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Kriminalität

«Hallo! Ich habe schlechte Nachrichten»

Im Kanton Bern häufen sich Fälle von erpresserischen Mails. Die Betrüger versuchen, die Opfer mit angeblichen Videos unter Druck zu setzen, die beim Besuch einer Pornoseite mitgeschnitten wurden.

Internetbetrüger wenden eine neue Erpressermethode an. Bild: Pixabay

Michael Bucher

Der Verfasser der E-Mail kommt ohne grosse Einleitung zur Sache: «Hallo! Ich habe schlechte Nachrichten für dich», steht da. Er habe das Konto gehackt und nun Zugriff auf sämtliche Kontaktdaten des Angeschriebenen. Dies sei nach dem Besuch einer infizierten «Website für Erwachsene» geschehen. Nun habe er, der anonyme Schreiber, Kontrolle über den Computer. Furchteinflössend wird nachgeschoben: «Ich habe dich jetzt seit ein paar Monaten beobachtet.»

Dank der Laptop-Kamera verfüge er über kompromittierende Bilder. «Ich habe ein Video gemacht, das zeigt, wie du befriedigst dich», steht in holprigem Deutsch. Bedrohlich schreibt der Hacker: «Mit einem Mausklick kann ich dieses Video an alle Ihre E-Mails und Kontakte in sozialen Netzwerken senden.» Um dies zu verhindern, solle man 323 Euro an eine bestimmte Bitcoin-Adresse transferieren. Die Zeit dafür: 48 Stunden. Hämisch gibt der Erpresser am Schluss noch den Tipp, einen besseren Virenschutz zu installieren.

Nur leere Drohungen
Solche und ähnlich lautende Mails sind derzeit im Kanton Bern vermehrt im Umlauf. Auch die Redaktion dieser Zeitung ist betroffen. Bis letzten Freitag gingen bei der Kantonspolizei Bern diesbezüglich rund 30 Meldungen ein, wie Kapo-Mediensprecher Dino Dal Farra mitteilt. Effektiv bezahlt habe von den Betroffenen jedoch niemand. Nicht nur im Kanton Bern sind die Betrüger aktiv, auch anderswo in der Schweiz haben sich solche Fälle in letzter Zeit gehäuft. Erst letzte Woche meldete die Kantonspolizei Solothurn eine Zunahme und mahnte zur Vorsicht. Auch auf diversen deutschen Onlineportalen wird vor der perfiden Betrugsmasche gewarnt. Überall erhält man denselben Tipp: Bloss nicht zahlen und die E-Mail löschen.

Bei den Erpressermails handelt es sich um eine spezielle Variante von Sextortion (siehe Infobox). Im Gegensatz zu anderen Fällen dieser Kategorie werden hier lediglich «leere Drohungen» verschickt, sagt Laura Brand von der Schweizerischen Kriminalprävention – einer interkantonalen Fachstelle. Der Computer wurde also weder gehackt, noch gibt es kompromittierende Videos. Bei dieser Spam-Methode werden die Mails willkürlich an einen grossen Personenkreis versendet. «Die kriminellen Absender haben die Hoffnung, dass sich unter den Empfängern Personen befinden, welche sich in letzter Zeit Pornos angeschaut haben, durch die Androhung eingeschüchtert werden und deshalb zahlen», sagt Brand.

Über die Betrüger ist gemäss Kantonspolizei Bern noch nicht viel bekannt. Offensichtlich ist aber, dass die Täter aus dem Ausland operieren. Sie gehen dabei äusserst gerissen vor. «Für die Kriminellen ist das Tabuthema Sex ein beliebtes Mittel, ihre Opfer zu erpressen», sagt Brand. Zudem werde mit der kurzen Zahlungsfrist hoher Zeitdruck aufgebaut. Dass die Erpresser die Überweisung in einer virtuellen Währung fordern, überrascht nicht: «Bitcoins sind ein beliebtes Zahlungsmittel von Kriminellen», schreibt Watchlist Internet, eine unabhängige Informationsplattform zu Internetbetrug. Für die Ermittler sei es oft schwer, den Weg des Geldes zu verfolgen, wenn in Bitcoin gezahlt wurde.

Was bei den Adressaten der Erpressermails für zusätzliche Verwirrung sorgt: Die Mails werden einem scheinbar von der eigenen Adresse aus zugeschickt. Dies soll suggerieren, dass das Konto gehackt wurde. Dem ist jedoch nicht so. «Mail-Spoofing» nennt sich dieses Vorgehen. Indem die Erpresser die Mailadresse des Empfängers in das Absenderfeld eintragen, verschleiern diese die wahre Identität und können so sicher sein, dass ein Spamfilter die E-Mail nicht blockiert. Mail-Spoofing lässt sich gemäss diversen Informationsplattformen zu Internetbetrug kaum verhindern. Das mag lästig sein, ist jedoch ungefährlich.

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Die gängigsten Fälle von Sextortion
Der Begriff Sextortion setzt sich aus «Sex» und «Extortion» (engl. «Erpressung») zusammen. Bei der jüngsten Welle von Erpressermails (siehe Haupttext) kann zwar übergeordnet auch von Sextortion gesprochen werden, doch nur in der Form von Spam, weil es sich bloss um leere Drohungen an willkürlich ausgewählte Personen handelt. Die Betrüger bleiben bei Angaben zu einem angeblichen Video vage und können dieses auch nicht vorweisen.
In den gängigen Fällen von Sextortion haben die Erpresser tatsächlich belastendes Material in der Hand. Bei einer weit verbreiteten Methode erhalten die meist männlichen Opfer von einer unbekannten attraktiven Frau eine Freundschaftsanfrage auf Facebook oder eine Einladung auf einem Datingportal. «Dort bringt sie das Opfer dazu, sich zu entblössen, zu masturbieren oder anzüglich zu posieren», wie die Schweizerische Kriminalprävention auf ihrer Website schreibt. Die unbekannte Schönheit macht jeweils den ersten Schritt, indem sie sich ebenso entblösst. Ohne dass es die Zielperson bemerkt, werden alle ihre Handlungen während des Videochats aufgezeichnet.
Bei einer weiteren Form von Sextortion wird der Computer von Personen, die auf präparierten Websites mit pornografischen Inhalten surfen, mit einer schädlichen Software infiziert. Diese aktiviert die Webcam und filmt die ahnungslosen Opfer während ihres Pornokonsums. Die Betrüger schicken die kompromittierenden Filme an das Opfer und drohen mit der Veröffentlichung. mib

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