle Fälle hatte er schon vollendete Tatsachen geschaffen, als er zum direkten Schlag gegen Ludwig von Orléans ausholte.

Ins Verderben gelockt
23. November 1407, Paris, wo Versuche aus der Umgebung des Hofes im Gange sind, die beiden herzoglichen Streithähne zu versöhnen. Zu Herzog Ludwig von Orléans kommt am Abend der königliche Kammerdiener und bittet ihn, zum König, Ludwigs Bruder, zu kommen, dieser habe etwas mit ihm zu besprechen. Arglos macht sich Ludwig auf den Weg, mit einer sehr kleinen Begleitung. Wenige Minuten später wird er tot sein, Opfer einer vom burgundischen Herzog initiierten Verschwörung, bei welcher der königliche Kammerdiener mit von der Partie ist. Ludwig fällt unter den Streichen von etwa 20 Männern.

Der Auftraggeber des Mordes ist keineswegs schuldbewusst. Er versucht ohne jede Skrupel weiter, sich in Frankreich durchzusetzen, erzielt Erfolge, erleidet aber auch Rückschläge. Ludwig von Orléans wird hinterher zur Kritik freigegeben und wird als Tyrann dargestellt, bei dem der 
«Tyrannenmord» gerechtfertigt gewesen sei.

Johann aus dem Hause Burgund hat immer Frankreich im Blick und ist zur Befriedigung all seiner Ambitionen auf dieses Königreich ausgerichtet, erst sein Enkel, Karl der Kühne, will dann ein eigenes Grossreich mit einer eigenen Königskrone errichten, zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gelegen. Karl der Kühne scheitert an den wuchtigen Schlägen der Eidgenossen. Und sein Grossvater an innerfranzösischen Gegensätzen. Johann weiss sehr gut, dass etliche mit ihm seit dem 23. November 1407 eine Rechnung offen haben. Am 10. September 1419 muss er sie begleichen.

Quellen: Joseph Calmette, «Die grossen Herzöge von Burgund»; Simona Slanička, «Krieg der Zeichen. Die visuelle Politik Johanns ohne Furcht und der armagnakisch-burgundische Bürgerkrieg».

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