Sie sind hier

Kanton Bern

Glashütte von Court: Die letzten Geheimnisse wurden gelüftet

Der Archäologische Dienst des Kantons Bern hat im Zusammenhang mit dem Bau der N16 einmalige Funde zum Vorschein gebracht, die im europäischen Raum noch nie in einem solchen Umfang untersucht worden sind.

Glashütte, teilweise Nachstellung auf der Grundlage der archäologischen Funde. Copyright: Archäologischer Dienst des Kantons Bern, Max Stöckli

Das Ergebnis der interdisziplinären Auswertungen einer Gruppe von 23 Fachleuten liegt nun vollständig in einer vierbändigen Buchreihe vor. Die beiden letzten Bände wurden soeben veröffentlicht, und eine Informationstafel erinnert mittlerweile an den Standort der Glashütte.

Die Arbeiten im Zusammenhang mit der grössten archäologischen Rettungsgrabung auf der bernischen Seite der Transjurane sind nun abgeschlossen. Die Grabungen, die zwischen 2000 und 2004 auf dem Gelände einer ehemaligen Glashütte stattfanden, erstreckten sich über 7000 m2. Nötig wurden sie, weil das riesige Lager für das mit dem Autobahnbau anfallende Aushubmaterial die Reste der ehemaligen Glashütte bedrohte. Insgesamt fünf Grabungskampagnen brachten die Produktionsgebäude sowie deren Schmelzöfen, einen Teil der Arbeiterwohnräume sowie weitere Strukturen zutage.

Die Glashütte – die dritte, die sich in Court niedergelassen hatte – war von 1699 bis 1714 in Betrieb. Die interdisziplinären Forschungsarbeiten der von Christophe Gerber geleiteten Gruppe haben Licht in die verschiedenen Produktionsstätten, in die vielfältigen und damaligen Techniken sowie in die Kenntnisse der Glasbläser (namentlich in Bezug auf die Öfen und die Rezepturen) gebracht. Hinter den Handwerkern standen Frauen, Männer und ganze Familien, die ganz zur Freude heutiger Forscherinnen und Forscher zahlreiche Gegenstände und Zeugnisse ihres Alltags hinterlassen haben (Gläser, Töpfe, verschiedene Werkzeuge und Instrumente, Münzen, Heiligenmedaillen und vieles mehr).

Informationstafel und Flyer
Dank der Unterstützung der Abteilung Nationalstrassenbau N16 des Tiefbauamts konnte der archäologische Dienst des Kantons Bern auf dem Lagergelände Anlagen erstellen, die an die Überreste erinnern. Die eigentliche Glashütte sowie zwei Wohngebäude sind durch kalkumrahmte Terrassen dargestellt. Sie befinden sich am Fundort, jedoch einige Meter weiter oben, weil das ganze Gelände massiv aufgefüllt worden ist. Eine Informationstafel gibt Auskunft über die archäologischen Entdeckungen. Sie liegt auf einer Erhebung, die an den Schmelzofen erinnert, der sich hier befand. Ausserdem wurde ein Flyer mit Informationen zum Gelände veröffentlicht.

Abschluss der Publikationsreihe
2010 und 2012 erschienen die ersten beiden Bände, die den Funden sowie den Rohstoffen und Produktionstechniken gewidmet waren. Die durch den Archäologischen Dienst des Kantons Bern herausgegebene Serie «Court, Pâturage de lʼEnvers. Une verrerie jurassienne du début du 18e siècle» wird mit der Veröffentlichung der Bände 3 und 4 abgeschlossen. Sie behandeln den grössten Teil des Fundmaterials: Band 3 (auf Deutsch) die Kühl- und Haushaltskeramik, Band 4 (Beiträge auf Deutsch oder Französisch) die Glasgegenstände sowie Artefakte aus Stein, Metall, Knochen usw.

In Band 3 wurden zwei Gruppen von Keramik untersucht: Die erste ist technischer Art und umfasst alle Behälter, die dem Abkühlen der frisch geblasenen Gläser dienten. Die zweite Gruppe umfasst das Geschirr, das von den Gläserfamilien verwendet wurde: Teller, Schüsseln, Schalen und Platten. Besonders interessant ist die Vielfalt an Formen, Verzierungen und Arten der Töpferwaren. Einige stammen mit Sicherheit aus Bonfol, andere wiederum wurden in der Region hergestellt, vielleicht auf solothurnischem Boden.


Fläschchen, Phiolen, Töpfchen, Becher, Gläser und weitere Glasgegenstände, die in Court, Pâturage de l’Envers, gefunden wurden, Copyright: Archäologischer Dienst des Kantons Bern, Badri Redha.

Band 4 ist den nichtkeramischen Funden gewidmet (mit Ausnahme der Tonpfeifen). Er behandelt nebst den Gegenständen aus Glas (Behälter, Trinkgefässe, verschiedene Artefakte) und Metall (Instrumente, Werkzeuge, Schmuck) Münzen und religiöse Medaillons, Tonpfeifen und Tierknochen. Dank dieser Gegenstände erhält man Einblick in den Alltag der zum Teil ausländischen Familien, die sich Anfang des 18. Jahrhunderts in Court niedergelassen haben.

Beispiele von Hauskeramik aus dem Wohnbereich der Glashütte, Copyright: Archäologischer Dienst des Kantons Bern, Badri Redha.
 

Nachrichten zu Kanton Bern »