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Film

Das Leben an einer Kreuzung

Dieter Fahrer hat den Film der Stunde gemacht: «Die vierte Gewalt» fragt
– kurz vor der No-Billag-Initiative – nach Sinn, Wert und Zukunft von Journalismus. Engagiert, subjektiv, sehenswert.

Symbolbild: Keystone

Selten hat ein Regisseur an den Solothurner Filmtagen so viel Applaus bekommen, noch bevor eine einzige Szene seines Films zu sehen gewesen ist. Als Dieter Fahrer am Samstagabend im Landhaus seine Bestandesaufnahme des Journalismus in der Deutschschweiz ankündigt, wird heftig geklatscht. Dies sicher auch deshalb, weil vor allem Journalisten im Publikum sitzen.

Fahrer verzichtet denn auch auf einen Werbespot in Sachen No Billag. Er stellt einzig eine rhetorische Frage: «Weiss jemand hier drinnen noch nicht, wie er am 4. März abstimmen wird?» Gelächter – und wieder Applaus.

 

Selbstverständnis und Haltung
Fahrer hat die Redaktionen von «Der Bund», «Watson», «Republik» und «Echo der Zeit» besucht, befragt und begleitet (und hinkt, das liegt in der Natur des Filmemachens, natürlich der Gegenwart bereits hinterher). Er hinterfragt Geschäftsmodelle und Sparkurse und zeigt, wie sich Klicks generieren lassen: Mit Cartoons über Menstruation, Tiervideos und – überraschenderweise – auch Bildern von Überwachungskameras an Strassenkreuzungen. Er lässt die Porträtierten über Selbstverständnis nachdenken und über Haltung sprechen. Er sinniert über den Verlust der Deutungshoheit der klassischen Tageszeitungen.

Als Klammer dienen seine Eltern, die aus der Wohnung in eine Altersiedlung umziehen, die zeit ihres Lebens eine Zeitung abonniert haben und die diese auch mal zum Einpacken von Rüstabfällen benutzen.

 

Sympathie und Nostalgie
«Die vierte Gewalt» verzichtet auf einen objektiven Zugang. Fahrer kommentiert den Wandel aus dem Off – mit klugen Bemerkungen und einiger Wehmut. Und er versteckt nicht, wem seine Sympathien gelten. Nostalgie ist herauszuhören, Trotz vielleicht gar, aber immer auch Hoffnung, wenn Fahrer sich wünscht, dass der klassische Journalismus nicht verschwindet, wenn das kritische Nachfragen und Recherchieren eine Zukunft hat.

Am Schluss dann doch noch Fahrers Werbung im vollen Saal: «Es wäre eine Katastrophe für alle unabhängigen Filmemacherinnen und Filmemacher in der Schweiz, wenn die Initiative angenommen würde.» Raphael Amstutz

 

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