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Niederschläge

Das Bombardement der kleinen Nägel

Vom Hagel, derzeit einem häufigen Wetterelement, finden sich Spuren nicht nur immer wieder in der Landschaft, sondern auch welche in der Sprache und in Bauernregeln. Eine Betrachtung.

Symbolbild: bt/a

Christophe Pochon

Hagel – immer wieder Hagel in diesem Sommer 2021. Den Bauern ist das Gemüse verhagelt worden, den Autofahrern ihr Gefährt. Ganze Strassenabschnitte und Gärten wurden mit einer kompakten Masse der gefrorenen Brocken aus den Wolken bedeckt.

Wenn der Himmel die Schleusen geöffnet hat und es wie aus Kübeln giesst, dann klatschen die Tropfen nur so auf Dächer und Simse. Das Ohr vernimmt ihr regelmässiges klopfendes Aufschlagen. In dieses gleichförmige Prasseln kann sich dann aber urplötzlich noch ein anderes Geräusch mischen, das eine merkwürdige Schärfe und Zuspitzung in das Rauschen bringt. Es hört sich an, als würden mit einem Mal Fensterscheiben und -vorsprünge mit einer Armada kleiner Nägel bombardiert. Der neugierige Blick nach draussen lässt erkennen: Unter die Bindfäden, die es da regnet, haben sich Klümpchen und Kügelchen aus Eis gemischt – es sind Hagelkörner. Wer unterwegs im Auto von ihnen überrascht wird, hört ihr metallisches Getrommel auf die Motorhaube und aufs Wagendach.

 

Störche erschlagen

Klümpchen, Kügelchen oder Körner: Wir denken dabei unwillkürlich an niedliche, winzig kleine Körper, die Körner des Getreides etwa, aber jene des Hagels dürfen keine Harmlosigkeit suggerieren. Sie können je nach Intensität des Niederschlags und ihrer Grösse gefährlich sein. Die Hagelkörner reichen in ihren Ausmassen von erbsengross über haselnussgross bis zu den in Kälte erstarrten, vergleichsweise riesigen Geschossen, die an Golf- oder Tennisbälle denken lassen. Die Klümpchen können also wahre Klumpen sein, die imstande sind, Lebewesen zu gefährden und zu töten. So fielen dem Hagel jüngst in Grossaffoltern etliche Störche zum Opfer. Welche Dimension die Hagelkörner – in einer Gewitterwolke vereiste und später herabgestürzte Wassertröpfchen – denn auch immer haben: Wenn sie, festgefügt, etwa eine grosse Gartenfläche oder, wie am letzten Wochenende, die Strecke der Autobahn A3 im Bereich Reichenburg SZ bedecken, dann gemahnen sie an Schnee; es ist dann, als wolle die Natur den Menschen im Hochsommer sagen: Der nächste Winter kommt bestimmt.

 

Schlossen und schlohweisse Haare

Mit Schnee hat denn auch die Abstammung eines Wortes zu tun, das die deutsche Sprache als Alternative, als Synonym zum Hagelkorn bereithält: die Schlosse. Unter anderem der mittelniederdeutsche Plural «slōten», Hagelkörner, ist verwandt mit dem englischen «sleet», das «Schneeregen» bedeutet. Allerdings ist die Schlosse als Wort kaum bekannt, aber dieser Ausdruck existiert und kann anstelle von «Hagelkorn» verwendet werden. In der Mehrzahl wird von «Schlossen» gesprochen. Es hat sogar ein Verb dazu: «schlossen», aber «hageln» scheint konkurrenzlos gebräuchlich zu sein. Zu diesem ganzen sprachlichen Beziehungsgeflecht gehört auch ein Adjektiv, mit dem gewöhnlich das Haar eines Menschen eindeutig beschrieben werden kann: schlohweiss (völlig weiss). Noch früher hiess das Eigenschaftswort gemäss Duden «schlossweiss,» was besagen wollte: weiss wie Schlossen.

 

Das Gilet des Niesens

Hagel und Schnee zusammen finden sich auch in einer alten Bauernregel. Sie lautet: «Gewitter um Bartholomä, bringen Hagel und Schnee.» Der Bartholomäustag am 24. August soll an Bartholomäus erinnern, einen Jünger Jesu und einen der zwölf Apostel, der den Märtyrertod erlitt.

Für die Bauern läute der 24. August das Ende des Sommers unter anderem mit dem Abschluss der Getreideernte ein, wissen Quellen im Internet. War es in der Vergangenheit nicht tatsächlich oftmals so, dass nach sehr heissen Wochen die Kraft des Sommers genau um jene Augusttage herum jeweils mit einem brachialen Gewitter gebrochen wurde?

Der Hagel ist auch unter den Niesensprüchen vertreten, die aus Wolkenformationen um den Thuner Hausberg, den Niesen, die Wetterlage voraussagen wollen (www.niesen.ch, Balken «Infos» anklicken). So etwa: «Hat der Niesen einen Hut, wird das Wetter wieder gut.» Oder aber eben: «Hat der Niesen ein Gilet, gibts Hagel bis zum Zeh.»

Ob letzterer Spruch jeweils einen Einfluss auf Touristen rund um den Berg hat, die mit einem Besuch seines Gipfels liebäugeln? Wie auch immer: Einen Ausflug irgendwohin können auch sintflutartige Regenfälle ganz ohne Hagel – verhageln. Wir brauchen dieses Verb nämlich oft im übertragenen Sinn und meinen damit «verderben», «kaputtmachen», «vermiesen», «verleiden» – gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich: zum Beispiel jemandem die Aussicht auf einen spannenden Tag verhageln oder einem Bürger die gute Stimmung durch den Entscheid eines Amtes … Den Betroffenen hat es dann die Petersilie verhagelt, sie sind dieser Redewendung gemäss niedergeschlagen, missgestimmt.

Und hageln in der Bedeutung von «hereinbrechen» – und zwar in dichter Menge – kann es Proteste, Fragen, Vorwürfe oder aber – meist mit üblen Folgen – Schläge. Aber ebenso vermag es Bestnoten zu hageln im Zeugnis oder bei der Beurteilung zum Beispiel einer Fussballmannschaft – demnach Topbewertungen gleich in Serie. Da hat das Wort «hageln» auf jeden Fall auch eine positive Stossrichtung.

Stichwörter: Kultur, Hagel, Natur, Wetter

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