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Sonderabfall

Radioaktivität bleibt unentdeckt

Dass das radioaktive Material aus Biel entdeckt wurde, ist ungewöhnlich. Nur wenige Deponien und Kehrichtverbrennungsanlagen in der Schweiz verfügen über entsprechende Kontrollsysteme.

Vorbildliche Deponie: in Teuftal wurde das radioaktive Material entdeckt. Bild: Stefan Anderegg

von Christian Zeier

Es war ein Zufall, der die Ge- schichte ins Rollen brachte. Am 9. November 2012 lieferte ein Lastwagen Aushub von der Bieler Autobahnbaustelle Brüggmoos in die Deponie Teuftal beim Wohl- ensee. Der Geigerzähler am Ein- gang reagierte, ein Alarm wurde ausgelöst. Kurz darauf führte der Hinweis zum Fund von radioakti- vem Material auf der Baustelle in Biel. Doch was, wenn da kein Gei- gerzähler gewesen wäre?

Frankreich ist strenger

Es ist nicht das erste Mal, dass in der Schweiz unerwartet radioak- tive Abfälle gefunden wurden. Und es ist nicht das erste Mal, dass der Zufall die Hand im Spiel hatte. Ein Problem, sagt André Herrmann, ehemaliger Präsident der Eidgenössischen Strahlen- schutzkommission. «Es fehlt die systematische Kontrolle.»

In Frankreich müssen sowohl Deponien als auch Kehrichtver- brennungsanlagen (KVA) sicherstellen, dass die von ihnen bearbeiteten Produkte nicht radioak- tiv sind. In Deutschland haben die KVA-Betreiber freiwillige Messungen beschlossen. Und in der Schweiz? Hier werden einzig Altmetallhändler zu Kontrollen verpflichtet. Rund die Hälfte der KVA besitzen keine Strahlen- messgeräte – bei den Deponien sieht es noch schlechter aus. Die Verantwortung, dass kein radio- aktives Material geliefert wird, obliegt einzig den Lieferanten.

Jod in der KVA verbrannt

Wird etwa versehentlich radioak- tives Jod aus einem Spital an eine Kehrichtverbrennungsanlage geliefert, kann das zu einer Strah- lenexposition führen. Denn im Vergleich zu den Deponien haben KVA den Nachteil, dass sie Abga- se und Abwasser produzieren – das radioaktive Material kann so in die Umwelt gestreut werden.

Laut Strahlenexperte Herr- mann habe man im Waschwasser der KVA in Basel über zehn Jahre hinweg mehrmals Tritium und ein bis zwei Mal radioaktives Jod registriert. Es kann davon ausge- gangen werden, dass ähnliche Vorfälle in Verbrennungsanlagen ohne Messgeräte stattfanden – ohne dass sie registriert wurden.

Unmittelbare Schäden seien dabei zwar nicht zu befürchten, stellt André Herrmann klar. Aber: «Wir müssen jede unnötige Strahlenexposition der Bevölke- rung verhindern».

Dass der Bund bis heute die Eingangskontrollen nicht ver- bessert hat, ist laut Strahlenex- perten eine Kosten-Nutzen-Ab- wägung. Lange Zeit sei man da- von ausgegangen, dass der Auf- wand für die Kontrollen in keinem Verhältnis zu den möglichen Gefahren stünde. «Dann aber hat ein Umdenken stattgefunden.»

Nach mehreren Vorfällen mit radioaktivem Material hat die Eidgenössische Strahlenschutz- kommission KSR 2011 eine Risi- koabschätzung verfasst. Das Fa- zit: Bei der Verbrennung radioak- tiver Abfälle können «inakzep- table Risiken» entstehen. Die Empfehlung: Alle Schweizer KVA sollten mit Strahlenmesstoren ausgerüstet werden.

Viele Anlagen hätten bereits jetzt aufgerüstet, sagt Robin Quartier, Geschäftsführer des Verbands der Schweizerischen Abfallverwertungsanlagen. «In der Praxis haben wir das Problem weitgehend im Griff». Man rechne aber damit, dass die gesetzliche Regelung bald komme – insbesondere, da die Kontrolle durch den kommenden Rückbau der AKW noch wichtiger werde.

Der Zwang kommt 2016

Tatsächlich zeichnet sich drei Jahre nach der KSR-Publikation eine Lösung ab: Auf Anfrage be- stätigt das Bundesamt für Ge- sundheit, dass die Messpflicht für KVA in die aktuelle Überarbei- tung der Strahlenschutzverord- nung einfliesst. Geht alles nach Plan, gilt sie ab Anfang 2016. In- nerhalb von zwei Jahren müssten dann die Verbrennungsanlagen ohne Messgeräte nachrüsten. Zu- dem kann das BAG grössere und gefährdete Deponien zur Aufrüs- tung verpflichten.

Was das für den Kanton Bern bedeutet, ist noch unklar. 2011 verfügten von den sieben KVA im kantonalen Dispositiv nur jene in Bern, Thun und Emmenspitz über entsprechende Messan- lagen. Jene in Biel, La-Chaux-deFonds, Colombier und Posieux hatten keine. Heute ist die Situa- tion unübersichtlich: Der Ver- band der Abfallverwertungsanla- gen führt keine Statistik; das BAG weiss noch nicht, wer nachrüsten muss; und beim Kanton wollte man zurückrufen, liess es dann aber doch sein.

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