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Sodom und Gomorrha und Biel

Es ist ein Reflex: Werden die Bewohner und Bewohnerinnen der Schweiz von Leuten aus anderen Ländern ungerechtfertigt in ein schlechtes Licht gestellt, dann verteidige ich das Heimatland.

Bild: Niklaus Baschung

Niklaus Baschung

Ich bin selber erstaunt, wie viel Positives mir einfällt. Dabei könnte ich selber viel fundiertere Kritikpunkte an der eigenen Gesellschaft anbringen als solche Schlechtmacher.

Derselbe Automatismus läuft auch bezüglich der Stadt Biel ab. Nach drei Jahrzehnten als Arbeitsort ist mir diese Stadt ans Herz gewachsen, obwohl mir manche Entwicklungen alle Haare zu Berge stehen lassen. Auf das in der Schweiz, ja selbst bei Bielern und Bielerinnen selber, beliebte Stadt-Biel-«Bashing» habe ich mittlerweile eine Art Allergie entwickelt. Und die löst Überreaktionen aus. Schon eine unscheinbare Statistik, wie sie letzte Woche veröffentlicht wurde, bringt mich in den Verteidigungsmodus. Die angesprochene Statistik zeigt auf, dass in Biel im Vergleich zu anderen grösseren Berner Städten viel mehr Parkbussen verteilt werden. Pro Jahr gibt es in Biel mehr Parkbussen als Einwohner, während etwa in Köniz nur jeder fünfte statistisch gesehen ein Parksünder ist. Aber im Ernst: Gibt es in diesem Köniz überhaupt Parkplätze?

Und wurde bei der Erhebung der Daten auch der Wohnort der Gebüssten berücksichtigt? Die Wahrscheinlichkeit ist jedenfalls gross, dass viele dieser Verstösse von Nichtbielern begangen wurden. Ganz sicher aber von Zürcher Journalisten, welche die Seelandmetropole in ihren Medien gerne als aktuelles Sodom und Gomorrha, als einen wahren Sündenpfuhl darstellen, als einen Ort wie die Bronx in New York, nur viel krimineller. Zum Beweis dieses Bildes fahren die extra nach Biel – zum Falschparkieren. Das ist denen zuzumuten. Die reisen doch nicht nach Köniz, um dort eine Parkbusse zu erhalten? Oder nach Thun? Nein, hören Sie auf damit!

Biel ist bei Bussen im sogenannt rollenden Verkehr (etwa nach Überfahren eines Rotlichts oder Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung) ebenfalls kantonalbernischer Spitzenreiter. Hier ist der Zusammenhang eindeutig: Durchschnittliche Bieler oder Bielerinnen können sich so schnelle Autos gar nicht leisten, mit denen man Rotlichter überfahren kann. Ausserdem nimmt die Zahl von Lichtsignalanlagen ständig zu. Wer von Port bis zum Bieler Kreuzplatz fährt, muss sechs Rotlichter überfahren. Vor einem Jahr waren es erst zwei. Gut, ich weiss jetzt nicht, ob dieses Argument zählt.

Gilt noch festzuhalten, dass diese Statistik vom Bieler Gemeinderat veröffentlicht wurde, der ja für den guten Ruf seiner Stadt mit zuständig wäre. Hat der noch nie etwas von Fake-News gehört? Jetzt bleibt die ganze Verteidigung der Stadt an mir hängen. Und ich bin häufiger als Velo- denn als Autofahrer in der Stadt. Velofahrer sind völlig anders – sie halten sich noch weniger an Verkehrsregeln.


Info: Niklaus Baschung ist Journalist, Kommunikationsfachmann und Hundehalter.

 

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