Sie sind hier

Abo

St-Imier

Juristische Posse um Frau aus dem Berner Jura beendet

Pauline Emma Sunier, 1865 in St-Imier geboren, ist für verschollen erklärt worden. Nach einer skurrilen juristischen Ehrenrunde fällt ihr Erbe an den Kanton Bern.

Symbolbild: Pixabay

Letzte Woche ist Pauline Emma Sunier aus dem Berner Jura endlich zur ewigen Ruhe gekommen. Jedenfalls in einem juristischen Sinne. Tot ist Frau Sunier nach menschlichem Ermessen nämlich längst. Wurde sie doch am 18. Juli 1865 in St-Imier geboren, also vor über 153 Jahren. Erst nach Ablauf einer einjährigen Wartefrist aber, in der beim Regionalgericht des Berner Jura keine Angaben über Frau Suniers Verbleib eingetroffen sind, ist sie letzte Woche nun offiziell für verschollen erklärt worden. Das bestätigt auf Anfrage Gerichtssprecherin Cristina Breijo.

Offizieller Entscheid nötig
Konkret geht es um eine Hinterlassenschaft. Nun kann aber juristisch betrachtet nur etwas vererben, wer offiziell nicht mehr lebt. Für Pauline Emma Suniers Ableben fehlt jeder Beweis. «Ein langer zeitlicher Ablauf ist noch kein amtlicher Beleg für den Tod», erklärt die Gerichtssprecherin. Erst die Auffindung einer Leiche, ein Eintrag ins Zivilstandsregister oder wahrscheinliche Todesumstände wie ein Flugzeugabsturz machten einen Tod offiziell, sagt sie. Diese skurrile juristische Differenzierung hat Pauline Emma Suniers amtliche Existenz nun weit über ihren Todeszeitpunkt hinaus verlängert.

Damit Erbfragen trotz unbestätigtem Tod geklärt werden können, sieht Artikel 550 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches vor, dass eine Person nach einer einjährigen Meldefrist für verschollen erklärt werden kann. So wurde denn im Januar 2018 im «Amtsblatt des Kantons Bern» im Falle von Pauline Emma Sunier ein sogenanntes Verschollenerklärungsgesuch publiziert. Dort wurde auch juristisch überkorrekt vermerkt, dass Frau Suniers Wohnsitz unbekannt sei – was sich bei einer vor 153 Jahren Geborenen eigentlich von selbst versteht.

Nach Ablauf der Meldefrist gilt Frau Sunier zwar nicht offiziell als tot, aber immerhin als rechtskräftig verschollen. «Eine Verschollenerklärung erlaubt es, Rechte auszuüben, die jenen im Todesfall entsprechen», erklärt Cristina Breijo. Im konkreten Fall bedeutet das, dass das Erbe einer gewissen Hélène Bovay aus dem Waadtland endlich an Pauline Emma Sunier weitergeht. Weil Sunier ohne bekannte Nachkommen ist, fällt ihr Erbe von Amtes wegen nun an ihre Heimatgemeinde. Und weil die verschollene Frau keine solche mehr hatte, erbt nun laut Gerichtssprecherin Breijo der Kanton Bern das, was Frau Sunier hinterlässt.

Wer die ominöse Frau Bovay aus dem Waadtland ist und ob sie nun dem Kanton Bern via Pauline Emma Sunier eine hübsche Summe oder gar Immobilien vermacht, dazu kann Cristian Breijo nichts sagen. «Das Regionalgericht ist nur für die Klärung der Verschollenheit zuständig», macht sie deutlich.

Pauline Emma Suniers Spur könnte sich übrigens in der Emigration verloren haben. Vor einem Jahr schrieb das «Journal du Jura» nämlich, dass der Familienname Sunier im bernjurassischen Dorf Nods verbreitet sei und dass Träger dieses Namens im 19. Jahrhundert vor dem Hunger und der Armut im Jura nach Südamerika flohen. Eine Pauline Emma Sunier fehlt aber unter den damals registrierten Auswanderern. Stefan von Bergen

Nachrichten zu Kanton Bern »