Sie sind hier

Alt und Jung

Klagende Rentner sind fehl am Platz

Vom 22. November 1963, als John F. Kennedy in Dallas ermordet wird, weiss ich nur, dass die 3.-Klass-Lehrerin von einer schlimmen Tat sprach. Schon viel präsenter ist mir der 
24. November 1972. Frühmorgens vernahm ich in den Nachrichten die traurige Nachricht von Mani Matter’s Autounfall.

Hanspeter Brunner

Vom 22. November 1963, als John F. Kennedy in Dallas ermordet wird, weiss ich nur, dass die 3.-Klass-Lehrerin von einer schlimmen Tat sprach. Schon viel präsenter ist mir der 
24. November 1972. Frühmorgens vernahm ich in den Nachrichten die traurige Nachricht von Mani Matter’s Autounfall.

Am 11. September 2001 befanden wir uns auf einer Weiterbildungsreise im Piemont. Beim Betreten der Hotelrezeption sahen wir Science-Fiction-Film Ausschnitte, wie zwei Flugzeuge in einen Tower flogen. Erst als wir im Zimmer die TV-Geräte einschalteten und auf allen Sendern dieselben Bilder sahen, begriffen wir die zeitnahe Tragik.

Nun scheint der 6. Januar 2021 ebenfalls zu einem einprägsamen Tag zu mutieren. Für mich ein Wechselbad der Gefühle. Nach einem gemütlichen Start in den Tag versuchte ich, die bundesrätlichen Meldungen zu verdauen. Wieder einmal das Gastgewerbe als Sündenbock mit einer angedrohten Erstreckung der «Geschlossen»-Frist bis Ende Februar. Nur vage Andeutungen und ein weiteres Hinausschieben von allfälligen Lösungen für all die gebeutelten Branchen.


Persönlich und in zwei Vereinen unterstütze ich die verordneten Schritte zur Eindämmung des Virus. Nur bereiten mir die Lobbyisten in Bundesbern immer mehr Mühe. Sich draussen bewegen ja, Skifahren super. Aber warum geschlossene Restaurants in den Skigebieten? Trotz allen Bemühungen um umweltfreundliche Take-away-Geschirre ein absoluter Öko-Blödsinn. Die Bauern werden sich nach der Schneeschmelze einige Male bücken, um all die Reste zu beseitigen.


Gott sei dank waren wir am Nachmittag des besagten Dreikönigstages zu einer privaten Weindegustation bei unserem Winzer in Erlach eingeladen. Auch wenn wir zeitweise auf die wirtschaftlichen Probleme eingingen, bei köstlichen Tropfen und interessanten Gesprächen verflog die Zeit im Flug. Vergessen waren all die vielen Aufreger der letzten Zeit. Geniessen, zuhören und Mitdiskutieren. Das Pünktchen auf dem i war dann noch der Besuch bei einer lieben Frau, die wir sehr schätzen und länger nicht mehr gesehen haben.


Der Schock folgte am Abend, als wir im Fernseher die unglaublichen Bilder aus Washington sahen. Sahen, wie eine Meute dem Aufruf eines Einzigen folgte und das Regierungsgebäude in brutaler Art und Weise stürmte. Bilder, wie wir sie vorher noch nie gesehen haben und die wir in unseren abgründigsten Fantasien nie hätten vorstellen  können. Vorkommnisse, die einem zivilisierten Land wohl auch nicht würdig sind. Aber für einmal keine Fake-Nachrichten, sondern traurige Tatsache.


Einen solchen Höhen-Tiefen-Tag kann nur verkraften, wer die «Glas-halbvoll-Sicht» hat, ein Pessimist überlebt solche Phasen kaum. Auf jeden Fall waren sich meine liebe Frau und ich wieder einmal mehr einig. Uns, die wir zur Nachkriegsgeneration gehören, geht es gut. Wir erlebten noch nie einen Weltkrieg oder eine Hungersnot. Besitzen kein Geschäft mehr und der Staat unterstützt uns jeden Monat mit unserer Rente. Wir haben ein Dach über dem Kopf und eine warme Stube. Wenn die Gesundheit einigermassen stimmt, was wünschen wir uns mehr?

Nachrichten zu Fokus »