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Titelgeschichte

Der vergessene Atomunfall

Am 21. Januar 1969 explodiert im Versuchskraftwerk im waadtländischen Lucens ein Atomreaktor. Die Schweiz schrammt nur knapp an einer Kernschmelze vorbei. Mit dem Unfall platzt auch ein Traum: Der eines Kernkraftwerks «Made in Switzerland».

Acht Tage nach demUnfall betritt ein Team in Schutzkleidung die radioaktiv verseuchte Reaktorkaverne in Lucens. Keystone

Jana Tálos

Es war kurz nach 17 Uhr, am 21. Januar 1969. Die Bedienmannschaft des Versuchskraftwerks Lucens sass im Kontrollraum der Anlage. Vor ihr ein riesiges Schaltpult mit Knöpfen, Hebeln und Messgeräten, rund um sie herum Schaltpläne und weitere Knöpfe. 13 Stunden war es nun her, seit sie den Versuchsreaktor, der seit Oktober stillgelegt war, wieder hochgefahren hatte. Schritt für Schritt war die Leistung erhöht worden, soeben hatten sie die Schwelle von 12 Megawatt überschritten. Alles verhielt sich ruhig. Nirgends war irgendeine Unregelmässigkeit zu erkennen. Da, plötzlich, gingen die Sirenen los.

«Bloss eine Experimentalanlage»

Was sich im Innern des Kraftwerks in den nächsten Minuten und Stunden genau abspielte, sollte später nur tröpfchenweise an die Öffentlichkeit gelangen. Historiker sind jedoch der Meinung, die Schweiz sei damals «nur haarscharf an einer Kernschmelze vorbeigeschrammt» (siehe Interview Seite 27).

Ganz anders sieht das Roland Naegelin, damaliger Direktor der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen: «Das Kraftwerk in Lucens war eine kleine Experimentalanlage», sagte er 2014 in einem Interview mit dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi). «Sie hätte gar kein solches Katastrophenpotenzial gehabt.»

In ähnlicher Manier wurde das Ganze zwei Tage später auch in der Presse wiedergegeben: «Radioaktive Stoffe gelangten in Lucens an die Freiheit», titelte das «Bieler Tagblatt» am 23. Januar 1969. Bei einem Defekt im Reaktor sei «eine kleine Menge radioaktiver Produkte» in den Maschinenraum vor der Reaktorkaverne gelangt. Die Messungen hätten jedoch ergeben, dass sich die Werte weit unterhalb der Sicherheitsgrenze befinden. «Für die Bevölkerung besteht daher keinerlei Gefahr.» Keinesfalls dürfe aber von dem Zwischenfall auf eine Gefahr durch die sich im Bau befindenden Atomkraftwerke in der Beznau und in Mühleberg geschlossen werden. Die Verhältnisse bei den dort zur Verwendung gelangenden, erprobten Systemen seien völlig andere als die in Lucens.

«Babyreaktoren» für Zuhause

Dieser letzte Hinweis war entscheidend, wenn man bedenkt, an welchem Punkt sich die Schweizer Energiewirtschaft 1969 befand. Während der Bund Unmengen an Geld in die Entwicklung eines eigenen Reaktors in Lucens steckte, hatten sich die Nordwestschweizerischen Kraftwerke (NOK, heute Axpo AG) und später auch die Bernische Kraftwerke AG (BKW, heute BKW Energie AG) dazu entschlossen, schlüsselfertige AKW aus den USA zu importieren. Beznau I befand sich zum Zeitpunkt des Unfalls bereits im Bau und sollte noch im selben Jahr den Betrieb aufnehmen. Auch in Mühleberg hatten die Bauarbeiten begonnen. Die Elektrizitätswerke waren fest entschlossen, die Zukunft mit Atomenergie zu bestreiten. Wären nun Zweifel an der neuen Technologie aufgekommen, wäre das für die beiden Unternehmen verheerend gewesen.

Der Fortschrittsglaube in der Bevölkerung war zwar nach wie vor vorhanden und in der Politik herrschte von links bis rechts Konsens darüber, dass der Atomenergie die Zukunft gehört. Aber die Euphorie, die der neuen Energieform noch in den 50er-Jahren entgegengebracht wurde, war inzwischen abgeflaut. Damals gingen die wildesten Gerüchte um, was mit Atomenergie alles möglich sein soll: atombetriebene Autos, Schiffe, Flugzeuge, Hubschrauber. In den Haushalten sollten «Babyreaktoren» unbegrenzt Energie liefern.

Mit solchen Vorstellungen begann sich Ende der 40er-Jahre auch die Schweizer Maschinenindustrie mit Atomenergie zu beschäftigten. Firmen wie die Sulzer AG aus Winterthur, die Badener Brown, Boveri & Cie. (BBC) und die Escher Wyss AG aus Zürich sahen in der Atomenergie die Möglichkeit, neue Geschäftsfelder zu erschliessen. Allerdings erkannten die Unternehmen schnell, dass sie die Kosten für die Entwicklung eines Reaktors auch gemeinsam nicht würden stemmen können. Zudem fehlte das für die Kernspaltung nötige Material, das angereicherte Uran, auf das die USA zu diesem Zeitpunkt ein Monopol hatten.

Schützenhilfe bekamen die Unternehmen von staatlicher Seite. 1945 hatte der Bund die Studienkommission für Atomenergie (SKA) unter dem Vorsitz des ETH-Professors und Physikers Paul Scherrer ins Leben gerufen. Ihre Aufgabe war es, die «wissenschaftlichen und technischen Studien für die Nutzbarmachung der Atomenergie» zu koordinieren und auszubauen. Dafür wurde sie vom Bund mit einem Forschungskredit von 18 Millionen Franken ausgestattet – und dieser war 1951 längst nicht ausgeschöpft.

1952 beschloss die SKA auch Projekte der Industrie zu unterstützen. Sie beauftragte die von Sulzer, BBC und Escher Wyss gegründete «Studiengruppe Kernenergie» mit der Planung eines Versuchsreaktors. Der sogenannte P3-Reaktor sollte mit natürlichem Uran betrieben und mit Schwerem Wasser moderiert werden. Im Gegensatz zu dem von den USA kontrollierten angereicherten Uran, war Natururan nämlich deutlich einfacher zu beschaffen.

Die Schweiz hinkt hinterher

Die erste Internationale Atomkonferenz 1955 in Genf traf die Schweizer Forscherinnen und Forscher wie ein Schlag. Sie mussten einsehen, dass andere Länder mit der Entwicklung von Reaktoren bereits weit fortgeschritten waren. «Der Übergang vom Versuchsstadium zum eigentlichen technischen Stadium hat sich vollzogen», sagte Walter Boveri von der BBC später an einer Konferenz der unterdessen gegründeten Reaktor AG. Sie selbst waren weit von diesem Übergang entfernt. Trotzdem beschloss man, beim eigenen Reaktor am bisherigen Grundkonzept festzuhalten und nur die unbedingt notwendigen Anpassungen an den neusten technischen Stand vorzunehmen.

Dieser Entscheid erstaunt insofern, als dass es ETH-Professor Paul Scherrer während der Atomkonferenz gelungen war, den von den USA ausgestellten Leichtwasserreaktor «Saphir» für nur 180 000 Dollar zu erwerben. Die Amerikaner stellten zu Versuchszwecken auch das dafür benötigte angereicherte Uran zur Verfügung. Es wäre also möglich gewesen, die eigenen, im internationalen Vergleich weit zurückliegenden Forschungen, abzubrechen und mit den Leichtwasserreaktoren weiterzuforschen. Wieso geschah dies nicht?

Man wäre so direkt von den USA abhängig gewesen, weil nur sie das notwendige Uran lieferten. Zudem hätten die Amerikaner Einblick in die Anlage verlangt. Weder die Industrie noch der Bund hätten das zugelassen. Schliesslich wollte man ein Konkurrenzprodukt entwickeln.

Ein anderer Erklärungsansatz ist, dass ein mit Natururan betriebener Schwerwasserreaktor einen – je nach Sichtweise – positiven Nebeneffekt hat: Als Abfallprodukt entsteht Plutonium – der Stoff, den man braucht, um eine Atombombe zu bauen. Dass auch die Schweizer Armee während des Kalten Krieges mit dieser «Wunderwaffe» liebäugelte, ist kein Geheimnis. Der Bundesrat gab dies Ende der 50er-Jahre sogar öffentlich bekannt. In den Archiven findet sich jedoch kein handfester Beweis, dass die Personen, die sich beim Militärdepartement mit Atomwaffen beschäftigten, Einfluss auf die Konfiguration des P3-Reaktors genommen hätten. Die Atombombenpläne des Militärs wurden auch nie umgesetzt, obwohl sie bis Ende der 80er-Jahre bestanden.

Drei Projekte, ein Kompromiss

Die Reaktor AG tüftelte also weiter an ihrem Schwerwasserreaktor und nahm ihn 1960 unter dem Namen «Diorit» in Würenlingen in Betrieb. In der Zwischenzeit waren beim Bund verschiedene Projekte für den Bau kommerzieller Kraftwerke eingegangen: Bruno Bauer, Professor für angewandte Elektrotechnik an der ETH Zürich, wollte in einer Kaverne unterhalb der ETH einen mit Schwerwasser betriebenen Reaktor einbauen und als Heizung für die Hochschule verwenden. Es schien offenbar nicht besonders abwegig, mitten in der grössten Stadt der Schweiz ein AKW zu bauen. Auch Sulzer, Escher Wyss und BBC waren in der Projektgruppe vertreten.

In der Westschweiz forderte die 1957 gegründete Enusa (Energie Nucléaire S.A.) Subventionen für den Bau eines AKW in der Nähe von Lucens. Die Aktiengesellschaft wollte das Kraftwerk mit einem Leichtwasserreaktor aus den USA betreiben. Auch die Elektrizitätsunternehmen hatten nun Lunte gerochen und gründeten 1957 zusammen die Siusatom AG und beantragen beim Bund ein zinsloses Darlehen von 50 Millionen Franken, für den Import eines schlüsselfertigen AKW aus den USA.

Da dieser jedoch nur einen Schweizer Atomreaktor subventionieren wollte, wurde das Gesuch der Siusatom zurückgezogen. Für die beiden anderen Projekte fand die Regierung einen Kompromiss: Das AKW sollte in Lucens, also in der Westschweiz, gebaut werden. Verwendet werden sollte dort aber der Schwerwasserreaktor, der für die ETH-Heizung vorgesehen war.

Der Anfang vom Ende

Der Spatenstich zum Bau des Kraftwerks Lucens erfolgte 1962. Da es unterirdisch entstehen sollte, kam es jedoch bereits beim Bau zu Schwierigkeiten und die Kosten liefen dabei völlig aus dem Ruder. Die anfänglich veranschlagten 64,5 Millionen Franken reichten bei Weitem nicht aus. Am Ende kostete alleine der Bau des Kraftwerks 112,3 Millionen Franken.

Dazu kam, dass sich die NOK 1964 dazu entschieden, doch einen amerikanischen Reaktor zu importieren. «Ein Reaktor schweizerischer Konzeption wäre frühestens fünf Jahre später lieferbereit. Bis dahin wird unser Bedarf ein weiteres Nuklearwerk fordern», begründeten sie den Entscheid. Für die Schweizer Reaktorentwicklung bedeutete das den Todesstoss. Es war klar, dass Lucens mit knapp 30 Megawatt Leistung mit den amerikanischen Reaktoren nie wird konkurrieren können.

Auch die Industrie verlor nun das Interesse an der Entwicklung eines Schweizer Atomreaktors. Ein Unternehmen nach dem anderen gab den Ausstieg aus dem Projekt. Mit dem Abgang der Sulzer AG 1967 stand der Bund noch vor Fertigstellung des Werks fast als Alleininvestor da. Im Wissen, dass das Kraftwerk nur solange laufen wird, bis das dafür beschaffte Uran aufgebraucht ist, wurde es am 29. Januar 1968 eingeweiht und im Mai dem Betrieb übergeben.

Bereits bei der ersten Revision im Oktober 1968 wies der Reaktor jedoch Schäden auf. Die Abdichtungen des Kühlgebläses, das Kohlendioxid im Primärkreislauf zirkulieren liess, waren nicht sicher. Trotzdem erteilte die Aufsichtsbehörde Ende Dezember 1968 die Betriebsbewilligung. «Man hat vorausgesehen, dass ein einzelnes Druckrohr unter irgendwelcher Erhitzung von innen her aufbrechen könnte», erklärt Roland Naegelin später im Interview mit dem Ensi. Aber man habe die nötigen Vorkehrungen getroffen, «dass sich keine schlimmen Auswirkungen in der Umgebung ergeben können».

«Vertuscht und abgewiegelt»

Unter diesen Voraussetzungen fuhr die Bedienmannschaft des Kraftwerks Lucens den Reaktor am 21. Januar 1969 wieder hoch. Um 17.15 Uhr gingen die Sirenen los und die Equipe wurde von einer Schnellabschaltung überrascht. Trotz dieser Sicherheitsvorkehrung begann im Innern des Reaktors der überhitzte Brennstab Nr. 59 erst zu schmelzen, dann zu brennen. Das Feuer ging auf die benachbarten Brennstäbe über. Schliesslich explodierte der Reaktor, das radioaktive Material wurde in Richtung Kaverne geschleudert.

Die Betriebsmannschaft von Lucens konnte sich glücklicherweise rechtzeitig in Sicherheit bringen. Und auch das Dorf Lucens blieb von radioaktiver Strahlung verschont, wie der Bericht der vom Bundesrat eingesetzten Untersuchungskommission 1979 festhielt, als die Anlage längst wieder rückgebaut war. «Die Vorrichtungen, die man aufgebaut hat, haben während des Ablaufs des Unfalls sehr gut funktioniert», sagte Roland Naegelin 2014. Man habe sich nichts vorzuwerfen.

Ganz anders sah das SP-Bundesrat Moritz Leuenberger. In seiner Rede an der Gründungsfeier des Ensi 2009 hielt er fest: «Die damalige amtliche Verlautbarung sprach lediglich von einem Zwischenfall. Heute finden wir Lucens auf der Liste der 20 schwersten Reaktorpannen der Welt. Das wahre Ausmass der Panne wurde also vertuscht und abgewiegelt.»

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«Irgendwann ist man an einen Punkt gelangt, an dem man nicht mehr zurückkonnte»

Der Historiker Michael Fischer hat in seinem Buch «Atomfieber» die Geschichte der Atomenergie in der Schweiz analysiert. Der Unfall in Lucens bezeichnet er als eines von mehreren «dunklen Kapiteln» in der Schweizer Atompolitik – und zeigt auf, warum es so lange gedauert hat, bis man anfing, die «Energie der Zukunft» zu hinterfragen.

Michael Fischer, in der Einleitung von «Atomfieber» schreiben Sie, die Motivation, dieses Buch zu machen, sei gewesen, «gegen das Vergessen» anzuschreiben. Verdrängt die Schweiz die Geschichte ihrer Atompolitik?

Michael Fischer: Ich finde es einfach erstaunlich, wie schnell es geht, bis ein so gravierendes Ereignis wie eine Kernschmelze aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet. Der Unfall in Lucens 1969 ist ja vergleichsweise glimpflich ausgegangen. Aber die Explosion in Tschernobyl 1986, das war richtig verheerend, die schlimmste Technikkatastrophe überhaupt in der Menschheitsgeschichte. Es gab dann auch eine enorme Empörung in der Gesellschaft, und man diskutierte zum ersten Mal ernsthaft über die negativen Aspekte der Atomenergie. Aber dann geriet der Unfall wieder in Vergessenheit – und man diskutierte plötzlich darüber, neue AKW zu bauen.

Nach dem Unfall in Fukushima von 2011 hat der Bundesrat aber beschlossen, schrittweise aus der Atomenergie auszusteigen.

Das stimmt. Aber am Ende verlief es bei Fukushima wie bei Tschernobyl: Die Aufregung war am Anfang riesig. Man stellte Fragen, die man zuvor nicht stellte. Heute, nur wenige Jahre später, hört man aber kaum mehr etwas davon. Und das, obwohl es Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende dauern wird, bis die verstrahlten Gebiete wieder bewohnbar sind.

Ihr Buch beginnt nicht bei Fukushima, auch nicht bei Tschernobyl oder Lucens, sondern unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach dem Abwurf der beiden Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Warum setzen Sie hier an?

Um die Geschichte der Atomenergie zu verstehen, muss man sich die damalige Sicht der Dinge vor Augen führen. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war die Euphorie darüber, Atomenergie auch zivil nutzen zu können, riesig. Man hatte das Gefühl, dass sie zu Wohlstand und weltweitem Frieden führt. Und es gab auch überhaupt keine Bedenken bezüglich der Sicherheit von AKW, obwohl man wusste, was die Atomkraft als Bombe anrichtet. Erst nach den ersten Unfällen fing man an, sich Gedanken darüber zu machen. Das Gleiche sehen wir beim Atommüll. Es ist doch erstaunlich, dass man seit 50 Jahren eine Energie nutzt, ohne eine Lösung dafür zu haben, was man mit den Abfallprodukten macht.

Sie meinen also, in der ganzen Euphorie haben die Menschen die unangenehmen  Folgen einfach verdrängt?

Genau. Und ich finde gerade die Atomenergie  ein gutes Beispiel dafür, wie unsere Gesellschaft mit neuen Technologien umgeht. Man ist zuerst total euphorisch, befürwortet sie völlig kritiklos und macht sich keine Gedanken über die negativen Folgen, weil sie unser Leben ja zuerst einmal einfacher machen. Ähnlich verhält es sich zum Beispiel gerade bei der Digitalisierung. Auch bei ihr fängt man erst jetzt an, sich zu fragen, welche negativen Folgen sie haben könnte.

Der Unfall von Lucens ist eines der «dunkeln Kapitel» der Schweizer Atompolitik, die «bis heute weitgehend im Verborgenen liegen», wie Sie schreiben. Wenn man sich mit dem Vorfall auseinandersetzt, spürt man, wie besessen die Schweizer Regierung von dem Projekt gewesen sein muss. Es wurde durchgezogen, obwohl schon früh klar war, dass es scheitern wird. Wie erklären Sie das?

Ich denke, der Hauptgrund war sicher, dass auch militärische Interessen im Spiel waren. Sonst hätte man nicht so lange an diesem Reaktortyp festgehalten, obwohl man schlüsselfertige AKW aus den USA hätte importieren können. Der Versuchsreaktor in Lucens lief ja mit Natururan, das damals viel einfacher zu beschaffen war, als das angereicherte Uran, auf das die USA ein Monopol hatten. Die Amerikaner wollten verhindern, dass andere Länder Atombomben bauen, und haben deshalb strikt kontrolliert, für was das Uran verwendet wird. Mit dem Natururan hatte man dieses Problem nicht. Gleichzeitig war Lucens auch ein Prestigeprojekt. Man wollte beweisen, dass auch die Schweiz in der Lage ist, einen Reaktor zu entwickeln. Schliesslich betrieb man an der ETH Spitzenforschung.

1968 wurde der Reaktor dann tatsächlich in Betrieb genommen, der Beweis war damit ja erbracht. Trotzdem wurde das Projekt weiter angetrieben, selbst dann noch, als sich zeigte, dass es im Reaktor Probleme gibt. Da hätte man doch aufhören können?

Ich denke, irgendwann ist man an einen Punkt gelangt, an dem man nicht mehr zurückkonnte. Man hatte schon so viel Geld investiert, dass man nicht einfach hätte abbrechen können, ohne dass das Fragen aufgeworfen hätte und jemand zur Verantwortung gezogen worden wäre.

Die Konsequenz war dann der Unfall, bei dem man nur haarscharf an einer totalen Kernschmelze vorbeischrammte. Trotzdem kann sich heute kaum jemand an das Ereignis erinnern. Wurde Lucens einfach gut vertuscht?

In erster Linie hatte man wohl einfach wahnsinnig Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Wäre es zur vollständigen Kernschmelze gekommen, bevor der Reaktor explodierte, dann wäre heute die halbe Westschweiz unbewohnbar. Das trat aber nicht ein, und so konnte sich die Kommission, die damals den Unfallhergang untersuchte, fast zehn Jahre Zeit lassen, bis sie ihren Bericht veröffentlichte – mit dem Fazit, dass die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen sei.

Der Bericht wurde zurückgehalten, um Gras über die Sache wachsen zu lassen?

Meines Erachtens, ja. Man wollte den Unfall kleinreden, verharmlosen. Und was auch noch bedenklich ist: Die Leute, die in dieser Untersuchungskommission sassen, waren teils dieselben, die nach der Revision die Betriebsbewilligung für Lucens ausgestellt hatten. Dass die ihren eigenen Entscheid später nicht infrage stellten, ist ja logisch. Man darf aber auch nicht vergessen: In dieser Zeit gab es noch keinerlei Widerstand gegen die Atomenergie. Die Anti-AKW-Bewegung kam erst später, Mitte der 70er-Jahre, auf. Lucens geschah ein paar Jahre zu früh, als dass es zu einem Symbol dieser Bewegung hätte werden können.

Neben dem Traum vom eigenen Reaktor gab es in der Schweiz den Traum der eigenen Atombombe – auch daran erinnern sich heute die wenigsten, obwohl man es sogar öffentlich verkündete. Wie erklären Sie sich das?

Für mich ist das nach wie vor unbegreiflich. Es gab damals zwar Gegnerinnen und Gegner, die ein Atomwaffenverbot forderten. Das waren vor allem pazifistische Kreise und der linke Flügel der SP. Als es dann Anfang der 60er-Jahre tatsächlich zur Abstimmung kam, wurde das Verbot aber mit 65 Prozent Nein-Stimmen abgeschmettert. Ein Grossteil der Bevölkerung war also der Meinung, dass die Schweiz diese Waffen braucht. Umgesetzt wurden die Pläne jedoch nie, obwohl die Armee sie bis 1988 weiter­verfolgte.

Zurück zu Ihrem Buch: Es trägt den Titel «Atomfieber». Was bedeutet er für Sie?

Er beschreibt einerseits diese Euphorie, die man am Anfang gegenüber der Atomenergie an den Tag legte. Man glaubte, man könne damit Wüsten wieder fruchtbar machen und am Nordpol Palmen wachsen lassen. Gleichzeitig hat das Fieber auch etwas Krankhaftes. Wer Fieber hat, ist nicht bei klarem Bewusstsein. Das ist für mich auch der Grund, warum es so lange gedauert hat, bis man über die negativen Folgen der Atomenergie sprechen konnte.

Wann ist die Stimmung gekippt? War es nach Fukushima?

Ich denke, Fukushima war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, zumindest in der Schweiz. In den 50er- und 60er-Jahren war die Blütezeit der Atomenergie. In den 70er-Jahren kamen dann erste Kritiker. Die Gesellschaft fing an, sich daran zu spalten. Und mit jedem Unfall, der sich ereignete, stellten sich mehr Menschen die Frage: Was, wenn so etwas wie Tschernobyl bei uns passiert?

Am 20. Dezember geht das AKW Mühleberg vom Netz. Eine zufriedenstellende Alternative zu Atomenergie und fossilen Brennstoffen hat man aber noch nicht gefunden. Wie lange brauchen wir unsere AKW noch?

Das Problem ist, dass man andere Technologien lange nicht gefördert hat, obwohl sie längst da waren. Man hat sich zu lange auf die Atomenergie verlassen. Nun stehen wir in einer grossen Abhängigkeit zu ihr, jedenfalls was den Stromverbrauch betrifft. Es wird also ein längerer Prozess, dieses Versäumnis wieder wettzumachen. Was ich aber problematisch finde, ist, dass man unsere alten AKW einfach unbefristet weiterlaufen lässt. Je älter sie werden, desto höher ist das Risiko, dass irgendwann doch etwas passiert. Das ist meiner Meinung nach ein gefährliches Experiment.

Ihr Buch soll ein Werk gegen das Vergessen sein. Wie kann es die heutige Debatte um die Atomenergie beeinflussen?

Ich hoffe, dass kommende Generationen darin eine Übersicht finden, die ihnen aufzeigt, wie das eigentlich alles angefangen hat, mit welcher Euphorie man diese neue Technologie in Angriff nahm und was mit den Atomwaffen für abstruse Pläne entwickelt wurden. Die Diskussion rund um die Atomenergie wird uns noch lange beschäftigen. Es ist deshalb sicher nicht schlecht, wenn man die Vergangenheit dieser Technologie kennt und sie in die Debatte einbringen kann.

Interview: Jana Tálos

Info: Michael Fischer hat Philosophie, Geschichte und Ethnologie studiert und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre Dürrenmatt in Neuenburg. Sein Buch «Atomfieber – eine Geschichte der Atomenergie in der Schweiz» (384 Seiten, 44 Franken) erscheint im März im Hier und Jetzt Verlag.
Stichwörter: Lucens, Atomunfall, 1969

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