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Bieler Fototage

Die 16. Bieler Fototage zwischen Voyeurismus, Exhibitionismus und Überwachung

Mit 23 Ausstellungen zum Thema „Sehen und gesehen werden“ zeigen die 16. Bieler Fototage vom 7. bis 30. September 2012 wie junge Fotografen und Fotografinnen und renommierte Meister den zudringlichen Blick der Kameras im ewigen Spannungsfeld zwischen Voyeurismus, Exhibitionismus und Überwachung deuten.

mt. Die diesjährige Festivalausgabe rüttelt durch ihre Interdisziplinarität an den Grenzen des Mediums. Nebst Fotokunst stehen auch laut einer Pressemitteilung Videos und ein Filmzyklus, eine Performance, Musik, eine Buchsignierung und Vorträge auf dem Programm. Mit der erstmalig stattfindenden Portfolio-Lektüre, in deren Rahmen junge Schweizer Talente internationalen Experten und Ausstellungsmachern ihre Arbeiten präsentieren können, festigt das Festival sein Profil als Ort der Entdeckungen, wo sich Nachwuchs, Avantgarde und Klassik gleichermassen zuhause fühlen. Das Publikum erhält zahlreiche Gelegenheiten, den Fotografinnen und Fotografen persönlich zu begegnen und kann hinter der Kamera auch selber aktiv werden.

Sehen und gesehen werden: Von Voyeurismus, Exhibitionismus und Überwachung


Voyeurismus, Exhibitionismus, Überwachung – und mittendrin die Kamera. Das Internet bildet einen bildgewaltigen, interaktiven Raum, der sich durch Foto posts in sozialen Netzwerken, Videobeiträgen von Leserreportern oder Webcams rasend schnell erweitert. Digitale Bildtechnologien machen es uns nicht nur einfacher, das allzu menschliche Bedürfnis nach dem Blick durchs nachbarliche Schlüsselloch zu befriedigen. Auch Selbstdarsteller, Schnüffler oder Aufpasser finden durch sie ihr Glück. Ob für Behörden oder Privatpersonen: Im 21. Jahrhundert werden Grenzziehungen zwischen privatem und öffentlichem Raum zunehmend schwieriger, urheber- und persönlichkeitsrechtliche Fragen immer komplexer. Die zeitgenössische Fotokunst befindet sich unter diesen Rahmenbedingungen in Höchstform.


Wer regiert hier wen? Von Robotern, Überwachungskameras und Baschar al-Assad


Sind Überwachungskameras demokratische Hüter der Sicherheit oder liegt mit ihnen auch der Missbrauch auf der Lauer? Gesichtserkennungssoftware, Verkehrsleitsysteme oder Bewegungsaufzeichnungen: Bilderkennungs-Technologien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Der renommierte britisch-norwegische Designer, Forscher und Videokünstler Timo Arnall (*1976, London, UK) beschäftigt sich mit Zukunftstechnologien und digitaler Kultur. Mit der Schweizer Premiere seiner Video Robot Readable World zeigt er, wie Computer unsere Strassen, Städte und uns selbst sehen und stellt die Frage, wer hier eigentlich wen regiert. Auch die Schweizer FotografInnen Kurt Caviezel (*1964, Chur, CH), Anita Cruz-Eberhard (*1974, Zürich, CH) und Nicolas Righetti (*1967, Genf, CH) beleuchten in ihren Arbeiten Macht und Ohnmacht der Beobachtung. Während Kurt Caviezel mit No Video den Glauben, man könne via Webcams restlos alles in Echtzeit sehen, gründlich dekonstruiert, schafft Anita Cruz-Eberhard aus einem unendlich scheinenden Katalog von Überwachungskameras eine beklemmende Tapete. Die in New York lebende Schweizerin kommentiert mit Watch the watchers! die Tatsache, dass die Anzahl privater Überwachungskameras seit 9/11 sprunghaft angestiegen ist – je nach Stadtgebiet um 300 bis 1’400 Prozent. Nicolas Righetti wiederum zeigt, wie der syrische Präsident Baschar al-Assad als Big Brother über sein Volk wacht und sich ein totalitäres Regime selbst inszeniert (L’avenir en rose). Der Genfer signiert an der Vernissage vom 7. September in Biel auch sein Fotobuch L’avenir en rose, das im Verlag Work is progress herausgegeben wird und zu dem Christian Brändle, Direktor des Zürcher Museums für Gestaltung das Vorwort verfasste (s. unten).


Exhibitionismus vs. Voyeurismus: Von versteckten Kameras, Cyberporno und Christoph Blocher


Sie denken, Sie sitzen im Glashaus, wenn Sie eine Facebook-Seite eröffnet haben, Familienfotos twittern oder am eigenen Blog schreiben? Das grassierende life logging, die ständige Berichterstattung über das eigene Leben im virtuellen Raum, geht viel weiter! Die Invasion des Cyberspaces durch pornographische Selbstportraits bildet die Ausgangslage der Arbeit des spanischen Altmeisters und Theoretikers Joan Fontcuberta (*1955, Barcelona, ES), der seine Videoinstallation Through the Looking Glass in Biel als Schweizer Premiere präsentiert. Fontcuberta spricht zudem am 16. September zum Thema „Das Zeitalter des Spiegels - Identität und Erotik der Internetkultur“.
Er ist allein, halbnackt, hinter ihm eine Meute von Paparazzi, Blitzlichtgewitter, 10 Minuten entsprechen 700 Bildern, und er versucht verzweifelt, sich den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen. Anlässlich der Vernissage der 16. Bieler Fototage (7. September, s. unten) zeigt der junge Schweizer Künstler Simon Senn (*1986, La Chaux-de-Fonds, CH) die Performance 18h15 und entlarvt unserer Begehren, Einblicke ins Privatleben der Anderen zu erhalten. Ein Begehren, dem die französische Fotografin Nadja Groux (*1968, Paris, FR) mit 127th@StNick bedingungslos nachgegeben hat. Während zwei Jahren fotografierte sie heimlich aus dem Fenster ihrer New Yorker Wohnung und schuf mit ihrem zudringlichen und gnadenlosen Blick auf den Alltag im Stadtviertel Harlem ein Tagebuch, das sich wie ein Storybord liest (Schweizer Premiere). Mit einer besonderen Art der versteckten Kamera arbeitet auch Ivars Gravlejs (*1979, Riga, Lettland). Für Photographer without a Camera / Message to No One nahm er in einem Elektrofachgeschäft Speicherkarten aus ihren Verpackungen und legte sie ohne das Wissen der Kundschaft in die ausgestellten Kameras. Nichtsahnend dokumentieren die vom Slogan „Geiz ist geil“ angelockten Menschen ihr Konsumverhalten. Der mediale Dauerbrenner *Name der Redaktion bekannt weist für die Thuner Fotografin Regine von Felten (*1980, Thun, CH) darauf hin, dass das Wesen eines Menschen unmöglich in einer einzigen Porträtaufnahme erfasst werden kann. Anstatt klein bei zu geben, greift sie aber zu einer radikalen Massnahme: Durch überbelichtete Porträts von Christoph Blocher, Kuno Lauener oder Murat Yakin beleuchtet sie das Licht- und Schattenspiel, das die mediale Darstellung von öffentlichen Personen umgibt.
 
Das gesamte Ausstellungsprogramm der 16. Bieler Fototage wird ab August online verfügbar sein. Die Liste der nachfolgend angekündigten Veranstaltungen bildet eine Auswahl und wird zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt.
Neue Initiative: Meeting Day - Portfolio-Reviews, Sa. 8. September, 11 – 17 Uhr


Die Bieler Fototage verstehen sich als Ort der Begegnungen und Entdeckungen von jungen Talenten und fördern aktiv den Schweizer Fotografennachwuchs. Am 8. September bietet das Festival nun jungen Talenten am Meeting Day erstmals die Möglichkeit, ihre Portfolios ausgewiesenen nationalen und internationalen Expertinnen und Experten zu präsentieren und im persönlichen Gespräch von der Erfahrung, den Tipps und vom Netzwerk dieser Mentoren zu profitieren.
Unter anderem anwesende Experten und Expertinnen:
Walter Keller, Verleger, Kurator, Schriftsteller und Galerist, Zürich
Jörg Bader, Direktor, Centre de la Photographie, Genf
Sarah Carp, Fotografin, Mitglied FOCAL, Association pour la photographie, Nyon
Daniel Müller, Direktor PhotoforumPasquArt, Biel
Jean-Christophe Godet, Leiter Guernsey Photography Festival, Guernsey
Markus Schürpf, foto-ch.ch
Filmzyklus: Zwischen Voyeurismus und Überwachung
In Zusammenarbeit mit den 16. Bieler Fototagen präsentiert das Filmpodium Biel vom 24. August bis zum 24. September einen Filmzyklus mit dem Titel „Entre Voyeurisme et Surveillance“. Zu sehen sind u.a.
Das Fenster zum Hof, Alfred Hitchcock, USA, 1954, 35mm, 112’, E/d,f
War Photographer, Christian Frei, CH, 2002, 35mm, 96’, Ov/d,f
Red Road, Andrea Arnold, GB/DK, 2006, 35mm, 113’, Ov/d,f
Barbara, Christian Petzold, D, 2012, 35mm, 105’, D/f
Vortrag von Juan Fontcuberta: Das Zeitalter des Spiegels – Identität und Erotik der Internetkultur, So. 16. September, 14 – 15 Uhr
Für den spanischen Fotografen und Theoretiker Juan Fontcuberta ist das 21. Jahrhundert das Zeitalter des Spiegels. Als solches wird es vom Internet und der Massenproduktion von Bildern bestimmt. Unsere Existenz teilt sich entzwei: Wir können unser Leben in der fassbaren oder in der virtuellen Welt führen. Der Bildschirm wird zum Portal der Selbstbetrachtung, Identitäten werden neu konstruiert. Die Bandbreite der Motivationen reicht von dokumentarischem Utilitarismus, ästhetischem Experimentalismus über psychologische Introspektion bis zu Verführung und Erotik.
Road Show / 16. vfg Nachwuchsförderpreis, Do. 20. September, ab 20.30 Uhr
Die Förderung junger Talente ist der vereinigung fotografischer gestalterInnen (vfg) wie den Bieler Fototagen besonders wichtig. Vor diesem Hintergrund wird seit nunmehr sechzehn Jahren der vfg Nachwuchsförderpreis an junge Fotografen vergeben. Um die Ausstellung der preisgekrönten Arbeiten in möglichst vielen Regionen zeigen zu können, tourt der vfg in diesem Jahr mit einer Roadshow durch die gesamte Schweiz und macht auch an den Bieler Fototagen halt.
Die Gewinner: Valérie Anex, Yannis Claude Christ, Pierre Kellenberger, Joan Minder, Audrey Piguet, Annick Ramp, Alex Schauwecker, Valentina Suter, Andrin Winteler, Armand Yerly.
Tag der FotografInnen am So. 23. September 2012, 13 – 17 Uhr
Für die Dauer eines Nachmittags stehen die Fotografinnen und Fotografen der 16. Bieler Fototagen in ihren Ausstellungen dem Publikum Red und Antwort und liefern Hintergrundinformationen aus erster Hand.
Preisverleihung Photo Safari, So. 30. September 2012, 18
Die Preisverleihung findet am Sonntag 30. September statt. Eine Shortlist (Zusammenstellung aller Safari-TeilnehmerInnen) wird projiziert. Dazu findet ein Improvisationskonzert statt, inspiriert durch die Bilder.
MIT:
Le pot, H.-P. Pfammatter (keys), Manuel Troller (git), Manuel Mengis (tp, electronics), Lionel Friedli (dr, objects).

Timo Arnall (UK/NO),
Robot readable world
Wie Computer unsere Strassen, unsere Städte und uns selbst sehen, und wie sie unsere Welt regieren.
Liu Bolin (CN)
Hide in the City
Die in der ganzen Welt realisierten Bilder sind das Ergebnis von Performances, in denen das Individuum mit seiner Umgebung verschmol¬zen und dadurch aufgelöst wird.
Claudia Breitschmid (CH)
Welcome Back
Eine Arbeit, in der das Aussparen und Entrümpeln im Vordergrund steht. Ausgangsmaterial sind Bilder aus alten Fotoalben, resp. die leeren Seiten in diesen Alben.
Kurt Caviezel (CH)
No video
Der Glaube, man könne restlos alles in Echtzeit sehen, hat seine Tücken.
Anita Cruz-Eberhard (CH)
Watch the Watchers!
Videokameras werden zu Motiven auf einer grossen Leinwand, die einem Angst machen kann.
Bernard Demenge (FR)
Entêtement [dt. Hartnäckigkeit, Sturheit]
Der Fotograf schlüpft in die Haut (und das Gesicht) von Prominenten. Dass man dieses Hineinschlüpfen fast nicht bemerkt, ist das Ergebnis einer sehr sorgfältig ausgeführten Arbeit.
Erwan Fichou (FR)
Miradors
Die Stadt ist ein kontrollierter Raum, in dem die Natur durch den Menschen, der sich diesen Raum zu eigen macht, modelliert und struk¬turiert wird.
Joan Fontcuberta (ES)
Through the Looking Glass
Eine Videoinstallation zu einem Phänomen, das im Cyberspace um sich greift: Selbstportraits vor einem Spiegel.
Ivars Gravlejs (LV)
Photographer without a Camera
Message to No One
Kundinnen und Kunden eines Geschäfts, das Unterhaltungselektronik anbietet, erzählen frei von der Leber weg von ihren Konsumgewohnheiten.
Nadja Groux (FR)
127th@StNick
Die Bilder, die alle aus ein und demselben Fenster einer New Yorker Wohnung aufgenommen wurden, wirken wie ein Storyboard.
Julien Heimann (CH)
Whale watching
Eine humorvolle Erforschung der visuellen Codes, die bei Massen-Freizeitvergnügen in der westlichen Welt gelten.
Haus am Gern (Barbara Meyer Cesta & Rudolf Steiner) (CH)
Selbstportrait als Künstlerpaar
Das Künstlerpaar startet den Versuch, sich durch fremde Augen zu sehen und greift dabei zurück auf Studiofotografen, ja sogar auf Polizeiradar.
Mishka Henner (GB)
Dutch Landscapes
Von Google Earth zur Verfügung gestellte Satellitenbilder, die von Militär- oder Regierungsbehörden zensuriert wurden.
Amir Hossein Keihani (IR)
Black Bird Series
Der Tschador verhüllt hier in Form eines Vogels, der Gutes oder Schlechtes ankündigt, einen Mann. Die schwarzen Vögel hinterfragen das, was zu sehen ist – aber auch das, was verhüllt wird.
Edgar Leciejewski (DE)
NYC Ghosts and Flowers
Das von zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern kritisierte Google Street View bildet die Arbeitsgrundlage von Edgar Leciejewski. Er «entnimmt» daraus Bilder, die er anschliessend bearbeitet. Aus den Bildern entsteht ein Portrait der Menschen im 21 Jahrhundert.
Benjamin Lowy (USA)
iLibya : Uprising by iPhone
Mit dem iPhone in Libyen aufgenommene Bilder. iPhotojournalismus der anderen Art, der den Betrachter dazu bringt, das Ganze anders zu sehen.
Mingjun Luo (CN/CH)
An den Details dieser bearbeiteten Pressebilder, die so wirken, als sähe man durch ein Fernrohr oder ein Schlüsselloch, schärfen wir unseren Blick.
Mohammadreza Mirzaei (IR)
The Encounters
Die von hoch oben fotografierten Fotografen sehen aus wie Bauernfiguren, die auf dem Schachbrett der Sonne ihre Position suchen.
Myr Muratet (FR)
Wasteland
Eine Studie über das städtische Umland und dessen Bewohner, die einerseits dem Blick entzogen sind und andererseits scharf überwacht werden.
Nicolas Righetti (CH)
Syrie
Zahllose Portraits des syrischen Präsidenten Baschar el-Assad während des Wahlkampfes.
Simon Senn (CH)
18h15
Viele und vielfältige Bilder einer Performance, welche die ver¬schiedenen Verhaltensweisen untersucht, die aufdringliches Fotogra¬fieren auslösen kann.
Regine von Felten (CH)
*Name der Redaktion bekannt
Die Auflösung der Gesichter mittels Überbelichtung verweist auf die Unmöglichkeit, einen Menschen in einem Portrait vollumfänglich zu erfassen.
Angela Wüst (CH)
framesettings
Wirklicher Raum, Bilder und Spiegelungen überlagern sich mit der Absicht, unseren Blick zu verwirren.
 

Stichwörter: Biel, Fototage

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