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Alt und Jung

Privilegiert: Männlich, weiss und reich

Morgendämmerung am weissen Sandstrand. Mit den ersten Sonnenstrahlen im Nacken und Meeresrauschen startet mein Tag. Die Ostertage verbringe ich mit meiner Familie am Atlantik.

Jessica Ladanie

Morgendämmerung am weissen Sandstrand. Mit den ersten Sonnenstrahlen im Nacken und Meeresrauschen startet mein Tag.
Die Ostertage verbringe ich mit meiner Familie am Atlantik. Am äussersten Zipfel Europas, in der Bretagne, besitzen meine Eltern ein Ferienhaus. Während viele Menschen durch Corona um ihre Gesundheit oder ihre Existenz bangen, darf ich mir im Ferienhaus meiner Eltern eine Auszeit am Atlantik gönnen. Wahrhaftig ein Privileg.


Wir nehmen sie oft nicht wahr, unsere Privilegien. Und wir reden sie gerne klein: Der innere Wunsch, selbst für den Erfolg verantwortlich zu sein, ist in der leistungsorientierten Gesellschaft gross. Doch Privilegien werden uns in die Wiege gelegt. Unser Anteil daran ist verschwindend klein.
Die Norm sagt: Männlich, weiss, heterosexuell und gut verdienende Eltern. Treffen diese Kriterien zu, haben Sie in der heutigen Zeit den Sechser im Lotto gezogen. Für jedes nicht zutreffende Kriterium sind Benachteiligungen möglich. Denn die Abweichung der Norm wird von der Gesellschaft gemeinhin als schlecht eingestuft.


«Du hast die Position nur erhalten, weil du eine Frau bist!», so die Reaktion eines ehemaligen Arbeitskollegen zu meiner Beförderung. Mein Gegenüber stellte mein «Frausein» klar über mein Können. Sexismus ist für Frauen Alltag. Am See Yoga praktizieren? Dabei den Pulli ausziehen? Gut abwägen! Denn die Gefahr, von testosterongesteuerten Idioten zum Objekt degradiert und von Wildfremden angebaggert zu werden, ist gross. Ob sich Männer wegen ihres Geschlechts mit ähnlichen Formen der Diskriminierung konfrontiert sehen? Wohl kaum.
Privilegien sind auch eine Frage der Herkunft. Wer in der Schweiz nicht weiss ist, sieht sich auch im 21. Jahrhundert mit Anfeindungen konfrontiert. Als Person of Color werde ich häufig auf meine Hautfarbe und Herkunft angesprochen. Die Reaktion auf meine jüdischen Wurzeln reichen von Bewunderung bis Abneigung. Nicht selten endet das Gespräch in rassistischen oder antisemitischen Ressentiments. Dies, obwohl wir offensichtlich keinen Einfluss auf unsere Abstammung nehmen können. Weisse sehen sich dieser Form der Ablehnung und Diskriminierung selten konfrontiert. Die gesellschaftliche Norm ist eben Weisssein, damit sind Privilegien verbunden.


Auch wer mit der «richtigen» sexuellen Orientierung gesegnet ist, geniesst Privilegien. Mit meinem Partner händchenhaltend durch die Gassen flanieren? Zum Abschied küssen? Kein Problem! Öffentliche Liebesbekundungen gleichgeschlechtlicher Paare stossen indes noch immer auf Ablehnung und enden schlimmstenfalls in Gewalt. Sie sind eben nicht die Norm. Heterosexuelle geniessen in unserer Gesellschaft Privilegien, die Homosexuelle aus Angst vor Diskriminierung oft nur versteckt ausüben.


Privilegien tragen wir in einem unsichtbaren Rucksack. Wir nehmen sie meist nicht wahr, erachten sie als selbstverständlich. Ob männlich, weiss oder reich: Privilegien sind eine strukturelle Bevorteilung, sie sind veranlagt. Wir müssen uns nicht für sie schämen. Doch wer seine Privilegien für selbstverständlich hält, droht Benachteiligungen hinzunehmen und zu fördern.
Ich geniesse vorerst noch einige Tage vom Privileg eines Ferienhauses am Meer. Dafür bin ich dankbar. Doch mit unseren Privilegien können wir mehr erreichen: Wir können sie in Gutes und Sinnvolles investieren. Wir können zur Umverteilung beitragen und soziale Hierarchien durchbrechen. Doch zuerst müssen wir unsere Privilegien erkennen. Hinschauen und zuhören. Aus den Erfahrungen der Benachteiligten lernen und gemeinsam neue Normen kreieren.


Info: Jessica Ladanie arbeitet in der Kommunikation und ist für die Tierrechtsorganisation Tier im Fokus (TIF) fürs Visuelle zuständig.
kontext@bielertagblatt.ch

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