Sie sind hier

Abo

Berlin

An einem Unort zusammengewachsen

Berlin hat kein Zentrum, oder doch? Fernweh-Autor Donat Blum geht der Frage nach, warum es ihn immer wieder an den Alexanderplatz zieht und was Platz und Turm wohl zum eigentlichen Zentrum der Stadt macht.

Der Fernsehturm am Alexanderplatz ist Orientierungs-, Dreh und Angelpunkt Berlins. Hier fotografiert von der Terrasse des Fernwehautors aus. Bild: Donat Blum
  • Dossier

Donat Blum

Er ist ein Unort, aber es zieht mich immer wieder von Neuem zu ihm hin. Und dann stehe ich da und weiss nicht recht, was ich hier tun soll: Es gibt ein Kaufhaus und ein Shoppingcenter, den S- und U-Bahnhof, den billigsten Kleider-Discounter, einige weitere Geschäfte und dazwischen ein Flickwerk von Leerflächen. Mal gepflastert, mal geteert. Kreuz und quer verlaufen Strassen und Schienen, ein Brunnen sprudelt, eine Weltzeituhr tickt und über allem prangt der Turm, von dem man vom Fuss her nicht viel mehr als den Sockel erkennt, einen ausladenden Betonklecks, vor dem sich in endlosen Schlangen Touristen aufreihen.

Man sieht den Turm von fast ganz Berlin aus
Die aufgespiesste Kugel, die Spitze des Turmes, sieht man fast von ganz Berlin aus. Zumindest vom inneren Kern und von Erhöhungen aus. Selbst in jener Nacht im Hotel sah ich die silberne Kugel durch den Nebel leuchten. Wenn auch schummrig.

Der Turm ist Orientierungspunkt aus allen Himmelsrichtungen. Eine umgekehrte Stecknadel auf dem Linienplan. S-Bahn, Busse, Strassen und U-Bahnen kreuzen sich hier. Und aus der Luft, beim Anflug auf Berlin, sieht man ihn als erstes. Als wäre das Flugzeug mit einem unsichtbaren Seil mit ihm verbunden, schwingt es sich ihm entlang in hohem Bogen vom Süden, über den Osten in den Nordwesten der Stadt. Blicke ich von unserer Terrasse über die Dächer der Stadt, dann weiss ich in dem Moment, dass mein Blick an ihm hängen bleibt: Ich bin nicht irgendwo, nicht in irgendeiner Stadt, nein, ich bin hier, in Berlin.

Der Berliner Fernsehturm, der Alex, ist Zentrum der Wahrnehmung der Stadt. Dreh- und Angelpunkt. Das Aushängeschild hingegen ist er noch nicht lange. Und offiziell ist er es gar nicht. Das amtliche Logo der Stadt wird vom Brandenburger Tor geschmückt. Und vor der Teilung hat der dem Eiffelturm nachempfundene Funkturm am westlichen Ende der Stadt mehr gegolten.

Zwei Wermutstropfen für die DDR
Die Regierung der DDR liess den «Fernmeldeturm 32», so seine damalige Baubezeichnung, im Jahre 1969 errichten. Eine Prestigebaute, die bis heute das höchste Gebäude Deutschlands darstellt und dem Westen signalisieren sollte: Wir sind die Grössten. Der mächtigste Politiker der DDR, Walter Ulbricht, trieb den Bau persönlich voran. Das Gebäude war arg propagandabelastet: Für die Zukunft stand es und für die Höchstleistung der kommunistischen Industrie- und Ingenieurskunst, für die Überlegenheit des kommunistischen Systems.

Doch neben den überbordenden Kosten begleiteten ihn zwei weitere Wermutstropfen in den Argusaugen des DDR-Apparats: Den Edelstahl für die Kuppel mussten sie aus Westdeutschland importieren – was selbstverständlich geheim gehalten wurde – und die Spiegelung der Sonne zeigte sich auf der pyramidenförmigen Beschichtung in Form eines riesigen Kreuzes. In der Bevölkerung büsste der Turm deswegen nicht an Beliebtheit ein. Als eines der ganz wenigen DDR-Gebäude schaffte es der Fernsehturm jeglichen Abrissforderungen zu trotzen und auch zu einem Symbolbild für das vereinte Berlin zu werden.

Es wird oft über den Platz gestritten
Etwas, was dem Platz darunter in dieser Eindeutigkeit nie gelang. Nur schwer lässt er sich in Bilder fassen. Ein bisschen besser steht es um die Worte. «Berlin Alexanderplatz»: Nicht nur in meinen Ohren ein klingender Name. Zu diesem dürfte ihm Alfred Döblin verholfen haben, als er 1929 einen Roman nach ihm benannte. Das Buch fand ziemlich umgehend Eingang in den deutschsprachigen Literaturkanon. «Berlin Alexanderplatz» wurde zu dem Ort, an dem Franz Biberkopf nach der Haftentlassung auf das Stadtleben trifft. Dort, wo er überfordert mit der Freiheit vor einem speisenden Paar flüchtet und dort, wo er später, als er langsam wieder Fuss fasst, Zeitungen verkauft. Das Buch wurde verfilmt und genau genommen gehören noch einige weitere Schauplätze rund um den Alexanderplatz dazu. Mit 510 Seiten voller Worte schafft es Döblin, eine Atmosphäre zu setzen, die bis heute mit dem Platz, oder zumindest dessen Namen, verbunden wird.

Nur, so eindeutig wie die Geschichte des Turmes ist diese nicht. Und so wird in der Politik und Öffentlichkeit gerne und ausführlich über den Platz gestritten. Er soll gerade unfertig bleiben! Dieser Schandfleck! Sollen neben dem Hotel weitere Hochhäuser gebaut werden? Eine Skyline! Wer bezahlt den neuen Platz-Belag? Und wie vertreibt man die saufenden Jugendlichen?

Die Uneindeutigkeit des Platzes gründet aber auch darin: Steigt man beispielsweise im Prenzlauer Berg in die U8, die als eine von drei U-Bahnen unter dem Alexanderplatz durchfährt, und verlässt sie in Kreuzköln, hat man innerhalb von 20 Minuten von einer Welt in eine andere gewechselt. Von breiten Strassen, ruhig und grün, gesäumt von Gründerzeitbauten, ist man in einem von parkenden Autos verstopften Quartier gelandet, angefüllt mit wuselndem Leben, als befände man sich auf einem ewigen Markt.

Während in Prenzlauer Berg Biolebensmittel, skandinavische Möbel und teure Kinderwagen die Schaufenster schmücken, sind es in Neukölln noch immer und vor allem glamouröse Hochzeitsgarderoben, Wasserpfeifen und Dönerspiesse, die sich vor heisser Glut drehen. Der Alexanderplatz liegt genau zwischen diesen beiden Welten. Da, wo sie aufeinandertreffen, die Menschen und die Kieze. Da, wo sie immer wieder, bei jedem Umstieg, bei jedem Besuch und mit jedem weiteren Gebäude, zusammenwachsen. Der Platz ist die Schweissnaht einer vieldeutigen Stadt. Ein Unort, zerschnitten von Brücken und Strassen, zersiedelt von hohen, langen und breiten Gebäuden, die auf den ersten Blick nicht zu einander passen, die aber zueinander gehören. Ein vielfältiger Platz und ein Turm, der diese Vielfalt als Zentrum und Zusammenhalt der Stadt markiert.

Info: Der Schriftsteller Donat Blum ist Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel und pendelt zwischen Berlin und der Schweiz. Aktuell ist er mit seinem Debüt-Roman «Opoe» auf Lesetour.

Nachrichten zu Fokus »