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"Das Vertrauen war stärker als die Angst"

«Tscharniblues 2» hat die Solothurner Filmtage eröffnet und startet nun in Biel. Porträtiert werden fünf Männer, vier Jahrzehnte nachdem sie selber einen Film gedreht haben. Was ist geblieben? Was ist anders? Ein Besuch bei Stephan Ribi, einem der Protagonisten.

"Wir sind Freunde fürs Leben», sagt Stephan Ribi. «Ich kann mir nicht vorstellen, was passieren müsste, dass es aufhört." Copyright Nico Kobel / Bieler Tagblatt

von Raphael Amstutz

Donnerstag, 24. Januar, 17.30 Uhr. An den Solothurner Filmtagen wird «Tscharniblues 2» gezeigt – als Eröffnungsfilm. Volle Reithalle, bundesrätliche Eröffnungsrede, die Festivaldirektorin spricht, viel Prominenz, der grosse Teppich. Der Applaus ist laut und anhaltend. Offenbar hat der Film etwas ausgelöst.

Etwas mehr als zwei Monate später sitzt Schulleiter Stephan Ribi im Lehrerzimmer der Bieler Schule Mühlefeld. Bald ist Mittag. Im Hintergrund surrt ein Kopierer, eine Mutter holt das konfiszierte Smartphone ihres Sohnes ab, eine Arbeitskollegin braucht eine Auskunft. Ribi blickt zum Fenster hinaus und sagt: «Nein, wir waren zwar immer wohlwollend, aber anfänglich trotzdem nicht begeistert von diesem Projekt.»

Es geht um die Geschichte von sechs Freunden, die 1979 im Berner Tscharnergut einen Film drehen und an den Filmtagen für Furore sorgen. Und es geht darum, dass 40 Jahre später Aron Nick, Ribis Göttibub, die Idee hat, die Truppe in der Hochhaussiedlung wieder zusammenzubringen.

Die Idee
Bäne, Brünu, Stüfi, Yves, Eggi und eben Ribi. Sechs Berner Giele, wild im Herz und rebellisch im Kopf, machen ihren Alltag, ihre Wünsche und Pläne Ende der 70er-Jahre zum Film. Kennengelernt haben sie sich auf die unterschiedlichsten Weisen: Sie sind Nachbarn und Schulkollegen, gehen gemeinsam in die Pfadi oder in den Jugendclub.

«Wir hatten Angst um Aron», sagt Ribi. Wen solle das schon interessieren, wenn fünf mittelalterliche Herren (Bruno ist gestorben) am Tisch sitzen und aus ihren Leben erzählen, wenn sie auf dem Spielplatz des Tscharnerguts stehen und über ihre Träume sinnieren? «Will man das sehen? Das ist doch nicht so wahnsinnig spannend», sagt Ribi und diese Sätze sind in keiner Weise Koketterie oder Anbiederung. «Vor allem war da aber dieses Wissen: Wir können <Tscharniblues> nicht wiederholen. Das wirkt gekünstelt und nicht glaubwürdig», so Ribi. «Obwohl wir in unterschiedlicher Intensität und Konstellation immer in Kontakt geblieben sind, sind wir nicht mehr die gleiche, eingeschworene Bande von damals.»

Während sie hadern, finanziert Aron, Bänes Sohn, den Film und beginnt mit dem Drehen. Da hat Stephan Ribi eine Idee. Seine Frau und er hatten einmal abgemacht, einander an gewissen Tagen zu überraschen, um die Beziehung zu beleben. «So könnte ich es mir vorstellen», sagt Ribi und bringt diese Idee bei der Crew ein. Und tatsächlich werden die gegenseitigen Überraschungen zum Gerüst des Films. Was da genau gemacht wurde, soll hier nicht verraten werden. «So ist die Angst dem Vertrauen gewichen», sagt Ribi. Das Vertrauen ist schliesslich so gross, dass es für ihn möglich ist, vor der Kamera über den Bruder zu sprechen, der während den Dreharbeiten stirbt.

Die Wahrnehmung
«Ich habe keine Probleme damit, persönlich zu sein, etwas von mir preiszugeben», sagt Ribi. So hat er denn auch mit vier Worten den Grundton des Films vorgegeben: Das Recht auf Erfolglosigkeit. «Wir haben die ganze Spannbreite in unserer Gruppe – den Welterfolg von Stefan Kurt bis hin zum Leben von Christoph Eggimann, das er selbst als gescheitert bezeichnet», so Ribi. «Natürlich ergeben sich aus diesen Unterschieden Spannungen, Krach und laute Worte. Das halten wir aber aus, wir halten einander aus – und das seit bald einem halben Jahrhundert.»

Frauen hätten es schwierig gehabt, in diesem Gefüge einen Platz zu finden, erinnert er sich. Und trotzdem werden die Partnerinnen zu einem wichtigen Teil dieser Männer-Freundschaften: Man hütet einander die Kinder, tauscht Erziehungstipps aus und fährt gemeinsam in die Skiferien. «Wir sind Freunde fürs Leben», sagt Ribi. «Ich kann mir nicht vorstellen, was passieren müsste, dass es aufhört.»

Von den – mehrheitlich positiven – Reaktionen in Solothurn ist Ribi zum Teil überrascht. «Wenn die Menschen mir sagen, dass sie berührt wurden, dass wir Wichtiges über Freundschaften sagen, dass sie etwas mitnehmen konnten, dann freut mich das natürlich. Wir sind einander so nahe, wir können uns nicht vorstellen, wie das Gesagte auf andere wirkt. Uns fehlt die Vogelperspektive.» In diesen Tagen begleitet Ribi den Film durch die Schweiz. Angst vor Kritik hat er nicht. «Wenn sie nachvollziehbar, sorgfältig und fundiert ist, kann ich gut damit umgehen.» Was ihn stört – nicht nur, wenn es um die Bewertung von Filmen geht – ist das pauschale Abwerten, die «oberflächliche und reflexartige Empörung», wie er es nennt.

Die Jungs damals im Tscharnergut waren direkt und ihre Aussagen durchaus politisch. Wie steht es heute um die Jugend und ihr Engagement? Zuerst räumt Ribi mit einem Vorurteil auf: «Auch in den 70er- und 80er-Jahren waren es weniger als 10 Prozent, die auf die Strasse gingen.» Nach Jahren mit einem «apolitischen Loch» freut sich der Lehrer über ein «Erstarken des politischen Mitmachens und Einmischens». Der Klimastreik sei ein gutes Beispiel.

Das Engagement
Ribi selber ist all die Jahre politisch geblieben. «Ich begrüsse radikale Veränderungen, gerade in ökologischen Fragen, und bin bereit, dafür einen Preis zu bezahlen und an Komfort einzubüssen.» Als Beispiel nennt er die vor Jahren abgelehnte Verkehrshalbierungsinitiative. Doch auch im Kleinen setzt er sich ein. So hat er versucht, im Lehrerzimmer die Kaffeekapseln aus Aluminium durch Biokaffee ohne Verpackung zu ersetzen. Er ist gescheitert – und hat das akzeptiert. «Ich bin durchaus bereit für Kompromisse», sagt er.

Seine Überraschung hat es übrigens nicht in den fertigen Film geschafft. Was er sich für seine Freunde ausgedacht hat, das erzählt er sicher gerne beim Besuch in Biel.

Info: Stephan Ribi (1959) hat eine heil- und sozialpädagogische Ausbildung absolviert und war lange in Kinderheimen tätig. Nach Jahren in Schulen in Bern, arbeitet er nun seit sieben Jahren als Leiter der Schule Mühlefeld. Daneben hat Ribi Filme realisiert. Neben «Tscharniblues» zum Beispiel gemeinsam mit Bernhard Nick «Der Gegenwart», ein Portrait des Künstlers Carlo E. Lischetti, «Zwischentöne» oder «Tapetenwechsel». Ausserdem war er bei Werken von Dieter Fahrer mitverantwortlich. Ribi wohnt in Lobsigen.

Der Film
Fast 40 Jahre nach «Tscharniblues» bringt der junge Regisseur Aron Nick die Protagonisten von damals wieder zusammen und verbringt mit ihnen einige Tage in der Berner Hochhaussiedlung. Wie sind die Leben dieser Männer verlaufen? Konnten sie ihre Träume erfüllen? Wo sind sie gescheitert, was hätten sie sich anders gewünscht? Und was heisst das überhaupt: Freundschaft? Man hört ihnen gerne zu, diesen fünf unterschiedlichen Männern und so wird der knapp 90-minütige, mäandrierende Dokumentarfilm zu einem stimmigen Porträt und es fühlt sich fast ein wenig so an, als hätte man einen Abend mit Freunden verbracht. Einzig am Schluss verrennt sich Nick kurz und hadert mit einem konsequenten Ende.

Die Ticketverlosung
«Tscharniblues 2» wird in Anwesenheit von Regisseur Aron Nick und einiger der Protagonisten, darunter Stephan Ribi, am Donnerstag, 11. April, um 20 Uhr im Kino Lido in Biel gezeigt.
Das BT verlost 10 x 2 Tickets. Wer diese gewinnen möchte, der schreibt bis Sonntagabend eine Mail an verlosungen@bielertagblatt.ch. Nicht vergessen: den eigenen Namen und das Stichwort «Tscharni».
Von heute bis am Sonntag findet im Kino Rex in Bern ein «Tscharniblues-Festival» statt. Das Programm gibt es unter www.rexbern.ch.

 

Stichwörter: Film, Kino, Biel

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