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Ausstellung

«Diese unmenschliche Welt muss menschlicher werden»

Das Centre Dürrenmatt in Neuchâtel fokussiert in seiner neuen sehenswerten Schau Friedrich Dürrenmatts Sicht auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse im Jahr 1968. Die Stationen dazu heissen: Basel, Prag und Bern - mit Bezug zu Biel.

«Da lang», scheint Friedrich Dürrenmatt 1968 den Schauspielern auf der Bühne des Basler Theaters zuzurufen. zvg
  • Dossier

Annelise Alder


Blühender Flieder und hellgrünes Laub an den Bäumen: Die idyllische Umgebung des Centre Dürrenmatt in Neuchâtel passt so gar nicht zur neuen Wechselausstellung mit dem Titel «Friedrich Dürrenmatt und das Jahr 1968». Denn die von Michael Fischer kuratierte Schau konfrontiert den Besucher und die Besucherin mit den damaligen teils harschen Ereignissen auf unverblümte Weise. Im dritten Untergeschoss und auf wenige Räumlichkeiten verteilt zeichnet die Ausstellung anhand von Fotos, Archivdokumenten, Radio- und Filmausschnitten nach, wie die damaligen politischen und gesellschaftlichen Ereignisse auf Friedrich Dürrenmatt eingewirkt haben. Das Jahr 1968 und seine Folgen, das wird deutlich, markiert einen Wendepunkt auch in der persönlichen Biografie Dürrenmatts.


Modernes Theater in Basel
In diesem Jahr nämlich hatte Werner Düggelin, dessen Ära als Schauspieldirektor in Basel ebenfalls 1968 begann, den damals weltweit anerkannten Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt zum künstlerischen Mitarbeiter und Co-Direktor ans Basler Theater berufen. Ein wichtiger Schritt in Dürrenmatts Wirken. Denn in Basel konnte er neue Theaterkonzepte ausprobieren und auf der Bühne «Grundfragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der zwischenmenschlichen Kommunikation» thematisieren, wie es in der vertiefenden Begleitbroschüre zur Ausstellung heisst.
Die Zusammenarbeit Dürrenmatts mit Düggelin gipfelte in den Aufführungen von Dürrenmatts Bearbeitungen eines Shakespeare- und eines Strindberg-Stoffs («König Johann» und «Play Strindberg»). Doch die anfangs fruchtbare Zeit endete nach gut einem Jahr abrupt und im Streit. Rückblickend bezeichnete Dürrenmatt seine Zeit in Basel als die «schönste Theaterzeit überhaupt» und das Scheitern als eine seiner «schlimmsten Erfahrungen». Denn Dürrenmatt fasste nach diesem Fiasko, so Kurator Fischer, als Theaterschaffender nie mehr richtig Fuss.

Protest gegen Ereignisse in Prag
Dürrenmatt bezog in seinen Theaterstücken gerne auch pointiert Stellung zu politischen Ereignissen. So reiste der Autor im März 1968 zur tschechischen Erstaufführung seiner Komödie «Die Wiedertäufer» nach Prag. Die Hauptfigur in dieser politischen Farce trug deutlich Züge des damaligen totalitären kommunistischen Parteichefs Antonin Novotný. Und auch der Schlusssatz des Theaterstücks war in seiner Botschaft unmissverständlich: «Diese unmenschliche Welt muss menschlicher werden». Die Folgen dieser klaren Kritik an den politischen Verhältnissen stellten sich nur wenige Monate später ein: Inzwischen waren nämlich die von Alexander Dubček unter dem Namen «Prager Frühling» eingeleiteten Reformen von sowjetischen Panzern brutal niedergewälzt worden. Dürrenmatt wurde zur Persona non grata erklärt und seine Theaterstücke verboten.
Der Schriftsteller, der in Prag den Dissidenten Václav Havel kennengelernt hatte und auch deshalb mit der damaligen Tschechoslowakei freundschaftlich verbunden war, zeigte sich über die Ereignisse in Prag tief betroffen. Am Theater Basel organisierte er deshalb eine Protestveranstaltung. Mit dabei: Renommierte Schriftsteller wie Max Frisch, Peter Bichsel, Kurt Marti, Günter Grass und Heinrich Böll. Seine Rede, die Friedrich Dürrenmatt an diesem Anlass hielt, wurde vom damaligen Schweizer Fernsehen aufgezeichnet. Sie ist in der Ausstellung im Centre Dürrenmatt ebenso zu sehen wie Fotos, die den Anlass dokumentieren.
Bemerkenswert ist dabei, dass Dürrenmatt keine dezidiert politische Haltung zu den Ereignissen einnahm. Vielmehr kommentierte er diese aus der Sicht des Theaterdramaturgen: «Ich denke über die Welt nach, indem ich ihre Möglichkeiten auf der Bühne und mit der Bühne durchspiele».   

Sympathie für Studentenbewegung
Dürrenmatts Interesse an gesellschaftspolitischen Zusammenhängen äusserte sich auch in Sympathien für die verschiedenen Studentenbewegungen. Er suchte den Kontakt zur jungen Generation und nahm an diversen Diskussionsveranstaltungen mit Studierenden teil, etwa an der Universität Basel. Als Ende Juni 1968 in Zürich die sogenannten Globus-Krawalle ausbrachen und - wie die eindrücklichen Archivfotos dokumentieren – die Zürcher Polizei mit teils roher Gewalt darauf reagierte, verfasste Dürrenmatt eine Stellungnahme: «Die Zürcher Krawalle sind heilsam, wenn sie die Gesellschaft dazu bringen, über sich nachzudenken und die Rebellion der Jugend als eine folgerichtige Antwort zu begreifen auf eine Welt, die auch bei uns nicht in Ordnung ist».

Weitergabe Literaturpreis
Die Ausstellung, die in die Bereiche «Studentenbewegungen», «Prager Frühling» und «Theater Basel» eingeteilt ist, endet mit einem Themenkreis, der nicht direkt mit den 1968er-Ereignissen zu tun hat, dennoch in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und politischen Aufwerfungen der Zeit zu sehen ist.
 1969 wurde Friedrich Dürrenmatt der Grosse Literaturpreis des Kantons Bern zugesprochen. Der Schriftsteller reichte den Preis indes an drei Persönlichkeiten weiter, die dem damaligen bürgerlichen Establishment wohl kaum genehm waren: Der Journalist Paul Ignaz Vogel hatte die Schweizer Monatszeitschrift «Neutralität» gegründet und damit eine publizistische Plattform für namhafte Schweizer Autoren wie Max Frisch oder Persönlichkeiten wie den Kommunisten Konrad Farner geschaffen. Ein Drittel des Preises ging auch an Sergius Golowin, der sich als Berner Grossrat für Fahrende und für soziale Randgruppen einsetzte. Schliesslich vermachte Friedrich Dürrenmatt das letzte Drittel seines Preises dem Bieler Lehrer und Politiker Arthur Villard, der sich gegen die atomare Aufrüstung in der Schweiz sowie für den Zivildienst einsetzt und dieses Engagement mit Gefängnis verbüssen musste.
Friedrich Dürrenmatt ist ein «Freigeist» und eine Persönlichkeit, die sich «nicht an konventionelle Denkschablonen hält». Dieses Bild vermittelt die Ausstellung im Centre Dürrenmatt Neuchâtel. Zudem provozierte er gerne: Zum Festessen nach der Preisübergabe im vornehmen Restaurant «Du Théâtre» in Bern kreuzte Dürrenmatt in Begleitung einer Gruppe von Rockern auf, angeführt von Martin «Tino» Schippert, dem Gründer der Schweizer Hells Angels.

Friedrich Dürrenmatt - 1968
Die Ausstellung dauert bis zum 9. September 2018.
Geöffnet Mi-So 11-17 Uhr. Centre Dürrenmatt Neuchâtel, Pertuis-du-Sault 74. Bus 106 und 109 bis Haltestelle «Ermitage».
Veranstaltungen:
6.5., 11 Uhr: «Begegnungen mit Dürrenmatt» im Kino Rex Bern. Anschliessend Gespräch mit François Loeb und Madeleine Betschart.
23.6., 17 Uhr: «Salon Dürrenmatt - Dürrenmatt und 1968». Mit Peter Rüedi und Paul Ignaz Vogel.
8.9., 17 Uhr:Gedenkanlass zum Prager Frühling. Mit Madeleine Betschart, Andrea Elscheková Matisová. aa
Link: www.cdn.ch

Stichwörter: Kultur, Centre Dürrenmatt

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