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Oper

Die Nadel im Schmetterling

Das renovierte Palace-Theater, neu Nebia, erlebt mit Giacomo Puccinis «Madama Butterfly» seine Operntaufe – und das Theater und Orchester Biel Solothurn einen Triumph.

Ihre filigrane Madama Butterfly rührt zu Tränen: Die Sopranistin Hye Myung Kang stammt aus Korea. Bild: Marshall Light Studio

Peter König

Wer als männlicher Zuschauer in Puccinis Oper «Madama Butterfly» nicht völlig gefühlsresistent ist, schämt sich jeweils doppelt: Als Mann, und als Angehöriger der sogenannten westlichen Zivilisation. Denn die Oper erzählt eine einfache, himmeltraurige Geschichte, die sich millionenfach ereignet: Ein Fremder – es muss kein Marineoffizier auf Landurlaub sein – schwängert eine Einheimische, lässt sie sitzen und sie landet im Elend. Die meisten solchen Geschichten sind keiner Zeitung eine Zeile wert. Warum aber sind wir von «Madama Butterfly» so ergriffen, warum leiden wir mit Cio-Cio-San? Was macht diese Oper – trotz des Debakels bei der Scala-Uraufführung 1904 – zu einer der erfolgreichsten überhaupt? Das hat viele Gründe. Zweifellos betritt Puccini mit dieser Partitur Neuland und lässt den Westen und den Osten nicht nur in der Handlung, sondern auch in der Musik recht eigentlich aufeinanderprallen.

Zwei Welten
Die japanische Musik, die ihm – kurz nach 1900! – zugänglich war, hat er mit einer Raffinesse eingearbeitet, die noch heute verblüfft und modern anmutet. Der Spätkolonialismus in der Geschichte der Butterfly findet in der Musik seine Entsprechung. Wie mit der Dampfwalze setzen sich die – wenn auch zauberhaft melodiösen – westlichen Klänge gegen die japanischen Elemente durch, die Zitate der späteren amerikanischen Nationalhymne sind nur das klarste Beispiel. Die Oper enthält aber auch Hits wie Pinkertons Arioso im dritten und Cio-Cio-Sans Arie im zweiten Akt («Un bel di vedrem»), oder den märchenhaften Summchor (Chorleitung: Valentin Vassilev).

Das Sinfonieorchester Biel Solothurn läuft zur Hochform auf. Begünstigt durch die nach dem Umbau kaum wiederzuerkennende, formidable Akustik des Nebia klingt es klar, transparent und vielschichtig, mit satten Streichern und präziser Perkussion. Der italienischen Maestro Manlio Benzi packt entschlossen zu, trägt aber die Solisten behutsam auf Händen. Die im Werk angelegten Kontraste könnten kaum klarer konturiert werden als mit dieser vortrefflichen Bieler Besetzung. Der mexikanische Tenor Rodrigo Porras Garulo füllt die eher undankbare Rolle des Pinkerton ideal aus: stimmliches Edelmetall und sichere Höhen, verbunden mit jugendlich-sportlicher, unbekümmerter Erscheinung. Leonardo Galeazzi ist mit seinem wohlgerundeten Bariton der perfekte Sharpless: Der US-Konsul in Nagasaki verkörpert den «guten» Westler; er ermahnt Pinkerton (erfolglos), dass seine japanische Geliebte an der Sache zerbrechen könnte. Der Dienerin Suzuki leiht Sunghee Shin ihren warm timbrierten, auf sicherem Fundament ruhenden Mezzo und herzliche Persönlichkeit. Über allen aber thront die Sopranistin Hye Myung Kang: Ihre filigrane Butterfly rührt zu Tränen, ihre Stimme geht direkt ins Herz: Ausdrucksvoll und farbenreich, klar geführt und vorbildlich phrasierend wetteifert sie mit grössten Vorbildern. Von kindlicher Naivität – bei der «Heirat» ist sie erst fünfzehn – über banges Hoffen, kurzes Glück beim Auftauchen des Schiffes nach drei Jahren bis zur bitteren Erkenntnis und zum Selbstmord ergreift die Titelheldin. Naiv? Schon früh erwähnt sie ja, wie Schmetterlinge gefangen und aufgespiesst werden – zur Nadel wird am Ende das Harakiri-Schwert des Vaters. Die Koreanerin wird zurecht frenetisch gefeiert.

Draussen wartet Kate
Die sorgfältige Regie von Louis Désiré zeugt von Liebe zum Detail; haften bleiben kleinste Einzelheiten: Die penible Reaktion von Pinkerton auf die persönlichen Gegenstände seines Schmetterlings. Die hinter dem Haus auf den Marineleutnant wartende Amerikanerin Kate, die früh klarmacht, dass Butterfly für diesen nur ein japanisches Abenteuer ist. Oder Onkel Bonze, der Pinkertons Brief zerfetzt und damit Cio-Cio-San gleichsam das Herz aus dem Leibe reisst – grosses Theater. Da fallen kleinere Schönheitsfehler kaum ins Gewicht: Die US-Flagge ist historisch nicht korrekt, aber warum auch? Die Geschichte ist ja zeitlos, sie könnte ganz ähnlich im Hier und Jetzt spielen. Das Haus von Cio-Cio-San (Ausstattung: Diego Méndez-Casariego) hat eher den Charme einer Sauna als eines japanischen Schiebetürbaus. Und trotz viel Aufwand und Detailtreue sind nicht alle Kostüme ganz gelungen. Nicht nötig wäre auch die überlebensgrosse Geisha-Puppe, die Cio-Cio-Sans Entehrung und Entleibung auf einer Meta-Ebene dupliziert.

Hohe Messlatte
Die feinsinnige Personenführung bis hin zu den kleinsten Partien macht solches mehr als wett: Einmal mehr ist Konstantin Nazlamov hervorzuheben, der den Kuppler (oder nennen wir ihn gleich Zuhälter) Goro mit scharfem Profil gibt. Javid Samadov ist ein schattenhaft dämonischer Onkel Bonze. Yi-An Chen verleiht der meist kaum wahrgenommenen Nebenfigur des reichen Freiers Yamadori menschliche Züge. Heraus kommt eine überzeugende, packende «Butterfly» mit durchdachter Regie, engagiertem Orchester und einer Besetzung, von der andere und grössere Theater nur träumen können. Dies in einem renovierten Saal, der Musik und Szenerie so gut zur Geltung bringt, dass man sich um den Weiterbestand des Stadttheaters schon fast Sorgen machen müsste: Die renovierte Spielstätte gibt dem Tobs sehr schöne Möglichkeiten für die Zukunft. Die Messlatte hat es mit dieser «Madama Butterfly» allerdings hoch gelegt.

Info: Nebia Biel, Aufführungen bis am 28. März, die nächste am 1. März, 19.30 Uhr; Stadttheater Solothurn, Aufführungen ab 21. Februar bis am 9. April; Informationen und Tickets unter www.tobs.ch.

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