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«Der Hirte hat alleSchafe gern»

Maria Regli ist Leiterin der Bildungsstelle der katholischen Kirche Biel. Sie und ihr Team haben die Ausstellung «Hotel Annelie» mit Tito Lee realisiert.

Maria Regli, Leiterin Bildungsstelle der katholischen Kirche Biel, Bild: Julie Lovens

Interview: Simone Tanner

Maria Regli, weshalb haben Sie die Ausstellung organisiert?
Maria Regli: Weil Armut ein zentrales Thema ist im Christentum und die Kirche die Aufgabe hat, auf Missstände aufmerksam zu machen. Wir wollen zum Dialog einladen, ein Zeichen setzen gegen die grassierende Entsolidarisierung und für die Akzeptanz der Andersartigkeit. Der Hirte hat alle Schafe gern, auch die widerspenstigen.

Die verfremdeten Ikonografien – wie etwa jene mit Jesus als Frau – sind provokativ. Verletzt das nicht religiöse Gefühle?
Vielleicht. Aber dass Frauen während Jahrhunderten an den Rand gedrängt und sogar stumm gemacht wurden, verletzt noch viel mehr. Manchmal braucht es einen Akt des Widerstandes. Tito Lee macht eine Neuschreibung der Ikonenmalerei. Es ist eine Herausforderung, alte Vorstellungen loszulassen, die sich vor die Realität stellen. Wenn die Stellung der Frau zur Zeit Jesu eine andere gewesen wäre, hätte er auch eine Frau sein können.

Katholiken könnten einiges als blasphemisch auffassen.
Der grösste Teil der Katholiken ist modern, offen. Viele fühlen sich gerade deshalb nicht mehr angesprochen von der Kirche. Genau sie wollen wir mit der Ausstellung erreichen. Wir wünschen uns, dass sie partizipieren, ihre unbegründeten Vorurteile gegenüber der Kirche abstreifen. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass traditionelle Katholiken ihre Ängste gegenüber dem Andersartigen ablegen.

Die katholische Kirche schliesst einzelne Menschen auch aus der Gemeinschaft aus, Homosexuelle zum Beispiel. Eben fiel Pfarrer Wendelin Bucheli beim Bistum Chur in Ungnade, weil er ein lesbisches Paar segnete.
Das Projekt zeigt, dass es auch andere Stimmen gibt innerhalb der Kirche. Wir geben diesen Raum. Wir wollen uns auch selbst hinterfragen. Als feministische Befreiungstheologin interessiere ich mich für die Randständigen. Sie gehören in unsere Mitte.

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