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Nachruf auf Jörg Steiner

Die Furcht vor der Mutlosigkeit

Jörg Steiners Werk wird nicht vergessen werden, weil es noch nicht zu Ende gelesen ist. Ein Nachruf von Samuel Moser, Literaturkritiker, Dozent und Präsident der Stiftung Robert Walser.

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Zu Jörg Steiners Humor gehörten Sätze wie: «Ein Schriftsteller ist auch ein Schriftsteller, wenn er nicht schreibt.» Heiterkeit wäre das bessere Wort, weil es an das Finstere im Hintergrund erinnert. Vielleicht hat er gemeint, dass Schriftsteller manchmal vergessen werden. Einige schon zu Lebzeiten, andere wenn sie gestorben sind. Und es sind nicht die unwichtigen. Aber nicht um die Schriftsteller geht es, sondern um ihr Werk. Und der Satz meint tatsächlich einen Schriftsteller, der nicht schreibt.

Jörg Steiners Werk gehört zu den wichtigsten der neueren Schweizer Literatur, und es ist auf ganz besondere Weise sein Verdienst, dass diese Literatur auch ein unverzichtbarer Teil der deutschsprachigen Literatur überhaupt geworden ist. Nicht allein seines: Peter Bichsel, Otto F. Walter und andere gehören dazu. Sie waren «Kollegen», aber darunter darf man sich nicht vorstellen, was man heute damit meint. Eher «Freunde», ein suspekt gewordener Begriff. Den Wörtern, ihrem Verfall, aber auch den unerwarteten neuen Bildungen galt Jörg Steiners Interesse.

Jörg Steiner bildet die Brücke zwischen «Frischdürrenmatt» und der heutigen Generation von Schreibenden. Unter allen Klassifizierungen ist eine der schöneren der «Jurasüdfussautor». Tatsächlich hat dieser Fuss ja auch in seinen und Silvias Garten hineingereicht hinter der Galerie 57 an der Juravorstadt, die Silvia Steiner bis zu ihrem Tod vor noch nicht einmal einem Jahr geführt hat. Mit Jörg in der Küche, d.h. an der Seite! Jetzt sind diese Türen endgültig geschlossen.

Die Bücher aber bleiben geöffnet. Jörg Steiners Werk wird nicht vergessen werden, weil es noch nicht zu Ende gelesen ist. Und auch nicht zu Ende geschrieben. Die fertige Formulierung, der kompakte Text, das griffige Buch mit dem angesagten Thema – das alles hat ihn nicht interessiert. Sein Wissen ist das Wissen des Nichtwissens. Seine Sätze leben von den offenen, den verletzbaren Stellen. Von der fragilen Distanz, mit der er seinen Figuren gegenübertritt, ob sie nun kleine Delinquenten sind wie Schose im «Messer für den ehrlichen Finder» oder «Barone» wie in «Weissenbach und die anderen»; ob sie Fürzeler, Zwei, Fingel, Sugus und Kocher heissen wie die Freunde in «Das Netz zerreissen» oder Greif wie der Arbeitslose im «Kollegen»; ob sie wie Goody Eisinger Museums-Aufseher sind in «Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch» oder ein Kanichen im Kinderbuch, das Jörg Steiner mit Jörg Müller zusammen gemacht hat.

Jörg Steiner gibt seinen Figuren Raum, er legt sie nicht fest, er lässt ihnen Fluchtwege, Verstecke – all das, was die Gesellschaft, was das Leben ihnen nicht gegeben hat. Jörg Steiner ist kein Erzähler von Geschichten. Die Türe zum Zimmer Robert Walsers im ehemaligen Hotel Blaues Kreuz am Zentralplatz bleibt ungeöffnet in seiner Erzählung «Der Schlüssel». Auch seine eigene Geschichte ist in seinen Büchern nicht zu finden. Nur die Erzählung «Schnee bis in die Niederungen» beginnt mit dem Satz: «Ich habe bis drei Uhr Aufsätze korrigiert und bin dann» Der Satz bricht ab, ohne Punkt. Am Ende der Erzählung taucht ein Schriftsteller auf, der in der spanischen Stadt «Lorca» zum Tode erkrankt, während er schreibt. Dann heisst es: «Er fängt an, sich vor seiner Mutlosigkeit zu fürchten, und das heisst: er wird nicht aufgeben.» Um Federico Garcia Lorca handelt es sich vielleicht. Oder Jörg Steiner.
Wenig Autobiographisches, aber Jörg Steiner ist wie kaum ein anderer Autor in seinen Büchern gegenwärtig. Als könnte man ihn beim Schreiben atmen hören, lange bevor er den Stift ansetzt.
Auch wenig Biel also, obschon die Stadt in seinem Werk mehr ist als ein Schauplatz. Die Welthaltigkeit Jörg Steiners entsteht aus ihrer Verwandlung – nicht in einen Ort der Phantasie, sondern in einen Ort der Wirklichkeit des Möglichen. Das hat mit Angst zu tun, aber auch mit Hoffnung.

Aus dem aufgebrochenen Asphalt in der Seevorstadt wachsen Pilze. Am Pazifischen Ozean blüht ein Kirschbaum. Dass vor 30 Jahren auch am Bahndamm im Pasquart Kirschbäume blühten, kann man in einer früheren Erzählung finden. Jörg Steiner bleibt ein Schriftsteller – auch wenn er nicht mehr schreibt.

 

Würdigung zum 80. Geburtstag

Was Freunde und Literaturkenner zu Steiner und seinem Werk sagen

 

 

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