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Corona

Auf die Tröpfchen kommt es an

In diesen Tagen ist das Wort «Tröpfchen» in Texten, Diskussionen und Aufrufen an die Bevölkerung praktisch ausschliesslich in Kombination zu finden mit zwei anderen Wörtern: «Infektion» und «System». Die Tröpfcheninfektion mit dem Coronavirus soll durch das Tröpfchensystem für die Einkaufsläden eingedämmt werden.

Symbolbild: Keystone

Wenn von einer Tröpfcheninfektion gesprochen wird, ist sehr gut vorstellbar, wie ein Erkrankter beim Husten, Niesen oder Sprechen einen Schwall von schwebeleichten Tröpfchen mit klitzekleinen Krankheitserregern ausstösst, die dann von einem andern Menschen aufgenommen werden. Derzeit findet eine Invasion von Sekret-Tröpfchen mit Coronaviren in menschliche Organismen statt. Die Tröpfcheninfektion gilt als der hauptsächliche Ansteckungsweg der Coronaerkrankung.

Eine Wolke aus Viren
Zeichner stellen auf ihren Skizzen für Medien häufig eine kleine Wolke aus schwarzen oder grauen Punkten vor dem Gesicht eines Menschen dar, den Schwall an Corona-Tröpfchen symbolisierend. Das ist sehr plastisch und unterstreicht den Ernst der Lage. Fürs menschliche Auge ist diese geballte Ladung Tröpfchen in der Luft unsichtbar.

Das «Tröpfchen» weckt im Zusammenhang mit dem aggressiven Coronavirus nicht die Vorstellung von etwas Liebenswertem, Harmlosem, sondern im Gegenteil von etwas Beängstigendem: keine Vereinzelung wird da beschworen, sondern Menge, Masse, die schweres Leiden verursachen kann. Die Tröpfchen, die da ausgetauscht werden, sind hochaggressive giftige Spritzer, die nur darauf warten, ein neues Opfer zu finden.

Mehr Raum
Aber dann hat das «Tröpfchen» in der aktuell grössten Herausforderung für die Menschheit auch im gegenteiligen Sinne eine Bedeutung, in dem es die Gesundheit bewahren und eine Ansteckung vermeiden soll. Supermärkte funktionieren in diesen Tagen und Wochen nach dem Tröpfchensystem: Die Menschen werden nur vereinzelt, tröpfchenweise zum Einkaufen in die Läden gelassen; der Bund hat einen Richtwert von einer Person pro zehn Quadratmeter Ladenfläche angeordnet. Weniger Gedränge unter den Kunden heisst hier die Losung.

Ob das Tröpfchensystem die Tröpfcheninfektion nachhaltig eindämmen kann, ist ungewiss, wie so vieles im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Es ist diese ganz generelle Unsicherheit, diese Unberechenbarkeit, welche in dieser Krise so zermürbend ist und die Seele belastet. Immerhin erzeugen die Tröpfchen, mit denen das Einkaufsprozedere in diesem Ausnahmezustand beschrieben wird, eine gedankliche Verbindung zu winzigen, reinen, sauberen Wasserperlen, in denen sich nichts Schädliches befindet, und das ist doch schon mal gut.

Klein, aber oho
«Tröpfchen» ist grammatikalisch gesehen ein Diminutiv, ist die Verkleinerungsform von «Tropfen», wobei auch der Tropfen eine kleine Wassereinheit ist. Aber in der Vielzahl hat er Kraft, kann sich mit anderen zur Flut vereinigen und Felsen unterspülen, aushöhlen, zersetzen. Nicht von ungefähr heisst das Sprichwort: «Steter Tropfen höhlt den Stein». Nach diesem Motto versuchen Forscher im Wettlauf gegen die Zeit wirksame Medikamente gegen Covid-19 zu finden und einen Impfstoff. Das heisst, sie wollen mit Geduld und Hartnäckigkeit diese Gefahr, die im Moment unüberwindlich zu sein scheint, bändigen, wollen Covid-19 mit ihrem Können, ihrer Intelligenz «unterspülen», schwächen, zersetzen.

Wir dürfen darauf vertrauen, dass die Medizin Präparate gegen das Coronavirus finden wird. Sie werden mehr sein als ein Tropfen auf einen heissen Stein – werden also nicht wirkungslos verpuffen. Ob das Präparat dann auch in Tröpfchenform eingenommen werden kann, wird sich zeigen. Tröpfcheninfektionen wird es auf diesem Planeten weiterhin geben – mit ihnen müssen wir leben –, das aktuelle Tröpfchensystem wird hoffentlich bald aufgehoben werden können.

Christophe Pochon

Stichwörter: Coronavirus, Tröpfchen

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