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Vernissage

Alte Puppen zu neuem Leben erweckt

Die Textilkünstlerin Elsi Giauque war auch Betreiberin eines Marionettentheaters. Ein neues Buch dokumentiert nicht nur dieses, sondern auch ein Stück Schweizer Kulturgeschichte.

Ausdrucksstarke Figur: Der nach historischer Vorlage von Elsi Giauque geschnitzte Marionetten-Soldat. Bild: zvg / Stefan Hugentobler

Annelise Alder

«Das Marionettentheater gehorcht anderen Gesetzen und hat andere Wirkung als ein herkömmliches Theater.» Das sagte Elsi Giauque 1965 vor Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Biel. Sie, die damals bereits 65 Jahre alt war, versuchte damit ihre lebenslange Passion für die Puppe als «übersteigerte menschliche Gestalt» zu vermitteln.

Eigentlich war Elsi Giauque aber eine Textilkünstlerin. Ihr Handwerk hatte sie an der damaligen Kunstgewerbeschule in Zürich erworben. Später machte sich die Künstlerin einen Namen als Gestalterin von modernen Textilgeweben und als Pionierin von textiler Kunst.

Während des Studiums an der Zürcher Kunstgewerbeschule lernte Elsi Giauque auch ihren späteren Mann, den Innenarchitekten und Kunstmaler Fernand Giauque kennen. Mit ihm zog sie nach Ligerz oberhalb des Bielersees. Zusammen mit Fernand Giauque gründete sie im alten Weingut Festi ein Marionettentheater. Sie erfüllte sich damit einen lang gehegten ein Traum.

 

Fasziniert vom «Ganzheitserlebnis»
Mit dem Marionettentheater kam die Textilkünstlerin zum ersten Mal an der Kunstgewerbeschule in Kontakt. Ihre Lehrerin Sophie Taeuber-Arp hatte für die Aufführung von «König Hirsch» von Carlo Gozzi im Jahre 1918 die Entwürfe zu neuartigen abstrakten Marionetten geliefert und damit internationales Aufsehen erregt.

Elsi Giauque faszinierte von Anfang an dieses «Ganzheitserlebnis aus Wort, Form, Farbe, Bewegung, Musik und Licht», wie im neuen Buch mit dem Titel «Die Geschichte vom Soldaten» zu lesen ist. Wichtigen Anstoss für ein eigenes Marionettentheater gab eine Aufführung im selben Jahr, die Theatergeschichte schreiben sollte: «L’Histoire du Soldat» nach einer Dichtung des Waadtländers Charles Ferdinand Ramuz und mit der Musik von Igor Strawinsky.

Elsi Giauque hatte die Uraufführung des Werks am 28. September 1918 in Lausanne miterlebt. Ein für sie nachhaltiges Erlebnis. Denn die Rhythmen dieser einzigartigen Musik fanden einige Jahre später Widerhall in Linolschnitten, die sie als Gold- und Silberdruck auf Baumwollsatin umsetzte.

Im Jahre 1931 realisierte sie dann eine eigene Fassung der «Die Geschichte vom Soldaten», eingerichtet für Marionettentheater. Ihr Mann Fernand hatte dazu die stilisierten Puppen gedrechselt, die Künstlerin selbst kostümierte sie und lieferte das Bühnenbild. Der Komponist und Pianist Willy Burkhard sowie zwei befreundete Musiker spielten die von Strawinsky als Trio bearbeitete Version der Bühnenmusik. Die Uraufführung fand im Rahmen der Hyspa-Ausstellung 1931 in Bern statt.

 

Ligerz als Künstlerkolonie
Im Buch, das Karin Merazzi-Jacobson herausgegeben hat und das bei der Edition Clandestin erscheint, geht es um mehr als um die Dokumentation dieses Ereignisses und ihre Rekonstruktion viele Jahre später.

Dank zahlreichen Abbildungen von Originaldokumenten, Fotos, Arbeiten von Elsi Giauque und von Puppen, die nach den Originalen hergestellt wurden, ist ein Porträt einer faszinierenden Künstlerpersönlichkeit entstanden. Die im Buch versammelten Aufsätze dokumentieren zudem ein Stück Schweizer Kulturgeschichte. In Ligerz bildete sich ab den 30er-Jahren nämlich eine Künstlerkolonie. In die Nachbarschaft von Fernand und Elsi Giauque waren die Maler Walter Clénin und Traugott Senn sowie die Bildhauer Jakob Probst, Hermann Hubacher, Milo Martin und Gustave Piguet gezogen.

Anlässlich der legendären Herbstausstellungen im Fraubrunnenhaus in Twann und im Aarberghus in Ligerz wurde auch Musik zeitgenössischer Komponisten wie Arthur Honegger, Othmar Schoeck oder Albert Moeschinger aufgeführt. Auch Lesungen, etwa mit Otto Ziniker und Emil Schibli wurden veranstaltet. Natürlich gehörten zum damaligen reichen kulturellen Angebot auch Inszenierungen mit Marionetten. Aufgeführt wurde etwa «Das singende Knöchlein» auf Musik von Albert Moeschinger.

Auch nachdem die Ehe der Giauques auseinanderbrach, blieb die Festi ein künstlerischer Treffpunkt: In den 50er-Jahren fand der in finanzielle Not geratene Friedrich Dürrenmatt bei Elsi Giauque Aufnahme. Mit Dürrenmatts Anwesenheit erweiterte sich der Kreis der Festi-Gäste um Max Frisch oder Walter Muschg.

 

Aufwändige Rekonstruktion
Elsi Giauque verstarb im Jahre 1989. «Die Geschichte vom Soldaten» als Marionettentheater ging indes weiter.

Treibender Motor einer Neuauflage der historischen Aufführung von 1931 ist die Herausgeberin des Buches, Karin Merazzi-Jacobson. Die Linguistin und Musikerin hat die damals benutzten Marionetten im Aarbergerhus in Ligerz entdeckt.

Doch erwiesen sie sich als zu hinfällig, um nochmals zum Leben erweckt werden zu können. Sie entschied sich für eine historische Rekonstruktion der Aufführung von 1931. Der Weg dorthin erwies sich als äusserst aufwändig. Behilflich waren ihr Walter Zogg, der Kopien der originalen Puppen schnitzte. Alte Fotografien dokumentierten das Bühnenbild, auch die Tochter Pia Andry-Giauque unterstützte das Projekt.

Letztes Jahr kam es schliesslich zu einer Neuauflage von Elsi Giauques «Der Geschichte des Soldaten» für Marionettentheater. Das Buch, dass auch diese Geschichte erzählt und das heute Abend im Rahmen einer Vernissage im Neuen Museum Biel vorgestellt wird, erinnert zudem an die Uraufführung dieses einzigartigen Bühnenwerks von Igor Strawinsky vor genau 100 Jahren.

 

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«Die Geschichte
vom Soldaten»

- Buchvernissage: Heute um 18.30 Uhr im Neuen Museum Biel. Es sprechen Madeleine Betschart, Judith Luks, Karin Merazzi-Jacobson, Walter Tschopp sowie Bernadette Walter.

- Buch: Karin Merazzi-Jacobson (Hrsg.), «Die Geschichte vom Soldaten. Das Marionettentheater Festi-Ligerz von Elsi und Fernand Giauque. Die Inszenierung 1931 und die Neuaufführung 2017», DeutschFranzösisch/Englisch, 312 Seiten, inkl. DVD, Edition Clandestin 2018, 48 Franken. aa

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