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Titelgeschichte

Von der Killerlarve zum süssen Wurm

Das Glühwürmchen verbringt den grössten Teil seines Lebens als Larve. Ausgewachsen, verbleibt ihm bloss ein einziger, kurzer Sommer. Im Seeland ist der Käfer eher selten anzutreffen.

Mit ihrem leuchtenden Unterbauch locken Glühwürmchenweibchen die herumschwirrenden Männchen an. Bild: zvg/Pro Natura

Als «Tier des Jahres» ist das Glühwürmchen quasi der Chef der Tierwelt 2019. Der Verband Pro Natura führt diese Wahl jeweils durch. Er hat dem Glühwürmchen zu Ehren ein Spezial-Magazin herausgegeben. Darin wird das Insekt als «lebendige Leuchtreklame» bezeichnet, und zwar für die Biodiversität. Denn da, wo das Glühwürmchen leuchtet, ist diese gegeben.

Das Glühwürmchen hat nämlich gewisse Ansprüche, die erfüllt werden müssen, damit es sich wohlfühlt und aufleuchtet. Der wichtigste ist heutzutage auch der schwierigste: Dunkel muss es sein. Wer in seinem Garten die Tierchen beobachten möchte, sollte somit auf Laternen verzichten. Chancen auf eine Sichtung gibt es auch am Waldrand, an Gewässern, entlang von Hecken, in Feuchtgebieten oder schlicht am Wegesrand.

Interessierte müssen sich aber noch eine Weile gedulden, ehe das grüngelbe Leuchten der paarungsbereiten Weibchen in der Natur zu beobachten ist. Noch leben sie als Larven. Sobald sie geschlüpft sind, machen sie sich, erst millimetergross, ans Fressen. Auf dem Speiseplan stehen Schnecken. Glühwürmchen-Experte Stefan Ineichen beschreibt im erwähnten Pro-Natura-Magazin eindrücklich, wie sie diese vertilgen: «Sie verfolgen die Schleimspur von vorerst noch kleineren Häuschen- und Nacktschnecken, spritzen durch wiederholte Bisse mit ihren gebogenen Mundwerkzeugen, die Injektionsnadeln ähneln, Gift in den Nacken ihrer Opfer, bis diese tot oder zumindest gelähmt sind. Dann geben sie ein Verdauungssekret ab, schlürfen den Schneckenbrei ein und reinigen sich die verklebte Mundpartie nach der Mahlzeit mit einem borstenartigen Organ am Körperende.»

So fressen sie sich durch, bis der Winter kommt und die Schnecken nicht mehr aktiv sind. Dann suchen sich auch die Larven einen geeigneten Ort für die Winterruhe. Im Frühling geht das grosse Schneckenmorden weiter. Je nachdem, wie viel Nahrung sie finden, überwintern sie ein zweites oder gar ein drittes Mal. Meist im Juni oder Juli, manchmal aber auch früher oder später, verpuppen sich die Larven, und nach sieben bis zehn Tagen schlüpft ein ausgewachsenes Glühwürmchen aus der Hülle.

Weibchen locken mit dem Licht
Nun wird es magisch: Wenn sie geschlechtsreif sind, setzen sich die Weibchen in Bodennähe ins Grüne und recken die Unterseite ihres leuchtenden Hinterleibs in die Höhe, um Männchen anzulocken. Der Effekt, dass Tiere oder auch Pflanzen von selber leuchten können, wird Biolumineszenz genannt. Stefan Ineichen: «Sie präsentieren ihre Leuchtorgane, wo in einem biochemischen Prozess Licht freigesetzt wird, abgestrahlt durch die transparente Bauchhaut und verstärkt durch eine als Reflektor wirkende Schicht von Salzkristallen hinter den Leuchtzellen.»

Beim Grossen Leuchtkäfer, wie das hierzulande am häufigsten gesichtete Glühwürmchen heisst, können die Männchen nicht leuchten. Sie schwirren mit riesigen Augen durch die Gegend und suchen paarungsbereite Weibchen, die wiederum nicht fliegen können. Haben sich zwei gefunden, dann erlöscht das Licht des Weibchens. Wenige Stunden nach der Paarung legt das Weibchen seine Eier ab – bis zu 80 Stück – und stirbt. Das Männchen schwirrt weiter und stirbt wenige Wochen später. Soweit der kurze Sommer der ausgewachsenen Glühwürmchen.

Ist das Seeland Brachland?
Auf www.gluehwuermchen.ch können Fundorte der Glühwürmchen gemeldet werden. Im Gegensatz zur Ostschweiz scheint das Seeland beinahe Brachland zu sein. Es wurden einzig einige Sichtungen aus Biel gemeldet, einige auf der St. Petersinsel, einige um Ferenbalm/Mühleberg sowie eine aus Le Landeron. Interessanterweise wurden abgesehen von den erwähnten Orten vom Bielerseeufer keine Meldungen gemacht, während es am Nordufer des Neuenburgersees von Glühwürmchen zu wimmeln scheint. Ob das daran liegt, dass die Website im Seeland noch zu wenig bekannt ist?

Einer, der die Website kennt, weil er selbst schon als Journalist über das Glühwürmchen berichtete, ist Hansjakob Baumgartner. Der Berner übernachtet mit seiner Familie jedes Jahr auf der Petersinsel, und hat dort, auf einer Weide zwischen Hotel und Nordländte, bereits mehrere Male Glühwürmchen beobachten können.

Viele Glühwürmchen im Mösli
Während Baumgartner lediglich vereinzelt Exemplare zu Gesicht bekam, waren vor zwei Jahren in Biel dutzende Glühwürmchen zu bewundern, und zwar auf der wilden Blumenwiese im Mösliquartier (blumengeschichten.ch). Katja Blahak entdeckte die Insekten zufällig, weil sie es mag, spätabends zu arbeiten. Sie informierte sich  über das Glühwürmchen und gab ihr erworbenes Wissen an zwei Abenden an interessierte Besucher weiter.

Blahak gehört zum Team des Gemeinschafts-Blumengartens, dessen Ziel es ist, eine möglichst grosse Biodiversität zu schaffen: Die rund 120 Blumensorten werden jedes Jahr speziell ausgewählt, um verschiedene Arten von Schmetterlingen und Raupen zu ernähren. Sie können auch gepflückt werden und erfreuen zudem das Auge der Besucherinnen und Besucher.

Während Katja Blahak vor zwei Jahren auch in ihrem eigenen Garten einige Glühwürmchen entdeckte, sah sie letztes Jahr kein einziges. «Vermutlich war es ihnen zu warm», sagt sie. Sie habe bei diversen Insektenarten einen Schwund festgestellt, während andere den heissen Sommer scheinbar schadlos überstanden hätten. Den Glühwürmchen aber schien die Nahrung zu fehlen: «Es gab letztes Jahr auch deutlich weniger Schnecken als sonst.»

Warum aber fühlen sich die Glühwürmchen in diesem städtischen Blumenfeld so wohl? «Bei uns finden sie ausreichend hohes Gras, unter das sie kriechen können», sagt sie. Weil gewisse Stellen der Wiese, die zirka ein halbes Fussballfeld gross ist, lediglich ein- bis zweimal pro Saison gemäht würden, könnten die Larven dort ungestört leben und auch überwintern. Elektrische Rasenmäher oder auch Fadenschneider betrachtet die Blumenexpertin dagegen als Tod, nicht nur der Glühwürmchen, sondern jeglichen Insektenlebens. Wie der heurige Sommer für die Glühwürmchen wird, wird sich zeigen: Interessierte können das Blumenfeld jederzeit besuchen. Andrea Butorin

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Grosser Leuchtkäfer
- Lateinischer Name: Lampyris noctiluca
- Ordnung: Käfer
- Familie: Leuchtkäfer
- Gattung:Lampyris
- Verbreitung: Der Grosse Leuchtkäfer lebt in Mitteleuropa. In der Schweiz taucht zudem der Kurzflügel-, der kleine und der italienische Leuchtkäfer auf
- Besondere Merkmale: Beim Weibchen der leuchtende Unterkörper während der Paarungszeit. Die Männchen fliegen während der Paarungszeit mit grossen Augen auf der Suche nach Weibchen umher
- Lebensraum: Weg- und Waldränder, Krautsäume, entlang von Hecken, an Gewässern, in Feuchtgebieten, in Obstgärten, in eher mageren Wiesen
- Nahrung: Die Larven fressen Schnecken. Ausgewachsene Glühwürmchen nehmen keine Nahrung zu sich
- Fortpflanzung: Im Sommer werden die Eier max. zwei bis drei Tage nach der Paarung abgelegt, anschliessend stirbt das Weibchen ab

Quelle: Sternlein am Waldrand: Das Glühwürmchen. Pro Natura Magazin Spezial 2019.

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