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Theater

Aus dem Vollen schöpfen, in Leere baden

Halb Gruselmärchen, halb Gedicht: Der Saisonauftakt in Solothrun mit «Peer Gynt» ist fulminant, in seiner Fülle beinahe Überforderung. Aaron Hitz glänzt in der Mammutrolle des Peer und ringt dem Egomanen Zartgefühl ab.

Ein Käfig voller Narren, und mittendrin schreit Peer Gynt (Aaron Hitz). Bild: Joel Schweizer

Clara Gauthey

Zweiter Akt, fünfte Szene, Peer Gynt hängt da, wie tot – ein Jesus nach der Kreuzabnahme. Er hängt ohnmächtig in den Armen zweier geistig Verwirrter im Irrenhaus. Sie haben ihn zum Kaiser gemacht, vor seinen Augen hat sich ein Patient in derWahnvorstellung, eine Schreibfeder zu sein, die angespitzt werden muss, die Kehle durchtrennt. Peer mit der Dornenkrone, blutbespritzt – dies könnte der Schluss einer Leidensgeschichte sein, die uns fast drei Stunden lang unterhält. Aber nein, wir sind noch nicht durch mit diesem dichten, verzweifelten Menschenleben. Einem Leben, das aus dem vermeintlich Vollen schöpft und in Leere badet.

Es bleibt das Kreisen um die «Zwiebel-Frage»: Was ist mein wahrer Kern? Bin ich mehr als die Summe der Häute, der Masken, welche ich nach und nach abschälen und ablegen kann, nur um festzustellen, dass ich im Innersten hohl geblieben bin, verloren in Rollenspielen, Lügen, Hirngespinsten?

Schweiss, Kampf, Testosteron

Das ehemalige Ensemble-Mitglied Aaron Hitz (35) spielt seinen Peer Gynt schwitzend, kämpfend, testosteronschwanger mit dem Gemächt in der Hand. Als mitreissend schwadronierenden Aufschneider, der sich selbst der Nächste ist. Aber er spielt ihn ebenso als unsicheren, bemitleidenswerten, angeknacksten und verletzten Jungen, als Produkt eines abwesenden Vaters und einer überfürsorglichen, aber inkonsequenten Mutter, die ihm nicht recht beistehen kann. Der Patient Peer ist ein einsamer Streiter, gepeinigt von Ängsten, Süchten, Konventionen. Von den Dorfjungen verhöhnt, besitzt der Bauernsohn eine reiche Phantasie und eine zügellose Zunge, mit der er um Anerkennung ringt. Brillieren kann Hitz besonders in den teils düster-psychotischen oder resignierten Monologen. Aber auch die Schlittenszene mit Aase (Barbara Grimm) lässt uns schaudern: Peers Mutter Aase, die im Sterben liegt, reitet mit dem Sohn in den Tod, er nimmt sie mit auf eine imaginäre Schlittenfahrt zu einem Fest im fernen Palast, sie fürchtet sich wie das Kind vorm Erlkönig, bis sie sich schliesslich wie eines freut auf Kuchen und Tanz, sich ganz ihrem Sohn anvertraut – und stirbt.

Zwei, die nicht zusammenpassen

Hier wird vielleicht auch klar, wie die fromme Solveig und der lügenhafte Trunkenbold Peer überhaupt zusammenfinden konnten. Dieser Mann bringt eben, abseits seines ganzen egomanischen Hintertürchen-Geschwafels, doch Empathie mit. Auch gibt er Solveig das Wichtigste, was er hat: Den silbernen Glücksknopf hat er einst selbst gegossen. Antonia Scharl debütiert als Solveig mit einer sanften, fast kindlichen Naivität und Wärme, zugewandt und verklärt. Sie ist ein schöner Gegenpol zu Peer, der vielleicht nur durch sie die Kraft für all den Irrsinn hat, dem er nun frönt, lustvoll inszeniert von Katharina Rupp und dramaturgisch gefeilt durch Svea Haugwitz, welche hiermit ihr Debüt am Theater gibt. Im Traumland von Prinz Peer tummeln sich die wunderlichsten Wesen, stolziert ein menschlicher Pfau und grunzen animalische Tiermenschen, während allerlei düstere Stimmen und Gestalten das Gruselkabinett unserer Paranoia weiter befeuern.

Mutanten, sich selbst genug

Peer prügelt sich, trinkt die harten Sachen, geht Bergsteigen mit einer Braut, die er nach dem Sex loswerden will und lässt sich schliesslich durch die Wälder Norwegens («Norwegian Wood», ick hör dir trapsen) jagen wie einTier. Bei den neongrünen, wunderbar skurril ausstaffierten Trollen (verantwortlich für die grünen Perückenmutanten: Tanja Liebermann) saugt er dann auch noch das unglückselige Motto des «Sich-selbst-genug-seins» auf, nach dem die Trolle leben, das ihm aber in der unmoralischen Geschäftswelt durchaus zugute kommt. Nur nicht binden. Nur nicht verpflichten. Dann stimmt der Kurs. Vor allem aber schwängert er die Tochter des Trollkönigs (herrlich furchterregend und später ebenso verführerisch als tanzende Anitra: Atina Tabé). Das wird später das Leben mit Solveig verhindern, denn die Versetzte will sich rächen. Peer muss das Land verlassen und geht ins Exil, wo er in verschiedenen Sparten sein Glück sucht, mal als Waffenhändler auf dem Golfplatz, mal als Prophet, in einen Teppich gehüllt und herrlich schwankend zwischen ersten Anzeichen der Senilität und verbliebener Geilheit. Das Bühnenbild vonKarinFritz fügt der Hauptfigur ein eigenes Psychogramm hinzu. Wie durch ein breites Panoramafenster sehen wir düstere Wolkenprojektionen vorbeiziehen, dann jagt uns das Schnee-Feder-Flocken-Geriesel vor schwarzer Nacht eine Gänsehaut über den Rücken und Peers Dämonen ziehen als Schattenspiel vorbei. Wenn sich dann die Seitenmauern in Spiegelkabinette verwandeln, gibt es aus den klaustrophoben Räumen der Selbstbespiegelung kein Entrinnen mehr – ganz wie in einer Zwangsneurose. Aber noch hat Peer Gynt Kraft für ein paar Abenteuer mehr.Er wird sowohl dem Knopfgiesser (Daniel Hajdu) als auch dem irren Irrenarzt Begriffenfeldt (Anjo Czernich, der auch als Trollkönig glänzt) und dem Teufel (wandlungsfähig: Liliom Lewald)von der Schippe springen, bevor er als verbrauchter und mittelloser Alter in die Heimat zurückkehrt, wo Solveig wartet: «Hier harre ich dein, ich gab dir mein Wort, und wartest du droben, so sehn wir uns dort.»

Himmel, Hölle, Mülleimer?

Doch welches oben wird das sein? Die Zwiebel-Frage harrt einer Antwort. Was hat Peer Gynt am Leben vorbeigespült? Der Knopfgiesser sagt, Peer hätte «des Meisters Plan» befolgen müssen. Welcher Plan das sei, hätte er ahnen müssen. Nun aber taugt er, der «nur oberflächlich in der Sünde gepaddelt» hat, nicht einmal mehr fürs Höllenfeuer. Nur noch zum Einschmelzen beim Knopfgiesser wird es wohl reichen – der will nicht mehr von seiner Seite weichen.

 

 

 

Das Stück Peer Gynt:

Der Schwede Henrik Ibsen schrieb den Fünfakter innert neun Monaten in Italien, Edvard Grieg komponierte die Theatermusik, Uraufführung 1876. Inszenierung: Katharina Rupp

Spiel: Aaron Hitz, Atina Tabé, Barbara Grimm,Antonia Scharl, Liliom Lewald, Daniel Hajdu, Anjo Czernich, Alvise Lindenberger; Statisten: Salome Rickenbacher, Eva Schneider, Heston Graber, Michael Grotz, Noah Matter, Yaku Narquez Vorstellungen: Bieler Premiere Donnerstag, 19. September, 19.30 Uhr, danach in Biel bis 18. Oktober und Solothurn bis 16. November; Dauer: 2 Stunden 45 Minuten inkl. Pause gau

Stichwörter: Tobs, peer gynt

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