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Alkoholtag

«Stress ist immer beeinflussbar»

Alkohol entspannt und ist ein beliebtes Mittel zur Stressreduktion. Der Psychiater Thomas Ihde erklärt die Gefahren dieser Entspannungsstrategie und warum es wichtig ist, Menschen auf ihr Alkoholverhalten anzusprechen.

Beliebtes Fluchtschema: Den Stress mit Alkohol ertränken. Bild: Keystone

Interview: Sarah King

Wer sich gestresst fühlt, findet mit Alkohol Entspannung. Welche Erfahrung machen Sie in Ihrer Praxis mit Menschen, die stresstrinken?

Thomas Ihde: Ich begegne im psychiatrischen Dienst häufig Menschen, die unter Stress leiden. Wir untersuchen dann zusammen, was bei ihnen Stress verursacht und wie sie ihn reduzieren. Auf Nachfrage erfährt man, dass Alkohol von vielen benutzt wird, von einigen zu viel.

Wirkt Alkohol tatsächlich stresslindernd?

Das ist effektiv so. Wie alle Suchtmittel aktiviert Alkohol im Gehirn das Belohnungszentrum: Endorphine werden freigesetzt, Botenstoffe, die schmerzlindernd, entspannend und leicht euphorisierend wirken. Das Problem ist: Das erste Glas Wein entspannt. Das fünfte hat jedoch fast nur noch negative Effekte. Es fällt schwerer, am nächsten Morgen aufzustehen, die Konzentration nimmt ab, was wiederum Stress verursacht.

Angenommen, die Arbeitsmenge verursacht Stress und lässt sich nicht reduzieren: Mit welchen Mitteln anstelle von Alkohol lässt sich Stress bekämpfen?

Freunde treffen, Fitness – es gibt viele Möglichkeiten, Alkohol ist nur eine davon, und sie ist gesellschaftlich akzeptiert. Gefährdet sind Menschen, die Stress nur noch über Alkohol abbauen. Wichtig ist: Stress ist immer beeinflussbar. Neben dem äusseren Stress wie dem grossen Arbeitsanfall gibt es noch den inneren Stress: Setzten wir uns zum Beispiel selbst unter Druck? Wollen wir allen alles recht machen? Bei Menschen, die unter Stress leiden, ist dieser Anteil relativ gross. Mit Alkohol wird er verstärkt statt angegangen.

Wo ist die Grenze zwischen Stresstrinken und Alkoholabhängigkeit?

Abhängig ist, wer mit körperlichen Entzugssymptomen wie Zittern und Schwitzen reagiert, wenn er einen Tag nichts trinkt. Eine Vorstufe davon ist das problematische Trinkverhalten. Hier ist Stress oft eine Triebfeder für den übermässigen Konsum. Die Leberwerte sind zwar unauffällig und man braucht nicht jeden Tag Alkohol. Trotzdem ist die konsumierte Menge längerfristig Besorgnis erregend. Über die Jahre kann sich schleichend eine Alkoholabhängigkeit entwickeln.

Wie reagiere ich nun, wenn ich merke, dass ein Freund zu viel trinkt?

Ich würde es ihm sagen und dabei die eigenen Gefühle betonen: «Ich mache mir Sorgen.» Wir reagieren mit Abwehr, wenn jemand den Finger auf einen wunden Punkt hält. Man darf nicht zu viel erwarten. Manchmal muss der Freund es mehrmals hören – etwas bleibt hängen. Für Angehörige ist es schwierig, das Thema anzusprechen. Sie können sich beraten lassen, zum Beispiel bei der Stiftung Berner Gesundheit. Diese hat auch einen Onlinetest, mit dem man sein Trinkverhalten anonym testen kann.

Sie beteiligen sich an «Signal A». Da wird medizinisches Personal geschult, problematisches Trinkverhalten zu erkennen und darauf zu reagieren. Braucht es dieses Projekt für Fachleute?

Die Gesundheitsund Fürsorgedirektion beauftragte die Stiftung Berner Gesundheit mit dem Projekt, weil Notfallzentren und Spitäler häufig mit Menschen in Kontakt kommen, die in alkoholisiertem Zustand einen Unfall haben. Ausserdem fragen sich die Leute oft selbst, ob ihr Trinkverhalten noch gesund ist. Spricht der Arzt sie nicht darauf an, fühlen sie sich darin bestätigt, dass ihr Konsum nicht schlimm ist. Im Verlauf des Projekts stellten wir fest, dass es vielen Ärzten schwerfällt, das Alkoholthema anzusprechen. Einerseits haben sie Hemmungen und fürchten die Reaktion, andererseits meiden sie das Thema auch wegen des Stigmas. In Folgeprojekten gehen wir deshalb die Stigmatisierung von Alkoholkranken an.

Zur Person


Thomas Ihde-Scholl ist Chefarzt der Psychiatrischen Dienste der Spitäler FMI AG. Zusammen mit der Stiftung Berner Gesundheit und dem Spitalnetz Bern war er als Vertreter des Spitals Interlaken am Konzept und an der Umsetzung des Projekts «Signal A» beteiligt und wirkt bei den Folgeprojekten mit.
 

Anonymer Test

Unter dem Motto «Alkohol gegen Stress – Stress gegen Alkohol» findet heute der Nationale Aktionstag Alkoholprobleme statt. Der Aktionstag wird von der Sucht Info Schweiz, dem Blauen Kreuz sowie weiteren Selbsthilfeorganisationen getragen. Er soll die Schweizer Bevölkerung sensibilisieren und das Thema Stresstrinken enttabuisieren. Informationen zu den Aktivitäten in Bern finden sich unter www.journee-problemes-alcool.ch, und den anonymen Test finden Sie unter www.mydrinkcontrol.ch.

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